Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 14 › Seite 215
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 215
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sprachenfrage 7 · Sprachenfrage 8
S „Tutperanetse⸗
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vorgekommen, daß einer, der sich des Deutschen schämte, der
da meinte, es sei ein Zeichen der Bildung, wenn er „ganz eng⸗
lisch“ sein wollte, in eine englische Gemeinde geraten ist, wohin
er aber gewiß nicht gehört, solange er die englische Predigt
nicht versteht. Ein solcher sollte, um Segen von der Predigt
zu haben, sich wieder eine Entlassung an eine deutsche Gemeinde
geben lassen, und der englische Pastor sollte kühn und inutig
genug sein, einem solchen zu sagen: „Du hättest deutsch bleiben
sollen!“ und, wenn er treu an dessen Seele handeln will, ihm
den Rat zu geben, uni eine friedliche Entlassung an eine deutsche
Gemeinde einzukommen.
Wiederum sind manche zwar deutsch konfirmiert worden,
aber sie verstehen schließlich von der englischen Predigt noch
mehr als von der deutschen. Das Deutsche war ihnen eigentlich
eine fremde Sprache; es war eine schreckliche Plage für sie,
den Text des Katechismus und einiger Sprüche sich anzueignen
— schier so mehr mechanisch. Diese hätten eigentlich englisch
unterrichtet und konfirmiert werden sollen, und im Laufe der
Jahre sind sie nun wirklich englisch geworden. Wenn sie auch
noch die Glocken läuten hören, wenn in der Predigt die kirch⸗
lichen Ausdrücke vorkommen: Dreieinigkeit, Bekehrung, Wie—
dergeburt, sakramentliche Vereinigung usw., so verstehen sie doch
die deutsche Predigt nicht.
Da soll man nun solchen Leuten nicht ein Gewissen daraus
machen, bei der deutschen Gemeinde zu bleiben, sondern ihnen
sogar raten und diesen Rat zu geben für seine Gewissenspflicht
halten, daß sie sich, falls man ihnen selber nicht gibt, was ihnen
nötig ist, an eine englische Gemeinde anschließen. Nur sollten
sie noch einen, wenn aruich nur kurzen, englischen Konfirmanden—
unterricht erhalten.
Es hilft da nicht, daß man sagt: „Ach, die wollen nur
nicht deutsch sein!“ Es ist freilich eine Schande für einen
Deutschen, wenn er sich seiner deutschen Muttersprache schämt.
Deutsche Eltern sollten ihre Kinder die dentsche Sprache lehren,
die Sprache, in der ein Luther so gewaltig und geistesmächtig
geschrieben, in der ein Paul Gerhardt seine herrlichen, wunder—
schönen Lieder gedichtet hat. Verlieren unsere Kinder nicht
viel, wenn sie die deutsche Sprache verlieren? Aber nun sind
eben manche durch die Macht der Umstände englisch geworden;
manchen ist das Verständnis der lieblichen und schönen deutschen
Sprache durch Schuld und Torheit ihrer eigenen Eltern ab—
handen gekommen. Will man nun diese armen Leute so strafen,
daß sie die Predigt nicht haben sollen?!
Soll die deutsche Muttergemeinde das englische Element
selber versorgen?
Es wächst vielerorts in unsern deutschen Gemeinden ein
sogenanntes „englisches Element“ heran. Es wächst zum Teil
ein Geschlecht heran, junge Leute, von denen man sagen muß:
das Deutsche verstehen sie so recht nicht mehr und das
Englische (die Kirchensprache) verstehen sie so recht noch nicht.
