Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 14 › Seite 223

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 223

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223

SVer àutheranebSe.

die ersten Apostel Plütschau, Ziegenbalg und Gründler haben uns
darauf gebracht. Wir haben sie gesehen und gesprochen und bei—
nahe ein ganzes Jahr an einem Tisch mit ihnen gegessen, da
sie uns die Heidensache mündlich so klar gemacht, als wir sie nicht
lesen konnten.“ (D. A. G.)

Aus Paris wird gemeldet: „Die Wohnungsfrage wird für
den Pariser Mittelstand immer schwieriger, obwohl es an Neu⸗
bauten nicht fehlt. Aber die Mieten in diesen modernen Kasernen
schwanken zwischen 6000 und 12,000 Franken, und man fragt
sich, ob die Mieter, die solche Preise zahlen können, in demselben
Verhältnis zunehmen, wie die Zahl solcher Wohnungen von Monat
zu Monat wächst. Das Erstaunlichste sind aber die Bedingungen,
welche die Pariser Wirte den Mietern auferlegen. Obwohl der
französische Staat alljährlich seine Bürger öffentlich auffordert,
sich zu vermehren, und ihnen andere Länder, die in dieser Be⸗
ziehung Tüchtiges leisten, als leuchtende Beispiele vor Augen
hält, erlaubt er, daß unzählige Pariser Wirte in ihre Miets-
kontrakte eine Klausel setzen, die das „Mitbringen von Kindern“
in die Wohnungen ebenso untersagt wie das von Katzen, Hunden
und andern Tieren. Die Bewohner dürfen auf der Vordertreppe
weder selbst ein Paket tragen, noch eins von andern hinauftragen
lassen. Sie dürfen nicht Advokaten, Ärzte, Lehrer (Gesang,
Piano usw.) sein. Personen, die Stimme haben, dürfen ganz
frühmorgens singen. So geht es drei Spalten lang weiter!
Und das in einem Lande, dessen Wahlspruch mit Liberté“ be⸗

ginnt!“ — Auch in unserm Lande haben Leute mit Kindern oft

Hunde und Papageien bilden hier
E. P.

Not, Wohnungen zu finden.
gewöhnlich kein Hindernis.

——.—

Das hochzeitliche Kleid.

Ein Wanderbursch zog seine Straße dahin. Er sah ver—
kommen aus. Seine Kleider waren beschmutzt und zerrissen, aus
den Schuhen schauten die Zehen hervor, das Haar hing wild und
struppig um das unreine Gesicht, das von einem wüsten Bart be—
grenzt war. Der durchlöcherte Hut saß schief auf dem Kopf, und
sein Ränzel auf dem Rücken war ziemlich leer.

Es war ein Sonntagmorgen; die Lerchen jubilierten und
stiegen aus den Kornfeldern in die blaue Luft, und ringsum ver—
breitete sich Sabbatruhe über die Landschaft. Vom nahen Kirch—
turm her im unweit gelegenen Dorfe, dessen bemooste Strohdächer
gastlich durch das dichte Laub der Obstbäume hervorblickten, er⸗
scholl der Ruf der Glocken zum Gottesdienst. Von nah und fern
eilten die Pfarrkinder zu ihrem Gotteshause.

Auf allen Feldwegen sah man die Männer in ihren mit
langen Schößen und blanken Knöpfen versehenen Röcken und mit
Dreimastern auf den Köpfen, die Frauen und Mädchen in ihren
kurzen schwarzen Kleidern, weißen Schürzen und Hauben, einem
schön gebundenen Gesangbuch und Rosmarinstrauß in den Händen
dem Dorfe zuwandern.

Es war ein Sonntag, an dem einem in der Fremde recht
heimatlich zumute werden konnte, und man sollte sagen, den
Handwerksburschen hätte es auch angeheimelt, hätte ihn erinnert
an Vater und Mutter, ans Heimatdorf, an die alte Kirche darin,
und was für Gedanken einem noch sonst durch die Seele ziehen,
wenn das Heimweh und die Sehnsucht nach einer vergangenen,
glücklichen Kindheit einen faßt.

