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Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 213

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus 6 · Sozialismus

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Und ich sahe tinen Engel
ftiegen mitten durch den
Himmel, der hatte ein emig

Evangelium,zu verkündigen
Denen, die auf Erden sißen
1 und wolhnen, und allen Oei-
den, und Seschlechtern, und
Sprachen, und Vülkern, und
sprach mit groher Stimme:
ürchten Gott, und gebet
ihm die Ehre; denn die Zeit
seines Oerichts ist ommen,
und betel an den der gemacht
hat Himmel, und Erde, und
ter, und die Wasser⸗
D brunnen. Osfsb. Joh. 14, 6.7.
*

S

Herausgegeben von der Deutschen Evangelisch⸗Lutherischen Synode von Missouri, Ohio u. a. Staaten.
Redigiert von dem Lehrerkollegium des theologischen Seminars in St. Lonis.

69. Jahrgang.

St. Louis, Mo., den 8. Zuli 1913.

NUr. 14.

Ist der Sozialismus nur Politik?

Die Kirche ist ein geistliches, der Staat ein weltliches Reich.
Jedes dieser Reiche soll auf seinem Gebiete bleiben. Kirchliche
Gemeinschaften und staatliche Parteien gehen als solche ein⸗
ander nichts an. Wenn politische Parteien daher auf ihrem
Gebiete bleiben, so haben wir Christen als solche mit ihnen
nichts zu tun. Als Bürger kann der Christ sich der politischen
Partei anschließen, die er für die beste hält, in der er nach sei⸗
ner Meinung am meisten zum Wohl seines Landes wirken kann.
Die Kirche macht ihm hier gar keine Vorschriften, soll ihm auch
keine machen, weil die Heilige Schrift keine macht. Anders
aber wird die Sache, wenn der Staat oder eine Partei im Staat
hinüberspielt auf das Gebiet der Kirche, wenn sie Dinge anstrebt,
die wider den Glauben und das Gewissen sind; dann hat die
Kirche nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich zu mel⸗
den, ihre Lehren zu verteidigen, die verkehrten Dinge anzu—
greifen, das Verwerfliche derselben zu zeigen. Dies ist daher
auch die Aufgabe kirchlicher Zeitschriften.

Wie ist es nun mit dem Sozialismus? Dieser beginnt
laut mitzureden in der Politik, wie in andern Ländern, so auch
in unsern Vereinigten Staaten. Er wirbt auch unter uns luthe⸗
rischen Christen um Stimmen. Ist der Sozialismus nur Po—
litik, gibt er sich nur ab mit Staatsangelegenheiten und ge⸗
braucht dabei auch nur erlaubte Mittel, so kann sich auch ein
Lutheraner mit gutem Gewissen zu demselben halten; macht
der Sozialismus aber Vorschläge, führt er Lehren, breitet er
Ansichten aus, die gegen das Christentum angehen, so ist es
eines jeden Christen Pflicht, demselben fernzubleiben, ja ihn
mit allen Kräften zu bekämpfen. Letzteres ist unstreitig der
Fall; der Beweis dafür soll reichlich erbracht werden. Dies⸗—
mal soll nur im allgemeinen die Frage: Ist der Sozialismus
nur Politik? verneint, und dieses Nein begründet werden.

Der Sozialismus treibt allerdings Politik; es hat sich
eine große Partei um ihn geschart, die mit viel Eifer nach poli⸗
tischen Amtern jagt. Aber er benutzt die Politik nur als Mittel

zum Ziel; er will mehr sein als eine bloße politische Partei.
Es ist den Sozialisten eigentlich gar nicht daran gelegen, staat⸗
liche Einrichtungen in irgendeiner Beziehung zu ändern, Refor⸗
men, Verbesserungen herbeizuführen, sondern sie wollen durch
den Stimmkasten eine Macht werden im Lande, damit sie das
Volk aufklären und erziehen können für das Ziel, welches sie
im Auge haben. Es handelt sich bei ihnen allererst und eigent⸗
lich um ihre Grundsätze, um ihre Lehren, um die sozialistische
Wissenschaft. Diese zu fördern und ihr zum Siege zu verhelfen,
dazu gebrauchen sie auch die Politik. So wenig wollen die So—
zialisten eine bloße politische Partei sein, daß manche unter

ihnen mit allem Ernst dagegen aufgetreten sind, daß man sich

überhaupt mit der Politik abgebe, die nur der „Propaganda
der Tat“, der „direct action“, das Wort reden; ja, so wenig
wollen die Sozialisten eine bloße politische Partei sein, daß sie
vielmehr es dahin bringen wollen, daß alle politischen Parteien
in der ganzen Welt aufhören, da dann allerdings der Sozia—
lismus herrschen werde, aber nicht als Partei oder als Staat
im gewöhnlichen Sinne, sondern nur als bestehendes System.

In der Plattform der Sozialistenpartei von Amerika aus
denn Jahre 1908 heißt es: „Die Sozialistenpartei ist zunächst
eine wirtschaftliche und politische Bewegung.“ Das Wort „zu⸗
nächst“, im Englischen primarily“, besagt klar, daß es sich in
der Partei nicht bloß um Politik handelt, sondern auch noch
um anderes, um mehr.

Die Plattform von 1912 schließt mit diesen Worten: „Die
Abhilfsmaßregeln, die wir den Kapitalisten abzuzwingen ver—
mögen, sind nur die Vorbereitung der Arbeiter zur übernahme
der ganzen Regierungsgewalt, um so das ganze System der
sozialisierten Industrie zu übernehmen und ihr rechtmäßiges
Erbe anzutreten.“

Charles H. Kerr sagt in seinem 1912 herausgegebenen
Heft: „What to Read on Socialism“, Seite 20: „Die Sozia⸗
listenpartei von Amerika ist nicht eine bloße Maschine, um
Stimmen und Ämter zu erjagen, wie die kapitalistischen Par—
teien.“

English translation

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