Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 10 › Seite 154
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Mai 1907, Seite 154
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gebet 23 · Kirchenzucht
15⁴ Der .„Tutheransee
Doch was sagt der Heilige Geist? Er sagt: „Sorget nichts;
sondern in allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet und Flehen
mit Danksagung vor Gott kund werden“, Phil. 4, 6. Und er
sagt: „Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch“,
1 Petr. 5, 7. Und als Petrus versinken wollte, rief er: „HErr,
hilf mir!“ Und JeEésus reckte bald die Hand aus und ergriff
ihn. Matth. 14, 30. 31.
Wie verhält sich denn nun die Sache? Die Sache verhält
sich gerade so, wie unser Katechismus sagt. Aber sie verhält sich
nicht so, wie unser armes Fleisch und Blut meinen will und wie
oben angezeigt ist.
Die Sache verhält sich so: Laß dir vor allen Dingen am
Herzen liegen, daß du Gottes liebes Kind bist und bleibst. Um
diese große und unvergleichliche Gnade und Gabe bitte Gott vor
allen Dingen mit fröhlicher Zuversicht und „ohne Bedingung“.
Bist du aber Gottes liebes Kind, so sei aus Gottes Wort gewiß,
daß Gott in allen Dingen und in jeder Not dein Rufen und
Schreien noch viel tausendmal lieber hören und erhören will, als
eine treue Mutter auf Erden das Rufen und Schreien ihres lieben
Kindleins hören und erhören will, wenn dieses in Not ist, oder
wenn es meint, daß es in Not ist. Eben das ist Gottes Ehre und
seine zärtliche und erbarmungsvolle Freude, wenn wir ihn in
allen Nöten anrufen, wie ein liebes Kind seinen lieben Vater oder
seine liebe Mutter. Er hört, er horcht, er liebt dich, er ist voll
von Zärtlichkeit und Erbarmen gegen dich. Wenn der treue Gott
aber findet, daß deine Bitte unanständig ist und nicht „zu seiner
Ehre und zu deinem Heil gereicht“, willst du dann verzagen oder
unzufrieden sein, wenn er dich anders, als du wünschest, aber
richtig und väterlich behandelt?
Ich bin in meinem Leben schon oft und viel in Angst und
Not gewesen (viel öfter freilich in Angst als wirklich in Not)
und habe Gott viel in den Ohren gelegen. Und wie ist es? Hier
bin ich heute noch. Ich bin nicht umgekommen. Gott hat mir
über Bitten und Verstehen geholfen. Und wenn ich gefragt werde,
ob ich auch je Mangel gehabt habe, so muß ich antworten: „HErr,
nie keinen.“ Doch ist mir immer noch oft angst und bange.
Ich rufe und schreie immer noch. Und blutschwer fällt es mir,
die Verse zu lernen:
Hat er dich nicht von Jugend auf
Versorget und ernährt?
Wie manchen schweren Unglücksfall
Hat er zurückgekehrt!
Er hat noch niemals was versehn
In seinem Regiment;
Nein, was er tut und läßt geschehn,
Das nimmt ein gutes End'.
Ei nun, so laß ihn feruer tun
Und red ihm nichts darein,
So wirst du hier in Frieden ruhn
Und ewig fröhlich sein.
Vor langen Jahren war ich Schulmeister. Ich hatte drei
Klassen; in jeder Klasse war ein Kind. Ich bekam 200 Taler
jährlich und freie Station. Das Haus war ein Schloß. Die
Schulstube hatte mit blauer Seide gepolsterte Stühle. Zu der
Zeit geschah es, daß ich dem lieben Gott versprach, keine Schulden
mehr zu machen, und ihn bat, er wolle mir helfen, mein Ver⸗
sprechen zu halten. Und ich bestellte ein theologisches Werk, das
sehr teuer war, und fragte nicht, wie teuer. Ich dachte, mein
Vierteljahrgehalt würde mehr als ausreichend sein. Zu Neujahr
bekam ich meine 50 Taler. Abends saß ich mit der Familie zu⸗
sanmen. Der Postreiter kann. Die Mutter meiner Kinder machte
den Postsack auf und gab mir einen Brief. Das war die Rechnung
vom Buchhändler: 70 Taler! So hatte ich 20 Taler Schulden.
