Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 9 › Seite 145
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1914, Seite 145
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Sr Tutheraneh
aus und fand, als man die Kerzen dann auseinanderbrach —
O miracle! — zwei Dynamitpatronen darin, deren Ex⸗
plosion die Kirche, die Heiligen und das Bildnis der Jungfrau
in die Luft geblasen hätte!“ Durch solche boshafte Erfindungen
hat man das abergläubische Volk mit Vorurteilen gegen die Ver⸗
einigten Staaten erfüllt. Bekanntlich waren die römischen Zei⸗
tungen unsers Landes auf seiten des Huerta, der sich durch die
Ermordung des Präsidenten Madero zum Diktator Mexikos ge⸗
macht hatte. Unser Präsident Wilson hatte Huerta nicht als
Präsidenten von Mexiko anerkannt, daher nun der Haß des
Priesters in Guadalajara gegen die amerikanischen Marine⸗
soldaten. Aus der Geschichte geht zur Genüge hervor, in welch
mittelalterlichem Aberglauben das Volk unsers Nachbarlandes
noch befangen sein muß. G.
Daß die römische Kirche ihren Vorteil nach Kräften aus⸗
nützen wird, wenn Irland einmal von einem vorwiegend katho⸗
lischen Parlament regiert wird, dafür hat sie schon vor Jahren
durch ihr Vorgehen in OQuebec einen Beleg gegeben. Diese cana⸗
dische Provinz war ursprünglich ein Teil der Provinz Ontario,
wurde aber im Jahre 1791 von Ontario getrennt und er⸗
hielt eine eigene Legislatur. Der von Ontario losgetrennte Teil
ist fast ganz katholisch, und dadurch, daß man sich von dem vor⸗
wiegend protestantischen Ontario losmachte, erhielt die neue Pro⸗
vinz, Quebec, eine Legislatur, die zum allergrößten Teil aus
Gliedern der römischen Kirche besteht. In einem Hirtenbrief,
den die Bischöfe Canadas im Jahre 1896 ausgehen ließen, wurde
die katholische Bürgerschaft daran erinnert, daß die Bischöfe ihre
Gewalt von Gott hätten und deswegen „das Urteil zu sprechen
hätten in allen Fragen, die den Glauben und die Moral angehen“
(das heißt also in allen Lagen, in denen sich der Mensch von der
Wiege bis zum Grab befinden mag); und von der Kirche wurde
der kühne Satz gebraucht: sie sei auch in Dingen, die nicht direkt
das religiöse Leben betreffen, eine Autorität über dem Staat!
— Wie die Römlinge den Staatssäckel anzapfen, wo sie die Macht
besitzen, geht aus folgendem Stückchen hervor. Im 18. Jahr⸗
hundert wurde der Jesuitenorden auch in Canada aufgehoben,
und die englische Regierung nahm die Besitztümer, die der Orden
zusammengeraubt hatte, wieder an sich. Als der Orden wieder
geduldet wurde, machten sich die Leiter desselben hinter die
Regierung der Provinz Quebec, um für den Verlust ihrer Güter
jetzt, nach mehr als hundert Jahren, Schadenersatz zu erlangen.
Es wurde auch eine Eingabe vorbereitet, die der Premierminister
nach Rom nahm und sie vom Papst gutheißen ließ. Nach
Quebec zurückgekehrt, legte der Premierminister die Bill dem
Parlament vor und erklärte den katholischen Gliedern, sie hätten
dafür zu stimmen, denn der Papst habe sie approbiert; den
wenigen protestantischen Gliedern aber wurde zu verstehen ge⸗
geben, daß sie nie wieder eine öffentliche Stellung in Quebec be⸗
kleiden könnten, wenn sie dagegen stimmen würden. Die Bill
wurde dann einstimmig angenommen, und den Jesuiten wurden
etwa §400,000 in barem Gelde ausbezahlt. Bedenkt man nun,
daß in Irland die römische Kirche nach der Reformation große
Besitztümer an die Reformierten verloren hat, so kann man sich
einen Vers darauf machen, was wohl einer der nächsten Schritte
sein würde, wenn Irland unter (katholische) Selbstregierung käme.
G
Mit einer merkwürdigen Geschichte wartete das katholische
Freeman's Journal kürzlich seinen Lesern auf. Es wird da er⸗
zählt, daß in Oporto, Portugal, unlängst an dem dortigen Fran⸗
ziskanerkloster einige Umbauten vorgenommen wurden. Das
Kloster ist seit Vertreibung der Mönche staatliches Eigentum, und
man war dabei, es in eine Handelsbörse umzuändern. „Dabei
stellte es sich heraus, daß man eine Tür in eine Wand brechen
mußte, und dieses wiederum machte es nötig, einen Altar, auf
dem ein Muttergottesbild stand, abzubrechen. Die Werkleute
weigerten sich jedoch, das Bild anzutasten, weil sie wußten, wie
oft ihre Mütter, Weiber und Schwestern davor gekniet und die
Hilfe der heiligen Jungfrau angefleht hatten. Der Beamte, der
die Arbeit zu leiten hatte, schalt die Arbeiter wegen ihres ‚Aber⸗
glaubens“ und führte einen Schlag gegen die Brust des heiligen
Bildes. In demselben Augenblick ließ er jedoch die Axt fallen,
stieß einen furchtbaren Schrei aus und bedeckte das Gesicht mit
den Händen. Er war vböllig erblindet und blieb es, bis er starb.
