Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 14 › Seite 222

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 222

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schon alles getan worden, die Liebe zur Kirche zu erhalten? Die
Orthodoxie, sagte man, verstehe die Zeit nicht, sie lecke massive
Dogmen auf, die kein Gebildeter mehr verantworten könne, und
bekenne Formeln, die Menschen von heute nicht nachempfänden.
Gut, der Liberalismus kam, stand im Bunde mit den hellen
Geistern der Wissenschaft, ging auf die Gemütsbedürfnisse der
modernen Menschheit ein, wandte sich aufs stärkste den sittlich⸗
sozialen Problemen der Zeit zu. Aber ich kann nicht finden, daß
nun die Kirche den Menschen der Gegenwart wieder lieb ge—
worden sei.
Vereinsarbeit, an Versuchen, die Kunst in den Dienst der Reli—
gion zu stellen, das Religiöse mit dem Nationalgefühl, ja selbst
mit dem Sportswesen zu verschwistern! Aber die Entfremdung
scheint unaufhaltbar. Nur ihre Almosen und das sentimentale
Dekorationsbedürfnis der Leute bei familiären Ereignissen geben
der Kirche noch einen Rest von Volkstümlichkeit. Gib es auf, liebe
Kirche! Wolle es niemandem mehr recht oder bequem machen!
Durchdenke deine Ideen so tief wie möglich und laß dich nicht
herab, sie zu popularisieren! Predige getrost über die Köpfe
hinweg! Vielleicht daß dann einige ihre Hände ausstrecken nach
dem Hohen, das über ihren Häuptern dahinschwebt; nach dem
Selbstverständlichen und Platten tastet niemand. Und in allen
Dingen des praktisch-sittlichen Lebens sei von heiliger Dickköpfig—
keit; laß die Wölse allein heulen und den Wind sich erbosen über
deinen Mantel.“ — So bekennt der Liberalismus, der kein
Evangelium hat, sich bankerott. Er richtet nichts aus. Predigt
ohne viel hohe Worte menschlicher Weisheit mit Beweisung des
Geistes und der Kraft das alte Evangelium Christi, dann gibt
es Leben. Dann melden sich die, denen es Torheit ist, und auch
die, denen es eine Gotteskraft ist. Dann kommt es zur rechten
Scheidung und zur rechten Einigung. E. P.

Auch in Württemberg greift die Geringschätzung des Be⸗
kenntnisses um sich. Das zeigt folgende Eingabe, die 420 Geist⸗
liche der Landeskirche — ein starkes Drittel — kürzlich an die
Landessynode gerichtet haben: „Die Unterzeichneten fühlten sich,
teils durch eigene Gewissensbedenken, teils durch die Rücksicht auf
die Gewissen anderer Geistlicher wie Gemeindeglieder gedrungen,
an die Evangelische Landessynode die Bitte zu richten, sie möge
darauf hinwirken, daß für die Konfirmationsfeier ein Parallel⸗—
formular geschaffen werde, in dem die Bekenntnis- und Lehr⸗
verpflichtungsfragen weggelassen sind und an ihre Stelle etwa
ein Gebet des Pfarrers und ein entsprechender Gebetsvers der
Kinder tritt. Sie sind der Meinung, daß die Konfirmation auch
ohne Bekenntnis und Versprechen der Kinder, nur mit Prüfung
und Einsegnung der Kinder, ihren guten Sinn in einer Volks—
kirche behalten und durch Wegfall desselben für das Empfinden
vieler an Wahrhaftigkeit gewinnen würde.“ — Diese 420 Pasto⸗
ren wollen nicht, daß die Kinder bei der Konfirmation die christ⸗
liche Lehre bekennen und sich dazu verpflichten, weil sie, die Pasto—
ren, sie selbst nicht glauben. Die Wölfe wollen im Schafstall
Wohnrecht haben. E. P.

Welcher Haß gegen die christliche Mission noch besteht,
freilich nur in kleinen Kreisen, zeigt ein Artikel der Charlotten—
burger Zeitschrift „Der Weg“. Sie beschäftigt sich mit den Wor—
ten, die Lizentiat Mumm jüngst im Reichstag zugunsten der
Missionstätigkeit in Deutschlands Kolonien sprach: „Mit ihr
bringen wir den Eingebornen das Beste, was wir ihnen bringen
können — das ist das Kreuz.“ Giftgeschwollen erwidert das
Blättchen: „Es wäre zu wünschen, daß das Kreuz der Missionare
den Eingebornen vom Halse bliebe als Mum menschanz.“ Gegen
solche Worte wendet man sich nicht, man hängt sie niedriger. Die
Antwort der Tat des deutschen Volkes ist die umfassende Unter⸗
stützung der Jubilänmsgabe für die Missionen, für die zurzeit auch
die Reichstagsabgeordneten untereinander sammeln. — So be⸗

Und wieviel ist auf beiden Seiten geschehen an⸗

richtet ein deutschländisches Blatt. Das ist ja ganz naturgemäß:
Wie einer sich zum Evangelium selbst stellt, so wird er sich auch
stellen zur Mission, das heißt, zur Ausbreitung des Evangeliums.
Wer das Evangelium haßt, kann die Mission nicht lieben, und
umgekehrt. E. P.

