Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 69, Nummer 14 › Seite 218
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 8. Juli 1913, Seite 218
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218 S Nen „Tutheranedeses
Leute. Weitaus die meisten gehören dem Namen nach der Einwanderern Gelegenheit geboten wird, das Wort der Wahr—
katholischen Kirche an. Sie kommen aus den südeuropäischen
Ländern, wo das Papsttum noch seinen ganzen verfinsternden
Einfluß ausüben kann. Alles, was das römische Antichristen—
tum diesen seinen Gliedern mitgeteilt hat, sind die Namen etli—
cher Heiligen und vielfach ein finsterer Aberglaube. Und hier
in Brasilien wird auch schwerlich das Licht über ihnen aufgehen,
wenigstens nicht von der römischen Kirche aus. Voraussichtlich
werden sie nur die Zahl der armen brasilianischen Caboclos ver—
mehren, die in größter Blindheit dahinleben. Bemitleidens—
werte Kreaturen! Wohl ist auch zu ihnen die Kunde gekommen,
daß es einen Gott gibt. Die Namen Vater, Sohn und Heiliger
Geist sind ihnen nicht unbekannt. Aber dies lebt nur in ihrer
Erinnerung wie ein Märchen aus sagenhaften Ländern.
Herz blutet, wenn man Gelegenheit hat, einen Blick in das
verfinsterte Seelenleben der Armen zu tun.
Schreiber dieses übernachtete kürzlich in einer abgelegenen
Gegend in einer Brasilianerhütte. Als er sich den Bewohnern
der Hütte vorgestellt hatte, öffnete der altersgraue Wirt seine
Tasche im Gurt und zog ein schmutziges und zerfetztes Stück
Papier hervor, das er mit den Worten darreichte: „Dieses
Papier trage ich immer bei mir. Es beschützt mich in allen
Gefahren.“ Was aber war das für ein Papier, dem er solche
Wunderkraft zuschrieb? Nichts anderes als ein Zettel, wie die
katholischen Priester sie auf ihren Reisen austeilen, und die
das enthalten, „was einem jeden guten Katholiken zu wissen
nötig ist“. Da aber die meisten Brasilianer nicht lesen können,
so bleibt ihre Andacht gleich am Papier hängen, und sie schrei—
ben diesem eine übernatürliche Kraft zu. Auch böse Geister
kemit der Brasilianer. Verändert er seinen Wohnsitz, so hat
er nichts so eilig zu tun, als ein Kreuz aufzurichten und daneben
eine Palme zu pflanzen. Wächst diese, so bleibt er; geht sie
aber zugrimde, so hält ihn nichts an diesem Orte, denn dann
ist die Gegend verwünscht und von unreinen Geistern bewohnt.
Wenn man solche geistliche Finsternis bei Gliedern der
katholischen Kirche antrifft, so ist das ganz natürlich; denn
dié Finsternis ist Roms Element. Wie aber, wenn es um
unsere eigenen Volks⸗ und Glaubensgenossen vielfach nicht besser
steht? Dann ist es doch gewiß unsere heiligste Pflicht, diesem
Übel, soweit dies in unsern Kräften steht, abzuhelfen und dessen
weiterem Vordringen zu wehren. Hierin besteht denn auch
unsere große Aufgabe in diesem Missionsgebiet.
Unter den Einwanderern befinden sich auch viele Deutsche.
Sehr viele von ihnen kommen aus den Großstädten und sind
der Kirche entfremdet. Sie wollen darum auch in Brasilien
nichts vom Christentum wissen und suchen den Lauf des Wortes
zu hindern. Aber vergeblich; es gibt doch immer noch treue
Seelen, die am Glauben ihrer Väter festhalten und der evan—
gelisch⸗lutherischen Kirche von ganzem Herzen zugetan sind.
Solche schätzen sich glücklich, wenn sie auch in diesem Lande ihre
Kirche vorfinden. Besonders sind dies deutsche Lutheraner aus
Rußland. Der kindliche Glaube, den man noch oft bei diesen
Leuten findet, wirkt belebend und wird der Same zu neuen
Gemeinden. Auch hier im Urwalde erweist sich das Wort
Gottes stärker als alle seine Feinde. In kurzer Zeit sind in
diesem Gebiete eine Anzahl Gemeinden gegründet worden, von
denen etliche bereits eine schöne Gliederzahl aufzuweisen haben.
