Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 12 › Seite 179
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Juni 1907, Seite 179
Scan: Internet Archive item DerLutheraner63_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchenzucht · Spaltung
179
Anfechtung des Fleisches unter diejenigen geraten, welche der
rechten Lehre und gesunden Praxis in der Kirche widersprechen.
Man redet dann mit solchen, zeigt ihnen ihren Irrtum und
hält ihnen Gottes klares Wort vor Augen. Man titt dies
mit großer Geduld und mit der Ermahnung, doch dem Worte
Raum zu geben und die eigene Meinung als verkehrt und irrig
fahren zu lassen, sich mit der Kirche unter das Wort zu beugen
und sich voll und ganz auf den Grund desselben zu stellen.
Regiert dann in ihnen nicht das Fleisch, sondern der Geist, so
werden sie solcher Erinnerung folgen und mit der Kirche wieder
ganz einig werden. Sind aber alle Belehrungen und Bemü⸗
hungen vergeblich, bleibt einer doch im Widerspruch gegen das
klare Wort der Schrift und scheidet sich, oder muß ausgeschieden
werden, so ist daran nur sein-Unglaube schuld, und es trifft ihn
mit Recht der Vorwurf, da der SErr hier sagt: „Aber es sind
etliche unter euch, die glauben nicht.“
Aber sollte man nicht doch in solchen Fällen unter Um⸗
ständen aus Vorsicht anders handeln, als gewöhnlich gehandelt
wird? Sollte man nicht doch, wenn man eine Spaltung fürch—
ten muß, den Leuten etwas nachgeben, nicht so streng auf dem
Worte Gottes bestehen, sondern lieber von dem nicht reden,
wovon man weiß, daß es diesen und jenem nicht gefallen
werde? Sollte man also nicht in gewissen Handlungen sich
nicht nach dem Worte, sondern nach dem richten, wie es die
Leute wünschen und gewohnt sind? Man hört derartige Reden.
Man sagt: Der Pastor oder die Gemeinde hätten nachgeben
sollen. Was sie sagen und wie sie handeln, das stimmt ja
freilich mit der Bibel, aber man sollte doch auch der Zeit und
den Verhältnissen Rechnung tragen. Die sich getrennt haben,
wären dann vielleicht geblieben und hätten noch gute Christen
werden kömien, wenn sie es nicht waren. — Auch unserer
Synode macht man ja gerne den Vorwurf, daß sie oft zu streng
am Wort halte, zu viel auf das Wort dringe. Sie sollte mehr
nachgeben und andere auch recht haben lassen, so könnte man
eher mit ihr in Gemeinschaft leben. — Das hieße also, die
Ursache der Sichtungen in der Kirche, in dem unbeugsamen
Festhalten derselben am Wort suchen wollen. Ist das richtig
geredet? Das sei ferne! Als die Jünger sich an Christi Pre⸗
digt stoßen, und er sieht, daß eine Spaltung droht, entschuldigt
er sich da etwa und erklärt sich bereit, nicht so streng auf seinem
Worte zu bestehen, wenn sie sich noch nicht in seine Lehre finden
könnten? Nein, er bleibt vielmehr bei dem, was er gesagt hat,
und straft es an den Lenten, daß sie sich daran ärgern. Er
nennt es fleischliche Gedanken und Unglauben. Damit hat der
SErr seiner Kirche deutlich gezeigt, was er von ihr erwarte,
nämlich daß sie nicht um des Widerspruchs der Menschen willen
seinem Worte abbreche oder diesenn etwa Menschen zuliebe eine
falsche Deutung gebe. Nein, Gottes Wort soll vor niemand
weichen, hinter keinen menschlichen Meinungen und Wünschen
zurückstehen müssen. Gottes Wort soll immer gehört und an⸗
genommen werden und in allen Dingen das entscheidende Wort
reden. Und kein Mensch hat ein Recht, anders zu meinen und
zu wollen, als das Wort lehrt. Darum darf auch die Kirche,
wenn sie des HErrn treue Magd bleiben will, in keinem Fall
das Wort preisgeben. Wenn es sich um ihre eigene Meinung
oder Ordnung handelt, da soll sie nicht unbedingt Gehorsam
fordern, anch auf die Gefahr hin, daß es darüber zur Spaltung
kommen könnte. Wo sie aber Gottes Wort hat, da muß sie
darauf bestehen, daß man es annehme und glaube. Und kommt
es dann dazu, daß sich etliche von ihr lossagen oder ausgeschie⸗
den werden müssen, so tut dies der Kirche zwar herzlich leid,
aber sie hat ein gutes Gewissen dabei. Sie braucht nicht zu
fürchten, daß ein Teil der Schuld auf sie falle. Sie weiß, daß
die Ursache einzig und allein in dem Unglauben der von ihr
Ausgeschiedenen zu suchen ist. Sie weiß auch, daß ihr HErr
und Heiland darum nicht weniger Wohlgefallen an ihr hat.