Der Altar wurde nicht zerstört, und vor dem Bilde, das die Spur
jenes verhängnisvollen Schlages deutlich zeigt, versammeln sich
Scharen der Gläubigen. Allenthalben redet man von dem Er⸗
eignis, und besonders die Kinder haben wieder gelernt, über das
geheimnisbolle Walten der göttlichen Vorsehung nachzudenken.“
Solche Sachen wagt das große New Yorker Freeman's Journal
seinen Lesern aufzutischen. Doch scheint es, als ob gerade der
Wunderglaube wieder neubelebt werden soll. Auch in Südfrank⸗
reich, in der Stadt Beziers, soll ein Muttergottesbild ganz kürz⸗
lich dadurch Wunder gewirkt haben, daß Taschentücher, die mit
dem Bilde in Berührung kamen, den Kranken aufgelegt wurden.
Es handelt sich in diesem Fall um ein Steinbild, das im Gottes⸗
acker zu Beziers aufgestellt ist. Als eine Frau vor einigen Wochen
über den Friedhof wandelte, sah sie, daß die Statue mit Moos
überzogen war, und begann, sie mit ihrem Taschentuch zu reinigen.
Da belebte sich plötzlich das Bild, die Jungfrau legte ihre Hand
auf das Taschentuch und sagte: „Dies Tuch ist nunmehr geweiht;
bewahre es sorgfältig auf. ich habe es gesegnet, um deine Mühe
und deinen Eifer um mich zu belohnen.“ Sprach's und nahm
sogleich wieder die Starrheit der Statue an. Die Frau lief nach
Hause zu ihrem gelähmten Kinde, legte ihm das Taschentuch auf,
und das Wunder geschah: das Kind konnte wieder gehen. Am
Sonntag war eine wahre Völkerwanderung nach dem Friedhof
von Beziers; wer ungläubig lächelte, geriet in Gefahr, von der
Menge mißhandelt zu werden, die Kerzen vor dem Bilde an⸗
zündete und vor ihm betete. Eine Frau, die ihr gereichte Taschen⸗
tücher gegen Entgelt an den Händen der Jungfrau rieb, wurde
von der Polizei entfernt; aber man meldete schon einen Lahmen,
der seine Krücken fortwarf, und einen Blinden, der sehend wurde.
Der Bischof und die Geistlichkeit haben sich noch nicht ausge⸗
sprochen; sie warten wahrscheinlich, um durch anfänglichen
Zweifel und angebliche genaue Untersuchung die Sache um so
glaubwürdiger zu machen. G.
über den sittlichen Verfall der breiten Massen in den soge⸗
nannten christlichen Nationen sprach sich kürzlich eine kirchliche
Zeitschrift folgendermaßen aus: „Nur wer seine Augen gegen die
bestehenden Verhältnisse mutwillig verschließt, kann leugnen, daß
wir vor einem rapiden Niedergang der Sitten stehen. Außer der
Zunahme in der Zahl der Selbstmorde, Mordtaten, Raubanfälle,
Diebstähle und anderer Verbrechen ist besonders ein betrübender
Verfall des ehelichen Lebens zu erkennen. Mehr als 350,000 Ehe⸗
scheidungen wurden letztes Jahr in unserm Lande bewilligt. ...
Die Massen sind von einer Vergnügungswut ergriffen. Die
Theater sind gefüllt, Tänze der verworfensten Art sind zur All⸗
täglichkeit geworden. Die Tage, von denen Paulus 2 Tim. 3,
1—5 redet, sind gekommen.“ Ganz richtig wird die Zunahme
der Verbrechen und der Fleischessünden auf die überhandnahme
des Unglaubens, besonders auf die neue Theologie, zurückgeführt.
„Erst leugnen Menschen die Offenbarung Gottes, die Wahrheit
der Schrift, des Evangeliums, dann stürzen sie sich in ein Sün⸗
denleben. Deshalb erkennen wir in einem Mann, der die gött⸗
liche Eingebung der Heiligen Schrift leugnet, einen Anführer des
Lasters. Wer sich als religiösen Führer aufspielt und dann leug⸗
net, daß die Schrift Gottes Wort ist, ist mehr zu fürchten als die
Eigentümer der niedrigsten Lasterhöhlen und Spielhöllen.“ Ge⸗
rade seitdem das Gift der ungläubigen Theologie in die ameri⸗
kanischen magazines, Romane und öffentlichen Hochschulen ge⸗
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