Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 63, Nummer 12 › Seite 187
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Juni 1907, Seite 187
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Ehe 8 · Jugend 5 · Kirchenzucht · Rechtfertigung 20
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geht und was wir sind und tun.
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18⁷
Geistliche Taschendiebe.
Ein Vater schrieb einst an seinen Sohn:
Lieber Sohn! Du schreibst, daß du an dem Ort, wo du jetzt
bist, viel mit ungläubigen Leuten zusammenkommst, und daß dir
diese durch die Zweifel, welche sie dir einzuflößen suchen, schon
viel zu schaffen gemacht haben, und du fragst, wie du dich in solchem
Fall verhalten sollst. Nun meine ich, das sei nicht so schwer her⸗
auszufinden. Wenn ich unter Leute gerate, von denen ich weiß,
daß Taschendiebe unter ihnen sind, so weiß ich genau, was ich zu
tun habe. Ich knöpfe dann meinen Rock fest, halte auch meine
Taschen fest zu und mache im übrigen, daß ich so bald als mög—
lich aus der Nähe der Taschendiebe wegkomme. — Nun, lieber
Sohn, die Leute, von denen du schreibst, mögen so weit anstän⸗
dige und ehrliche Leute sein, aber Taschendiebe sind sie doch, weil
sie dir das Beste und Köstlichste, was du hast, deinen Glauben an
Gott und an den, den er gesandt hat, zwar nicht aus der Tasche,
aber, was noch schlimmer ist, schlau und hinterlistig aus dem
Herzen stehlen wollen. So tu nun, wie ich gesagt habe, schließ dein
Herz nach Möglichkeit vor ihnen zu, halte die Hand fest auf dem
Schatz deines Glaubens, gehe nicht anders als mit Gottes Wort
und Gebet gegürtet deines Weges und sorge im übrigen, daß du
aus solcher Gesellschaft so bald als möglich herauskommst und sie
künftighin meidest. Halte es aber so nicht bloß mit deinem Glau⸗
ben, sondern auch mit der Keuschheit, Wahrhaftigkeit, Bescheiden⸗
heit und all den Tugenden, die aus dem Glauben hervorwachfen.
Denn es sind der Taschendiebe gar viele in Bewegung, deren etliche
auf den einen, etliche auf den andern Artikel eingeübt sind, etliche
aber als des Teufels besondere Handlanger mit einem Griff alles
zumal aus einem unbewachten Herzen herauszureißen verstehen.
Gott segne dich, mein Sohn, und behüte dich und sei selber
Wall und Mauer um dein Herz her. „Halte, was du hast, daß
niemand deine Krone nehme!“
Union.
Es fangen wohl jetzt etliche Klüglinge an zu flicken, wollen
den Sachen raten und den Hader schlichten; geben vor, man sollte
auf beiden Seiten weichen und nachgeben. Die lassen wir zwar
machen und versuchen, was sie können, gönnen ihnen die Mühe
wohl. Ich halte aber, es sei mit solchem Flickwerk, als wenn man
Scherben wollte zusammenflicken. Und sind zwar bereits der
Schuster viele gewesen, so sich's unterstanden, aber auch umsonst
gearbeitet und beides, Draht und Stich, verloren haben. In
andern Sachen, was unsers Tuns ist, oder Zeremonien oder der⸗
gleichen äußerliche Dinge betrifft, da mag man sich vergleichen
und flicken, was man kann. Aber was den Glauben und Christi
Reich anlangt, da man sein Zepter will beugen und ungerade
machen, da will er kein Bessern noch Flicken haben, und ob man
sich's untersteht, so macht man's nur damit ärger, daß man's
gar verliert. Denn dies Zepter soll und muß ganz gerade blei⸗
ben, ohne Brüche und Lücken, als Regel und Maß, danach man
glauben und leben soll. Es fehlt solchen nichts anderes, denn
daß sie die Sachen nur von außen ansehen, wie es vor Augen
(Luther.)
Kein Unterschied.
„Ich begreife nicht, warum ein Mensch, der sich bemüht hat,
ünmner rechtschaffen und fromm zu leben, nicht leichter in den Him-—
mel kommen sollte als jeder andere, dessen Leben und Wandel be⸗
fleckt ist“, sagte eine Dame zu ihrer christlichen Freundin.