Es ist vielmehr sein Wille, daß die Kirche also gesichtet werde.
Denn daran, daß, die seinen Namen bekennen, dies von ganzem
Herzen tun, ist ihm mehr gelegen, als daß der Haufe der Be⸗
kenner groß sei. Ja, der treue Heiland steht in solcher Zeit
seiner Kirche kräftig zur Seite und sorgt, daß sie keinen Scha—
den leide, sondern daß ihr solche Sichtungen zum besten dienen
müssen. — Und dies ist das andere, was unser Text über diese
Sache lehrt.
2.
Die Sichtungen in der Kirche dienen den
andern, den rechtschaffenen Gliedern, zu um
so größerer Befestigung im Glauben.
Es heißt in unserm Texte weiter: „Da sprach JEsus zu
den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm
Simon Petrus: SErr, wohin sollen wir gehen? Du haft
Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubet und er⸗
kannt, daß du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“
Es war eine harte Prüfung, welche die Jünger damals durch⸗
machen mußten. Daß jetzt nicht nur die Pharisäer und Schrift⸗
gelehrten des HErrn JEsu Feinde waren, sondern daß auch
viele derer, die bisher zu ihm gehalten hatten, sich von ihm
abkehrten, brachte sie in nicht geringe Anfechtung. Es war
auch bei ihnen durch Christi Predigt mancher schwache Punkt
getroffen worden. Ihre Vernunft war auch keine andere als
die der Abtrünnigen. So mögen unter diesen auch Leute ge⸗
wesen sein, die Ansehen hatten, deren Urteil etwas galt, zu
denen die Jünger vielleicht in verwandtschaftlicher Beziehung
standen. Es ist nicht leicht, sich gegen solche zu entscheiden.
Aber als der SErr sie nun veranlaßt zu sagen, welches ihre
Herzensstellung sei, da bricht ihr Glaube durch und wird zum
Sieg über den Zweifel. „SErr, wohin sollen wir gehen?“
fragen sie. Wieder zu den blinden Blindenleitern, unter deren
Führung wir auf dürren Steppen und vor leeren Brunnen
fast verschmachtet wären? Wieder zu dem großen Haufen,
unt mit ihm hinzuträumen und unserer Seele Sättigung in
eitlen, vergänglichen Gütern zu suchen? Nein, lieber Meister,
wir begehren Besseres. Wir wollen selig werden, und die
Seligkeit — das haben wir erkannt — ist nur bei dir zu finden.
Denn du bist wahrhaftig Gottes Sohn. Darum sind deine
Worte Geist und Leben. Folgen wir ihnen, so können wir des
Weges nicht fehlen. Darum verstoße uns nicht unferer
Schwachheit halber. Habe Geduld mit uns, wir wollen bei
dir bleiben und dir folgen, wohin du uns führst. — War das
nicht ein schönes Bekenntnis? Man merkt, wie die Jünger die
Predigt aufgenommen haben, denn ihr Bekenntnis ist der
Widerhall derselben. Sie ist in ihnen Geist und Leben ge—
worden. Weit entfernt daher, daß sie nun auch hätten wankend
werden sollen, so schließen sie sich nur noch mehr an IEsum an.
Und so mußte diese Sichtung ihnen zu um so
größerer Befestigung im Glauben dienen.
Wie, Geliebte? Soll es nicht auch bei uns so sein?
Gewiß. So ist es des HErrn Wille. Ja, er bleibt HErr in
English translation
Not yet translated.