Aber bei dem Wandersmann sah es inwendig so aus wie
auswendig. Er hatte seinen Sonntag verloren und seine Heimat,
Vater und Mutter und seinen Gott dazu. Er hatte nur Lust zu
losen Dingen und trachtete danach, andern Schabernack zu tun.
Mit einem solchen Sinn wanderte er unter den Kirchgängern in

das Dorf hinein. Die Bauersleute sahen ihn verwundert an und
konnten es nicht recht fassen, wie man am lieben Sonntag also
angetan einhergehen könne. Unter ihnen herrschte noch die gute
alte Sitte, daß die Mutter, wenn sie am Sonntag ihr Kind zum
Kirchgang schmückte, zu ihm sagte: „Wie ich dich jetzt auswendig
schmücke, so schmücke der liebe Gott dich inwendig.“ Wenn sie das
saubere Kleid dem Kinde anlegte, dann sagte sie: „Wie viele
euer getauft sind, die haben Christum angezogen.“ Wenn sie der
Tochter den Sonntagskranz ins Haar setzte, dann sagte sie: „So
setze einst dein IEsus im Himmel dir die Krone des ewigen Lebens
auf.“ Deshalb konnten die Kirchgänger sich nicht recht finden in
das Aussehen des Fremdlings.

Den Burschen ärgerten die Blicke; er wußte gar wohl, was
sie dachten, und weil er sich getroffen fühlte, ärgerte es ihn. Halt,
dachte er, euch werde ich auch ärgern! Er mischte sich unter sie
und ging mit in die Kirche. Er hoffte, durch sein wüstes, zer—
lumptes Aussehen Verwirrung anzurichten und die Leute zu
nötigen, ihn hinauszuweisen und so den Gottesdienst zu stören.
Frech trat er ein, ging bis vor den Altar und setzte sich mitten
unter die alten Väter der Gemeinde. Er schaute trotzig um sich,
doch nirgends erblickte er jemand, der auf ihn geachtet hätte.

Die Orgel ertönte, das Lied wurde gesungen. Ein alter
Bauer saß neben ihm und sah, daß er kein Buch hatte. Freund—

lich hielt er ihm das seinige hin und legte dabei seinen Arm um
den Rücken des Fremden. Dem Burschen wurde heiß. Er sah
sich um, ob er nicht hinaus könne, aber er war überall umgeben
von Leuten und konnte nicht weg.

Der Gesang verstummte, der Pastor betrat die Kanzel und
las den Text von dem hochzeitlichen Kleide. Der Handwerks—
bursche wurde aufmerksam. „Freund, wie bist du hereinkommen
und hast doch kein hochzeitlich Kleid an?“ So hieß es immer und
immer wieder in der Predigt. Das drang ihm mit Donnerstimme
ins Herz. Es überkam ihn Angst und Zittern. Ja, es wurde ihm
klar, er, nicht nur mit seinem wüsten Aussehen, sondern auch mit
seinem unreinen Herzen, er war der Mann, den die Knechte hin—
answerfen mußten an den Ort, da Heulen und Zähneklappern
sein wird. Furcht der Hölle ergriff ihn, sein Sündenleben trat
vor seine Seele, und Träne um Träne floß ihm in den Bart.

Der Gottesdienst war zu Ende, die Leute eilten heim. Wo—
hin sollte er? Noch stand er unschlüssig auf dem Kirchhofe, da
klopfte ihm jemand auf die Schulter. Er sah sich um und er—
blickte den alten Mann, der neben ihm gesessen hatte. „Lieber
Freund“, sagte der, „kommt mit mir heim und teilt das Mittag⸗
brot mit mir!“ Freudig dankbar folgte er ihm.

Nach dem Essen nahm der Hausvater den Gast allein, fragte
ihn nach der Heimat, fragte ihn auch, warum er geweint habe,
und nun ging dem armen Jüngling das Herz auf. Er klagte
ihm seinen Jammer, seine Bosheit und bekannte, daß er nun
einsehe, daß er verloren sei, wenn er nicht auch ein hochzeitlich
Kleid für seine Seele bekomme.

Da floß dem Greis der Mund über. Er sprach mit ihm von
dem Ehrenkleid, das aus dem Blute und der Gerechtigkeit IEsu
Christi gewoben ist, in dem allein er vor Gott bestehen könne.
Und wie eine durstige Blume den Regen, so trank der Arme die
tröstenden Worte. Er wandte sich zum Heiland, und der nahm
ihn zu Gnaden an. Er wurde ein neuer Mensch von innen und
außen. In seinem Gott hatte er Heimat, Vaterhaus und Sonn⸗
tag wiedergefunden. Der alte Bauer behielt ihn bei sich; er ließ
sich im Dorf nieder und trieb sein Handwerk.

Von da ab zog er sonntäglich mit den andern Dorfbetwwohnern
ins Gotteshaus und wurde nicht mehr von ihnen angestaunt,
sondern als einer der Ihren freundlich begrüßt; äußerlich wie
innerlich war er nun im würdigen Sonntagsschmuck.

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