Eine Jesuitenmission wurde vor Ostern in Bern abgehalten.
Ein Jesuitenpater (im „Korr.⸗Bl. der römischen Pfarrei“ wurde
er „fremder Priester“, „unvergeßlicher Prediger“ genannt) hielt
Standespredigten in der ersten Woche für Frauen und in der
zweiten für Männer. Am heiligen Donnerstag sprach er über
das Priestertum. Ein Zuhörer, der das Recht hat, an solchen
Veranstaltungen teilzunehmen, hat uns einige Schlager aus dieser
Predigt zugestellt. Der Jesuit sagte u. a. zur Verherrlichung des
Priesterstandes: „Einen andern Weg zum wahren Glauben gibt
es nicht als durch Papst, Bischöfe und Priester. Ohne Priester
keine Vergebung der Sünden auf der Welt. Wenn der Sünder
zum lieben Gott kommt, um von ihm Gnade und Verzeihung zu
erlangen, so sagt der liebe Gott: Ich mache deine Sache mit dir
nicht aus, mache du es mit dem Priester aus, dann ist deine Sache
auch mit mir gemacht. Nochmals, wenn ihr nicht werdet wie die
Kinder und euch von den Priestern nicht leiten laßt, dann kein.
Himmel. Ohne Priester keine Seligkeit. Die innige Anhänglich—
keit an das Priestertum ist das sichere Zeichen eines frommen
Mannes. Ehrt die Priester, grüßt die Priester auf der Straße,
vertraut euren Priestern! Verteidigt überall die Priester! Dankt
bei der heiligen Kommunion Gott auf den Knieen, daß er euch
Priester gegeben hat.“ Unser Gewährsmann schreibt dazu: Ge—
wiß alle Ehre und Hochachtung einem würdigen Priestertum und
Priester! Aber ein solches Priestertum, wie hier geschildert, hat
Christus nie eingesetzt. Und solche Priester, wie dieser „be⸗
gnadete“ Priester, sind nicht nach Christi Geist. In der Kirche
selbst flehte ich zu Christus, um für die Wahrheit wider diesen
„hervorragenden“ Priester Zeugnis zu geben. Mit Empörung
im Herzen verließ ich jenen Abend diese „wunderbaren Vorträge“
(so werden sie von Juristen, Arzten, Magistraten usw. genannt).
„Der Katholik“, das schweizerische Organ für kirchlichen Fort—
schritt, hat dem nichts beizufügen. Nr. 14 des obenerwähnten
Blattes nennt beiläufig den Namen dieses geheimnisvollen Pre⸗
digers. Es ist kein Geringerer als der vor Jahren in der ganzen
Kulturwelt berüchtigt gewordene Jesuit F. X. Brors, der im Jahre
1902 ein Abe für Katholiken aller Stände geschrieben hat, worin
folgender Satz steht: „Ein Häretiker ist ein Mensch, der wissent—
lich und gegen sein Gewissen vom wahren Glauben abfällt. Das
ist gewiß eine große Sünde, wofür er nach der Heiligen Schrift
die ewige Höllenstrafe verdient hat. Verdient hat ein Häretiker
also auch den irdischen Tod.“ Das paßt zu den unevangelischen,
widerchristlichen Sprüchen über den Priester. (Wbg.)

Daß Zinzendorf seine ersten Anregungen zur Heidenmission
in Nahe erlangt hat, war in Missionskreisen bisher schon bekannt.
Aber es fehlte bisher noch der Nachweis, daß auch die Gründung
der Brüdermission auf die alte Dänisch-Hallesche Mission zurück⸗
zuführen sei. Nun hat aber kürzlich das Missionsblatt der Brü⸗
dergemeine diesen Nachweis gebracht. Es veröffentlicht eine Rede
Zinzendorfs, die dieser 1753 in London gehalten hat und in der
er ausdrücklich sich auf Ziegenbalg und Plütschau bezieht. Die
betreffende Stelle lautet: „Unter den Dank, den wir unsern Vor⸗
fahren schuldig sind, gehört auch die Mission in Trankebar. Wenn
keine ostindischen Berichte wären, so hätten wir auch keine Heiden—
bekehrung. Da wir sahen, daß es in unserer deutschen Sprache
Menschen gibt, die den Heiden das Evangelium verkündigen, und
sie nehmen es an, so haben wir gedacht: Was unsersgleichen tun.
das können wir auch tun. Darauf sind wir weder aus der Bibel
noch aus Reisebeschreibungen noch aus den sehr equivoken (zwei⸗
deutigen) Berichten aus den englischen Posten gekommen, sondern

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