Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 10 › Seite 146

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Mai 1907, Seite 146

145 146 147 148 149 150 151 152 153 154 155 156 157 158

Scan: Internet Archive item DerLutheraner63_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenzucht · Kirchenzucht 13

⤓ Download .txt · copy text

146 8 VDer V„Tutheranesss

Die rechte von Gott gebotene Kirchenzucht.

4.

Ehe wir darangehen, das Kirchenzuchtsverfahren im ein⸗
zelnen darzulegen, ist es nötig, darauf hinzuweisen, in wel⸗
chem Sinn und Geist die Kirchenzucht gehandhabt wer⸗
den muß. Außer diesem rechten Sinn und Geist ist das ganze
Verfahren nur leere Form, selbst wenn äußerlich alles ganz
korrekt zuginge. Welches ist nun dieser rechte Sinn und Geist?
Man kann das ganz kurz so ausdrücken: Die Kirchenzucht darf
nicht im gesetzlichen, sondern sie muß im evangelischen
Sinn und Geist gehandhabt werden. Was heißt das? Das
ersehen wir aus Matth. 18. Der SErr Christus sagt zu dem,
der seinen Bruder zunächst unter vier Augen strafen soll: „Höret
er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen.“ Darauf
kommt es an, darauf hin zielt die ganze Kirchenzucht und soll
und muß sie stets zielen, daß wir den Bruder gewinnen, daß
wir ihn, der auf dem Wege des Verderbens geht, der in Gefahr
steht, verloren zu gehen, gewinnen. Was heißt das, den Bruder
gewinnen? Die Schrift gebraucht dieses Wort niehrfach in
demselben Sinn, in dem es hier steht. So schreibt zum Beispiel
der Apostel Paulus 1 Kor. 9, 19: „Denn wiewohl ich frei bin
von jedermann, hab' ich mich doch selbst jedermann zum Knechte
gemacht, auf daß ich ihrer viel gewinne“; und erklärt das
V. 22 also: „Ich bin jedermann allerlei worden, auf daß ich
allenthalben ja etliche selig mache“, das heißt, rette, rette vom
ewigen Verderben. Das heißt hier gewinnen, den Bruder vom
Verderben retten, ihn gewinnen, nicht etwa zum Freunde oder
zum Bruder, sondern ihn gewinnen für Christum, für seine
Kirche, für das ewige Heil, die ewige Seligkeit.

Daß ein solches Gewinnen nach des HErrn Absicht Zweck
und Ziel des ganzen Kirchenzuchtsverfahrens ist, zeigt auch der
Zusammenhang, in dem unsere Stelle steht. Der HErr jagt
V. 11, daß „des Menschen Sohn kommen ist, selig zu machen,
was verloren ist“. Und dann erzählt er V. 12. 13 ein Gleich⸗
nis von einem Menschen, der hundert Schafe hat und doch, wenn
eins sich verliert, die neunundneunzig auf den Bergen läßt und
hingeht, es mit aller Treue zu suchen, und sich, wenn er es
findet, mehr freut über dieses Eine, das verloren war und
wiedergefunden ist, als über die andern neunundneunzig, die
nicht verirrt sind. Seine erbarmende, suchende Heilandsliebe
beschreibt der HErr als eine solche, die mit allem Fleiß jedem
einzelnen Sünder nachgeht, ihn zu retten von seinem bösen
Wege, ihn zur Herde zurückzubringen. Da scheut der HErr
keine Arbeit, keine Plage, da ist er unermüdlich, diesem ver⸗
lorenen Schäflein nachzugehen, es zu suchen, bis daß er es
finde. Und welche Freude, wenn er es findet! Es ist Freude im
Himmel vor den Engeln Gottes über jeden Sünder, der Buße
tut. Und der HErr fügt dann weiter hinzu: „Also auch ist's
vor eurem Vater im Himmel nicht der Wille, daß jemand von
diesen Kleinen verloren werde“, V. 14. Es ist Gottes Wille,
Gottes Gnadenwille, daß niemand von den Kleinen, niemand
von den Schäflein seiner Herde, verloren gehe, er will sie alle
bewahren und in den Himmel bringen. Darum geht der Hei⸗
land mit solcher Hirtentreue einer jeden einzelnen Seele nach,
die sich verlaufen hat, oder abirren will vom rechten, schmalen
Wege. Sein Heilandsherz bricht in Erbarmen gegen die armen
Sünder, die ihrem Verderben entgegengehen. Und dann fährt

