Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 14 › Seite 214

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 214

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus · Sprachenfrage 7 · Sprachenfrage 8

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Weil der Sozialismus keine bloße politische Partei sein
will, sondern viel mehr, so arbeiten seine Anhänger auch ganz
anders als die der andern Parteien. Sie schaffen mit großem
Fleiße eine sozialistische Literatur, verbreiten Bücher und Zeit—
schriften über das ganze Land. Und was ist der Inhalt? Etwa
Staatswissenschaft, Staatskunst? Keineswegs; es wird viel—
mehr gehandelt von der Entstehung und dem Alter der Welt,
von der Evolution, der Entwicklung aller Dinge, gerade auch
von der Entwicklung des Menschen und der Geschichte des Men⸗—
schen und der Völker, vom Aufkommen der Idee von Gott, von
Religion und Moral, von der Entstehung des Privateigentums,
vom Ursprung der Ehe und der Familie, von der Ausbeutung
der Arbeiter, vom Klassenkampf und dergleichen. Auch die sozia⸗
listische Erziehung der Kinder hat man sich zur Aufgabe gemacht.
Die „Socialist Literature Co., Buchhandlung der New York—
Volkszeitung“ (15 Spruce St., New Vork City), zeigt ein Blatt
für Kinder an mit folgenden Worten: „Das Little Socialist
magaæine ... kleidet seine Lehren vorsichtig in kleine Geschich—
ten, Fabeln und historische Skizzen, so daß die Kinder sozia—
listischen Geist und Auffassung fast ahnungslos in sich aufneh—
men.“ — Welche andere politische Partei kümmert sich in dieser
Weise um die Erziehung des Volks, um die Ausbreitung von
„Wissenschaft“, um die Einimpfung ihrer Prinzipien schon in
die Herzen der Kindlein? Keine.

Um die Lehren, ihre Wissenschaft, und die Art und Weise,
wie man sie zur Herrschaft bringen müsse, recht bekanntmachen
zu können, um Anhänger des Sozialismus zu gewinnen durch
Bücher, Blätter und Redner, bezahlen auch die Glieder der
Partei einen monatlichen Beitrag; nach Kerr waren das in
Jahre 1912 über 125,000. Daher eifern die Sozialisten für
ihre Sache auch nicht bloß etliche Wochen oder Monate vor jeder
Wahl, sondern ohne Unterlaß, jahraus, jahrein. So macht
es keine andere Partei, die weiter nichts als Politik zum
Zweck hat.

Daß der Sozialismus sich nicht allein auf Politik legt,
geht endlich auch daraus klar hervor, daß er nicht bloß dies
oder jenes Land, sondern die ganze Welt als sein Arbeitsfeld
ansieht, daß er international sein will. Es besteht auch
wirklich ein internationaler Verband. Nach seinem ersten An⸗
fange 1836 zu Paris als einer geheimen Gesellschaft, wie Tho—
mas Kirkup in seinem Primer of Socialism berichtet, wurde
ihm wiederholt das Leben ausgeblasen, aber es wurde ihm
ebensooft wieder eingehaucht, so sonderlich auch 1889 bei der
hundertjährigen Gedächtnisfeier der blutigen französischen Re—
volution in Paris. Das Kind wollte jedoch immer noch nicht
gedeihen. Seit aber in Stuttgart 1907 ein neues Leben erweckt
wurde, ist der Verband erstarkt. Man eifert dafür mit einem
großen Eifer. Wenn die sozialistischen Geister darauf kommen,
so pflegen sie in eine hohe Stimmung zu geraten. Wilhelm
Liebknecht sagt zum Erfurter Programm: „Die internationale
Sozialdemokratie ist für uns kein Hirngespinst, keine bloße
schöne Redensart. Nein, sie ist ein Ziel, ohne dessen Erreichung
die Befreiung der Arbeiterklassen nicht bewerkstelligt werden
kann. . . . Wir halten uns für eins mit den Sozialdemokraten
aller andern Länder.“ (Die Worte sind aus dem Englischen
zurückübersetzt aus „Socialism by Wilhelm Liebknecht“,
Seite 47, herausgegeben von C. H. Kerr & Co., Chicago.)