Kirchlich versorgt werden müssen diese Leute; das muß uns
doch ganz fest stehen. Die Geschichte der lutherischen Kirche
Amerikas in den letzten zweihundert Jahren berichtet folgende
Tatsache: In vielen Fällen wollten Gemeinden ihre englisch—
werdenden Glieder nicht an eine zu gründende oder gegründete
englische Schwestergemeinde entlassen und meinten etwa gar,
es sei besser, sie würden einige, die „aufs Englische versessen“
seien, ganz verlieren, als es sehen müssen, daß ganze Scharen
mit der Zeit in die englische Schwestergemeinde gingen. Das
ist doch eine ganz schreckliche Denkweise! Aber so ist es zum
Teil gekommen, daß viele Lutheraner jetzt in Sektengemein⸗
schaften stecken. Man soll sich das recht gegenwärtig halten,
daß Leute, die das Verständnis der deutschen Sprache verloren
haben und keine Gelegenheit bekommen, lutherische Gottes—
dienste in englischer Sprache zu besuchen, entweder der Kirche
ganz entfremdet werden oder den Sekten in die Hände fallen.
Die Synodalkonferenz, die auf ihre Kinder ja auch gerne
die deutsche Sprache ihrer Väter, vor allem aber den Glauben
und die Lehre ihrer lutherischen Väter vererben möchte, hat
schon im Jahre 1874 auf ihrer Versammlung in Pittsburg sich
dahin ausgesprochen, daß man den Leuten, die das Englische
nötig haben und es vorziehen, doch lieber goldene Brücken bauen
solle in rechtgläubige englische Gemeinden hinein, als ruhig
zusehen, daß sie abfallen.
Wenn man nun das englischwerdende Element an beste⸗
hende oder zu gründende englische Gemeinden weist, so muß
man überzeugt sein, daß dies auch wirklich lutherische Gemein⸗
den in Lehre und Praxis sind. Es gibt eben leider so viele
Gemeinden, die wohl lutherisch heißen, aber nicht lutherisch
sind. Der bloße Name tut es nicht. Es muß eine englische
Gemeinde sein, in der die lutherischen Bekenntnisschriften nicht
bloß auf dem Papier anerkannt werden, sondern in der auch
die der gesunden Lehre gemäße echt lutherische Praxis tatsächlich
im Schwange geht. Können wir unsere Leute mit gutem Ge—
wissen an Gemeinden weisen, in denen zum Beispiel die Logen
geduldet werden, in denen keine Kirchen- und Abendmahlszucht
geübt wird?
Hat eine deutsche Gemeinde eine gut lutherische englische
Gemeinde in ihrer Nähe, dann hat es manche Vorteile, wenn
sie ganz deutsch bleibt; denn eine deutsch-englische Gemeinde
sieht sich vor ein schwieriges Problem gestellt, wenn sie alle
wirklich so versorgen will, wie es sein sollte, und es wird frag—
lich sein, ob sie die „Englischen“ auf die Dauer bei sich behält.
übertreiben wir auch ja nicht, was den Übergang ins Englische
betrifft! In der Kirchensprache sind unsere Gemeinden und
Leute zumeist noch sehr gut deutsch. Mehr als zwei Drittel
der kirchlichen Arbeit in der Synodalkonferenz ist noch rein
deutsch.
Hat eine deutsche Gemeinde keine rechtschaffene englische
Gemeinde an ihrem Orte, dann muß sie die Englischwerdenden
in ihrer Mitte selber versorgen, so gut es geht, wenn es auch
wenige sind. überhaupt bei der Beantwortung der Frage, ob
die deutsche Gemeinde die englische Arbeit in ihrer Mitte selber
verrichten oder die Betreffenden an eine schon bestehende oder
gar zu gründende englische Gemeinde entlassen soll, müssen in
jeden einzelnen Fall die besonderen Unistände den Ausschlag
geben.
So ist es zum Beispiel eine Sache der Erfahrung, daß
es nicht gut ist, daß zwei Geineinden die kirchliche Arbeit in
ein und derselben Familie tin. Schon im Jahre 1857 hat
unsere Missourisynode bei der Behandlung der englischen Frage
erklärt, daß die Familienglieder nicht unter verschiedene Ge—
meinden verteilt sein sollten. Wo ein Teil der Familie englisch
ist, wird in vielen Fällen die Entlassung der Familie an eine
ganz englische Gemeinde entschieden zu raten sein. In manchen
Fällen dieser Art aber wird die Bildung einer deutsch-englischen
Gemeinde ratsamer sein.
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