Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 10 › Seite 156

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Mai 1907, Seite 156

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Bibelleſen 12 · Gebet 25 · Gewiſſen 2 · Kirchenzucht

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verstehen; zur allenfallsigen Orientierung sind in bestimmten Ent⸗
fernungen Erdhügel aufgeworfen, und es wurde mir gesagt, ich
müßte beim zwölften Hügel rechts abbiegen. Leider hatte sich
mein Kutscher um einen verzählt. Es war eine dunkle Nacht, und
plötzlich blieben die Pferde stehen, weil sie keine Wegspur mehr
entdecken konnten. Nun war guter Rat teuer; endlich meinte mein
Kutscher, daß die Pferde sicher nach einiger Zeit infolge ihres In⸗
stinktes von selbst nach irgend einer Richtung sich fortbewwegen
würden. Es dauerte auch nicht lange, so schlugen sie einen Trab
an, und nach einer Stunde befanden wir uns vor einem Gehöft,
wo alsbald eine Frau mit einem Lichte erschien und sich nach un⸗
sern Wünschen erkundigte. Sie war eine deutsche Kolonistin.
„Wir haben uns verirrt“, sagte ich. Mit zitternder Stimme fragte
darauf die Frau: „Sind Sie nicht Herr Pastor Keller?“ Als ich
bejahend antwortete, ließ sie ihr Kerzenlicht fallen und schrie:
„HErr Gott, nun glaube ich, daß du Gebete erhörst! Den ganzen
Tag habe ich gebetet, daß Gott mir den Herrn Pastor senden
möchte, denn mein Mann liegt bereits seit vielen Stunden im
Todeskampfe und jammert, er könne nicht sterben, bevor er nicht
eine Beichte abgelegt habe.“ Dieser Ort lag weit bon meinem
beabsichtigten Reiseziel entfernt, und ich wäre erst später dorthin
gekommen; nun aber mußte ich mich verirren, um einem Ster⸗
benden in seiner Todesnot beizustehen. Der in seiner Seele schreck⸗
lich Gemarterte bekannte mir unter Zittern und Zagen, daß er
vor mehreren Jahren einen Mord begangen habe und daß der
Täter unentdeckt sei. Ich konnte dem Reumütigen die Absolution
erteilen und das heilige Abendmahl reichen, worauf er ruhig wurde
und etwas schlummerte. Einige Stunden später wurde ich geweckt,
weil der Sterbende sehr unruhig wurde und nach mir verlangte.
Er drückte mir dankbar die Hand, und im Glauben an seinen Er⸗
löser ging seine getröstete Seele zur ewigen Ruhe ein.

Der Unglaube sagt: Das war Zufall! Der Christ aber weiß
aus dem Worte der Wahrheit, daß der HErr seine Auserwählten
leitet und führt, oft wunderlich, doch himmelan!

Der beste Reisegefährte.

Der berühmte verstorbene, von Haus aus römisch⸗katholische
Maler Ludwig Richter teilt in seinem in neuer Auflage erschiene⸗
nen Buche: „Lebenserinnerungen eines deutschen Malers“ folgen⸗
den Fall mit, den er als junger Mann auf seiner Reise nach Rom
im Jahre 1823 in Salzburg erlebt hat:

„Bei schlechtem Wetter saß ich eines Abends in meinem
Stübchen; mein Wunsch, einen Reisegefährten zu finden, und all
mein Suchen danach war vergebens gewesen, und verstimmt dar⸗
über war mein Entschluß gefaßt, am andern Morgen allein weiter
zu reisen. Da klopfte es an meine Türe. Auf mein „Herein“
trat ein Mann ein, der bereits in den Fünfzigen sein mochte, eine
gedrungene, breite Gestalt, sehr sauber in seiner Kleidung und
mit einem Gesicht, auf welchem Tüchtigkeit und ehrenhaftes Wesen
deutlich geschrieben stand. Er erzählte, er komme von Triest und
wolle nach Holland zu Weib und Kind. Er sei Steuermann auf
einem holländischen Fahrzeuge, das Schiffbruch gelitten habe; und
zur Bestätigung des Gesagten legte er mehrere Zeugnisse von
den betreffenden Behörden vor. Der Mann hatte für mich etwas
Anziehendes in seiner festen, ruhigen und bescheidenen Weise, und
so gab ich ihm auch gern ein paar Zwanzigkreuzer, was in Be⸗
tracht meiner schwachen Kasse viel genannt werden konnte. Er
dankte, nahm seine Papiere wieder zusammen, sah mich mit einem
dankbaren Blick an, als möchte er mir auch etwas Liebes erzeigen,
und sagte: „Ich habe einen langen Weg vor mir, aber ich habe
einen guten Reisegefährten! „O das ist ja ein Glück!“ erwiderte
ich lebhaft, im Gefühl, daß ich einen solchen schmerzlich entbehre.
⸗Wer ist es denn?“ Es ist der liebe HErrgott selber; und hier“