„Ich will es Ihnen an einem Bilde klar zu machen suchen.
Wir wünschen beide einem Vortrage beizuwohnen, von dessen An⸗
hörung wir uns großen Genuß versprechen. Der Zutritt kostet
fünf Franken. Sie haben zwei Franken; ich habe gar nichts.
Welche von uns wird am meisten Recht haben, hineinzugehen?“
„Wir werden beide ganz gleich unberechtigt sein.“ „Natürlich,
und ebenso hat der ehrbare Mensch nicht mehr Recht, in den Him⸗
mel einzugehen, als der Vagabund; denn seine Frömmigkeit ist
doch nicht vollkommen. Den Eintrittspreis kann er nicht be⸗
zahlen.“ „Ich fange an, Sie zu verstehen.“ „Wenn nun aber
ein reicher Freund käme und böte uns beiden eine freie Eintritts⸗
karte an?“ „Nun, dann könnten wir beide sie annehmen und
benutzeu.“ „So, meine liebe Freundin, hat es der HErr JEsus
mit uns gemacht; als er uns sah in unserm Elend, hat er für
uns eine ewige Erlösung erfunden. Er bietet uns nun ohne Geld
und umsonst den Eintritt in seinen Himmel an. Nehmen Sie
sich nur in acht, daß Ihre zwei Franken Sie nicht verhindern, die
Gnade dessen anzunehmen, der gekommen ist, Sünder selig zu⸗
machen und den Armen das Himmelreich zu schenken.“
Sursum corda! Die Herzen in die Höhe!
Der Christen Leben soll dahin gerichtet sein, daß sie nicht.
gedenken, allein auf Erden zu leben und in dieser Welt zu bleiben,
sondern sollen eines andern, bessern Lebens hoffen und warten.
Ein unvernünftiges Tier hat keines bessern zu hoffen; wenn der
Bauch und dies Leben aufhört, so ist ihr Trost und Hoffnung anch
aus. Aber ein Christ hat eines bessern zu hoffen, wenn dieses
zeitliche, vergängliche Leben aufhört, daß er in ein ewig, unver⸗
gänglich Leben und himmlisch Wesen treten werde, darin eitel
Freude und Seligkeit ist.
Denn Christus ist nicht darum vom Himmel gekommen und
Mensch geworden, noch darum für uns am Kreuz gestorben, auch
nicht darum vom Tod wieder auferstanden und gen Himmel ge⸗
fahren, daß er uns hienieden auf Erden im Elend und Jamimer,
viel weniger unter der Erde im Grab und Tod ewig bleiben lasse,
sondern daß er uns von dem allem erlöse und zu sich in sein ewiges
Reich nehme in den Himmel. Auch sind wir nicht darum getauft
und Christen geworden, hören auch nicht darum das Evangelium,
daß wir den ohnmächtigen Bauch füllen und hier in dieser argen,
betrübten Welt ewig bleiben sollen, sondern daß wir in ein an⸗
deres Leben und Wesen kommen, da wir nicht mehr brauchen zu
essen, trinken, Mühe und Arbeit haben, leiden, traurig sein, ster⸗
ben und verwesen. (Luther.)
Wem dienst du?
Der Apostel Paulus sagt Eph. 6, 7: „Lasset euch dünken,
daß ihr dem HErrn dienet und nicht den Menschen.“ Das ist
für alle Dienenden der Schlüssel zu dem Geheimnis, bei allen
Widerwärtigkeiten des Lebens und der Arbeit sich seine Zufrieden⸗
heit zu bewahren. Da gilt kein Unterschied des Standes oder der
Dienstleistung. Es gilt der Ehefrau so gut wie der Dienstmagd,
dem obersten Beamten so gut wie dem Lehrling. Ich hörte einst
eine junge Frau seufzen: „Ach, wie habe ich mir den Ehestand so
schön ausgemalt! Ans Sorgen und Dienen dachte ich gar nicht.
Nun komme ich mir vor wie eine Magd ohne Lohn. Die Liebe
meines Mannes wäre mir der süßeste Lohn, aber er geht seine
eigenen Wege und läßt mich allein sorgen. Der Ehestand würde
mir zum Wehestand, wenn ich nicht zum Heiland aufschauen und
sagen könnte: ich will dir dienen, deine Magd sein und alles
stille tragen.“
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