Wo es noch nicht zur Gründung von Gemeinden kommen
konnte, wird doch von Zeit zu Zeit gepredigt, so daß den meisten
heit zu hören. Ganz besonders hier in Brasilien, wo die Ver—
kehrswege vielfach schlecht sind und der Verkehr unter den
Leuten oft schon bei geringen Entfernungen unmöglich wird,
ist es nötig, daß den Leuten nachgegangen wird, um sie mit
Gottes Wort zu versorgen. Im andern Falle werden sie in
wenig Jahren geistlich verkommen.
Davon nur ein Beispiel. Oben an der Grenze der Staa—
ten Parana und Santa Catharina, dort, wo der Uruguay seine
Wassermassen zwischen prächtigen Hügelketten hinrollt, dehnt
sich ein liebliches, fruchtbares Tal aus, in welchem sich schon
vor fünfzehn Jahren eine Anzahl deutscher Familien nieder—
gelassen hat. Es sind Lutheraner aus Rußland. Von allem
Verkehr mit der Außenwelt abgeschnitten, lebten sie in ihrer
Waldeinsamkeit dahin. Niemand kümmerte sich um sie. Und
was ist aus ihnen geworden? Wir fanden sie vor etlichen
Wochen. Von christlicher Erkenntnis ist bei Jungen und Alten
wenig mehr zu finden. Die Kinder, die dort im Urwalde auf—
gewachsen sind, zeigen ein Wesen, das lebhaft an das Wild des
Waldes erinnert, und sprechen eine fast unverständliche Sprache.
Viele von den Einwanderern würde man nach Verlauf
etlicher Jahre in einer ähnlichen Lage finden, wenn wir uns
ihrer nicht annähmen. Nun sind zwar diese Leute schon zu—
frieden, wenn wir sie nur ab und zu besuchen, aber was wir
ihnen in dieser Weise bieten, ist auf die Dauer nicht genügend.
Was wird aus der Jugend, wenn der Pastor nur alle acht
Wochen bei seinen Gemeinden herumkommt, und keine Lehrer
vorhanden sind? Daß ein solcher Unterricht nicht genügt, um
die Kinder zu lebendigen Gliedern der Kirche zu machen, leuchtet
wohl jedem ein. Und doch liegt die Zukunft der lutherischen
Kirche Brasiliens einzig und allein in der Jugend. Was darum
notwendig ist, sind Schulen, in denen tüchtige, aufopferumgs—
willige Lehrer den Kindern einen gesunden Religionsunterricht
geben. Daran ist eben großer Mangel. Wenn genügend Mittel
und Kräfte vorhanden wären, so könnten in den sieben Ge—
nieinden und Predigtplätzen, die vom Unterzeichneten bedient
werden, über zweihundert Kinder die Schulen besuchen. Welch
ein Same könnten die für unsere lutherische Kirche in Brasilien
werden! Man bedenke, diese Kinder sind keine Heidenkinder,
auch keine Juden oder Katholiken, es sind Kinder evangelischer,
ja zum größten Teile Kinder evangelisch-lutherischer Eltern.
Sollen die wieder ins Heidentum zurücksinken? Denn was ist
es anderes als Heidentum, wenn ihnen jede christliche Erkennt—
nis abgeht?
Von Brasilien gelten gewiß die Worte des HErrn: „Die
Ernte ist groß, aber wenig sind der Arbeiter.“ Darum, ihr
lieben Mitchristen, „bittet den HErrn der Ernte, daß er Ar—
beiter in seine Ernte sende“! W. Kemner.
— —. —
Was lehrt uns die Statistik?
In der Februarnummer von „Lehre und Wehre“ lesen wir:
„In seinem Buch Religious Forces of the United States“ mel⸗
det Dr. Carroll, daß die römische Kirche im Laufe der letzten
zwanzig Jahre ein Wachstum von 99 Prozent zu verzeichnen
habe. Das wird erklärt durch die starke Einwanderung katho—
lischer Elemente aus Südeuropa und durch die sorgfältige Pflege
der Pfarrschulen. Die einzige Kirchengemeinschaft, welche die
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