J. E. Cohen schreibt in seinem Socialism for Sludents,
Seite 146: „Liebe unter den Völkern, welche das Band der

Brüderschaft befestigt, damit die Erde Gemeingut aller werde,

ist das Ziel der internationalen sozialistischen Bewegung.

buntfarbigen Flaggen der verschiedenen Völker dienen nur dazu, 4
daß ein Bruder gegen den andern seinen Arm erhebe, aber die

rote Fahne des Sozialismus bricht die Hindernisse nieder, die

dem allgemeinen Frieden und guten Willen im Wege sind.“
So redet und schreibt man in keiner gewöhnlichen Staats⸗
partei. Keine kümmert sich um die Völker der Erde, jede hat
es nur mit dem eigenen Lande zu tun; keine will Gesetze und
Ordnungen schaffen für die ganze Welt, jede will nur für das
eigene Volk sorgen.
nicht mit diesen und jenen Vorschlägen zur Besserung, sondern
mit seiner Wissenschaft, mit seinen Lehren und Grundsätzen,

die jetzt noch den meisten Menschen unbekannt und unverständz
lich sind, alle Länder der Erde von Grund auf erneuern und

beglücken. Ein Riesenwerk ohnegleichen! Glück zu! Nur
schade, wir werden alle schon zu alt sein, keiner wird es erleben!
Wären die Weisen doch eher geboren! Daß die große Wissen⸗
schaft sich auch so langsam entwickeln muß!

Doch was sollen wir warten auf das Versprechen der
Sozialisten? Wir haben eine größere und seligere Hoffnung,
gegründet auf das Wort dessen, der Himmel und Erde er—
schaffen und bisher wunderbarlich erhalten hat, der uns auch
vom Tode und von der Hölle befreit, darin doch alle ewiglich
untergehen müssen, die nicht an ihn glauben, der uns ein
ewiges Leben geben wird ohne Leid, aber voller Freud'. Ja,
„wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde
nach seiner Verheißung, in welchen Gerechtigkeit wohnet“,
2 Petr. 3, 13. L. Schulze.

Die rechte Praris bei Entlassung von Gemeinde⸗
gliedern.

VIII.
Die Sprachenfrage bei Entlassungsgesuchen.

Wir stehen bei der Erörterung der guten Gründe zur
Entlassung. Ein guter Grund zur Entlassung ist auch dies,
wenn jemand die Predigtsprache, die Kirchensprache der Ge—
meinde nicht oder nicht mehr oder noch nicht so recht versteht,
wenn er also nicht den vollen Segen von der Predigt haben kann.

Es ist doch gewiß wahr, das Evangelium soll nicht nur
überhaupt gepredigt, sondern in einer mir verständlichen
Sprache gepredigt werden. Ich muß die Predigt verstehen, ehe
ich sie glauben kann. Wir sollen Gottes Wort hören; aber
nur so weit höre ich das Wort Gottes, insoweit ich es verstehe.
Wenn ein Prediger mit Engelzungen predigen könnte, wenn
das aber geschähe in einer mir ganz unverständlichen oder
schwer zu verstehenden Sprache, dann würde es mir nichts
helfen. Nicht der Schall, sondern der Sinn des Wortes ist
das Wesen des Wortes.

Die Regel ist, daß man die Predigt am besten in der

Sprache versteht, in welcher man unterrichtet und konfirmiert
worden ist, in der man denkt, wenn man betet, init Gott redet.
Sehr viele — gerade verständige und gebildete Leute —, denen
in der täglichen Umgangs- und Geschäftssprache das Englische
geläufiger geworden ist, bekennen doch, daß sie in der Predigt
das Deutsche viel besser verstehen. Es ist wohl hie und da

Allein der Sozialismus will allen Ernstes

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