— er zog ein kleines Neues Testament aus der Brusttasche —.
hier habe ich seine Worte; wenn ich mit ihm rede, so antwortet
er mir daraus. So wandere ich getrost, lieber junger Herr“
Nochmals dankte er und ging. Mich aber hatte die Rede wie ein

Pfeil getroffen, und ein Stachel davon blieb noch lange in mei⸗
nem Herzen sitzen. Ich hatte an Gott nicht gedacht, für mich war

er eine ferne, unbestimmte Macht, und dieser arme Mann sprach
und sah darein, als kenne er ihn recht wohl, als stehe er in leben⸗

digstem Verkehr mit ihm, woraus ihm ein so getroster Mut, eine
so freudige Zuversicht erwuchs. Sein kleiner Schatz, das Büch⸗
lein, war mir völlig fremd; ich hatte ja nie eine Bibel gelesen.“

Welche Bedeutung diese kleine Begebenheit auf die Entwicklung

des inneren Lebens von Ludwig Richter gehabt hat, ist bekannt.
Hast du diesen guten Reisegefährten auch bei dir auf deiner
Lebensreise?

Die Macht des Gewissens.

In ein Bankgeschäft kam ein ärmlich gekleideter Knabe, ließ
sich zu den Inhabern des Geschäftes führen und übergab ihnen
eine versiegelte Schachtel.

„Von wem kommst du?“ fragte der Bankier.

„Das weiß ich nicht“, antwortete der Knabe.

„Wer hat dir die Schachtel gegeben?“

„Auch das weiß ich nicht.“

Der Bankier hielt voller Argwohn und Mißtrauen den Kna⸗

ben, der sich entfernen wollte, zurück; er vermutete irgend einen

Betrug oder einen unpassenden Scherz. Weder durch freundliches

Zureden noch durch Drohung mit der Polizei war aus dem Kna⸗
ben eine bestimmtere Antwort oder Auskunft herauszubringen.
Der Knabe blieb dabei, er wisse nichts Genaueres; ein Unbe⸗
kannter habe ihn gefragt, ob er gegen eine kleine Vergütung die
Schachtel bei dem Bankier abliefern wolle. Er habe sich schnell
dazu bereit erklärt. Der Unbekannte habe ihm das Haus gezeigt,
die Schachtel und das Geld eingehändigt und auf der Straße ge⸗
wartet, bis er ihn in das Geschäftszimmier habe eintreten sehen.

Der Bankier ging mit dem Knaben zu der Polizei, machte
Anzeige und wollte alles Weitere der Polizei überlassen. Der
Knabe sagte auch da nichts anderes aus.

Im Beisein des Bankiers wurde die Schachtel geöffnet. Man
fand einen Zettel mit folgenden Worten: „Vor mehreren Jahren
habe ich Sie um die Summe von 2000 Talern gebracht. Jetzt,
wo ich jeden Augenblick den Tod erwarte, möchte ich nicht gern
mit einer solchen Schuld und wit einem bösen Gewissen belastet
in die Ewigkeit hinübergehen. Sie erhalten also hierbei dir
Summe nebst den Zinsen von der Zeit an, wo Sie solche entbeh⸗
ren mußten. Meinen Namen werden Sie nie erfahren, auch nicht
ihn zu erraten imstande sein, denn als Sie die Summe einbüßten,

war die Sache so fein und behutsam eingeleitet, daß Sie den

Verlust nur am Jahresschluß merken konnten.“ — Die Summe
befand sich in der Schachtel.
Schweigt das Gewissen auch monate⸗ und jahrelang, viel⸗
leicht eine ganze Lebenszeit hindurch — angesichts des Todes, an
der Schwelle, da man aus der Zeit in die Ewigkeit geht, wird es
wach und läßt keine Ruhe. Der Gedanke an das Schuldbuch bei
Gott und an die Wege der Gerechtigkeit treibt zur Buße und
Sühne.

Bittet, suchet, klopfet an!

Erstlich will Christus, wir sollen bitten, wenn wir in

Not und Anfechtung sind; denn Gott verkreucht sich manchmal

irgendwohin und tut, als wolle er nicht hören und sich nicht finden
lassen. So muß man ihn denn suchen, das ist, mit Beten an⸗

S &

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