Eilends ging ich hinauf in meine Stube und fiel auf die Kniee
und sagte zu Gott, er möge mir doch vergeben und er möge mir ö
20 Taler geben, er sei ja reich. Dann ging ich wieder hinunter.
Die Baronin sagte: „Wo sind Sie denn so schnell hingelaufen?
Hier ist noch ein Brief.“ Ich nahm den Brief, machte ihn auf
und fand 20 Taler darin. Eine Danie, die ein Stipendium zu
verwalten hatte, schrieb mir, sie habe gerade noch 20 Taler und
habe gedacht, ich könne sie gebrauchen. — Jes. 65, 24 steht: „Und
soll geschehen, ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch
reden, will ich hören.“
Ein anderes Mal war ich nicht in einer so kleinen Not, wie
eben erzählt, sondern in einer großen und schrecklichen Not mit
Weib und Kind. Und ich war in fernem, fremdem Lande. Und
alle Freunde und Verwandten hatten sich von mir abgekehrt, denn
es handelte sich um den rechten Glauben und dessen Bekenntnis.
Eigentlich aber war ich nicht in Not, sondern die Not lag nur
drohend nahe vor der Tür. Es ging da nach dieser Weise:
Wenn wir in höchsten Nöten sein
Und wissen nicht, wo aus noch ein,
Und finden weder Hilf' noch Rat,
Ob wir gleich sorgen früh und spat.
Und nicht ich allein war in Not, sondern mit mir noch drei andere
mit ihren Familien. Ob ich da zu Gott rief? Allerdings. Kam
Gottes Hand? Scheinbar nicht gleich. Aber als die Not am
größten, das heißt in diesem Fall: am nächsten, war, da war
auch Gottes Hilfe am nächsten. Es kam plötzlich und völlig un⸗
erwartet von einem unbekannten, aber doch bekannten Manne eine
große Summe Geldes. Und es war uns allen geholfen. Das 3
war Gottes Hand, Gottes gute, liebe Vaterhand.
O ich könnte noch viel meehr erzählen von Gottes sichtlicher
Hilfe.
Sollen wir Kinder Gottes Gott nicht vertrauen? und ihn
anrufen? und dann wieder ihm vertrauen? Sollen wir ihm
nicht vertrauen, auch wenn er einmal durch die Tat sagt: Nun,
mein Kind, nicht so!? Sollen wir unartig sein, wenn er nicht
gibt, was wir für gut halten?
Als ich ein ganz kleines Kind war, da streute meine Mutter
ein weißes Pulver auf ein Stück Brot und gab das dem Dienst⸗
mädchen, es in den Keller zu legen — für die Ratten. Ich meinte,
das sei Zuckerbrot. Und ich bat auch um so was. Die Mutter
wollte es nicht geben. Ich weinte und schrie. Die Mutter er⸗
klärte. Ich weinte und schrie mehr und war unartig. Da kam
der Vater —.
O, unsere Katechismusfrage ist schon recht. Aber am Glau⸗
ben und kindlichen Vertrauen fehlt es bei uns. Aber das ist auch
wahr, daß wir ganz kindlich Gott in allen Nöten, wirklichen und
vermeinten, anrufen sollen. Und er hört voll Erbarmen. Und
er hilft viel öfter und besser, als wir denken. Auch sind wir in
diesen Sachen so vergeßlich! Ph. U.
Falsche Messiasse.
Schon in der ersten Zeit der christlichen Kirche, bald nachdem
die Juden ihren wahren Messias verworfen hatten, begannen
falsche Messiasse aufzutauchen. Apost. 5, 36 f. lesen wir, daß in
den Tagen der Apostel viele Juden dem Theudas und dem Judas
aus Galiläa folgten, und daß viele von ihnen mit diesen Betrü⸗
gern umkamen. Der jüdische Geschichtsschreiber Josephus zählt
mehrere Betrüger auf, welche vorgaben, sie seien Messiasse. Sie
betrogen viele schon vor der Zerstörung Jerusalems und des Tem⸗ *
pels durch die Römer. Und seitdem haben die Juden stets nach
dem Kommen des Messias ausgeschaut und sind jedem Betrüger
gefolgt, der mit oder ohne Vorwände sich für den Messias ausgab,
wie denn ja der HErr Christus vorhergesagt hatte, daß viele in
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