der HErr fort: „Sündiget aber dein Bruder an dir“ ꝛc. Die

Jünger des HErrn sollen seine Mitarbeiter sein an diesenr herr
lichen Werke. Wie ihr SErr und Heiland, so sollen auch sie
dem Irrenden, einem jeden einzelnen, nachgehen mit aller Liebe
und Treue, daß sie ihn wiederfinden und das verlorene Schäf⸗
lein zur Herde zurückführen. Durch seine Christen, durch ihre 4
treue Arbeit an den Seelen vermittelst des Wortes Gottes, ver⸗

mittelst treuer Ermahnung, Warnung, Strafe und Trost aus
Gottes Wort, will der HErr, der große Hirte der Schafe, sein
Werk an den einzelnen Schäflein ausrichten. Dazu hat er

seiner Gemeinde den Auftrag gegeben, Kirchenzucht zu üben

an dem sündigenden Bruder.

Es ist ja wahr, auch das ist Zweck der Kirchenzucht, daß 4

die Gemeinde die offenbaren, unbußfertigen Sünder von sich
hinaustue. Die Gemeinde soll die nicht in ihrer Mitte dulden,

sondern von sich ausschließen, die endlich gar nicht hören, son⸗

dern in ihrenn bösen Wesen bleiben wollen. „Tut von euch
selbst hinaus, wer da böse ist“, sagt der Apostel 1 Kor. 5, 13.

Die Gemeinde des HErrn soll sich, soweit das in diesem Leben 3

möglich ist, auch äußerlich darstellen als eine heilige Gemeinde,

welche die beharrlichen mutwilligen Sünder nicht tragen kann. 2

Sie soll das offenbar Böse nicht dulden, damit die Christen sich
um so mehr davor fürchten und hüten. Wenn die Gemeinde
offenbare, unbußfertige Gottlose in ihrer Mitte duldet, so wird

bald gottloses, weltliches Wesen immer mehr bei ihr einreißen. —.4
Aber dieser Zweck des Verfahrens tritt doch erst in zweiter

Linie ein, erst dann, wenn es sich klar herausgestellt hat, daß
alle Liebe und Freundlichkeit, daß alles erbarmende Nachgehen
an dem sündigenden Bruder vergeblich ist, wenn es sich klar
herausgestellt hat, daß er kein Bruder mehr ist, sondern ein
gottloser Mensch, der von seinen Sünden nicht ablassen, sondern

darin bleiben will. Solange die Gemeinde noch nut dem Sün-⸗

der handelt, muß der Sinn und Geist der erbarmenden Sünder⸗

liebe JEsu walten, das ganze Verfahren durchdringen von An⸗“ ö ö

fang bis zu Ende, dem Ganzen seinen Stempel aufdrücken.

Das darf nie Zweck und Absicht sein, den betreffenden Menschen 4 7

loszuwerden, wenn auch unter Einhaltung der äußeren Form

des Verfahrens, sondern den Sünder zu retten, seine unsterb⸗

liche Seele vor dem ewigen Verderben zu bewahren. Ja, selbst
wenn der letzte schwerste Schritt getan, wenn der Sünder aus

der Gemeinde ausgeschlossen werden muß, so tut das die Ge⸗ 3

meinde ja allerdings zu dem Zweck, um nach göttlichem Befehl
die mutwilligen Sünder von sich hinauszutun, aber auch dabei
ist sie noch durchdrungen von dem Geist der Sünderliebe JEsu.

Auch den Bann sieht sie noch als letztes Mittel an, den Sünder

zur Erkenntnis seines traurigen Zustandes zu bringen. Im
Hinblick auf den Sünder hat die Gemeinde auch bei dem letzten
Schritt, bei der Aussprechung des Bannes, noch die Absicht, ihn
zur Buße zu bringen, so Gott Gnade gibt. Er soll erschrecken
lernen über seine Sünde, wenn er sieht, daß seine Brüder, daß
die Gemeinde des HErrn ihn von ihrer Gemeinschaft und damit
vom Himmelreich selbst ausschließt.

Achten wir doch ja mit allem Fleiß darauf, daß dieser
Geist der erbarmenden Liebe zu dem armen Sünder nie ver⸗
leugnet wird! Es ist gewißlich zu empfehlen, daß beim Beginn
des Verfahrens darauf nachdrücklich aufmerksam gemacht werde,
daß das eigentlich Zweck und Ziel der Kirchenzucht ist, den
sündigenden Bruder womöglich zu gewinnen. Hat die Ge⸗

English translation

Not yet translated.