Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 9 › Seite 146

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. April 1914, Seite 146

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r „Tuthsranets

drungen ist, verbreitet sich der Unglaube in allen Volksschichten
und hat den unaufhaltsamen Niedergang der Sittlichkeit zur
Folge. „Zwei Drittel der Bevölkerung“, erinnerte der „Deutsche
Lutheraner“ kürzlich, „stehen außerhalb kirchlicher Gemeinschaft.
Amerika ist trunken und toll in Sünden. Das Laster frißt um
sich wie ein faules Geschwür in der Familie, in der Gesellschaft
und im staatlichen Leben; Betrug herrscht unter Hohen und
Niedrigen; Lüge und Meineid sind an der Tagesordnung. Die
Arzte versichern, daß der Kindermord im geheimen getrieben wird,
nicht von einem herzlosen Herodes, sondern von Rahel selber, die
nicht weint, sondern sich freut ihrer Kinder, daß sie nicht
mehr sind.“ ö G.
Daß der Phonograph dieselben, vielleicht noch größere Ge⸗
fahren mit sich bringt als das Wandelbildertheater, wird auch
in deutschländischen Zeitschriften immer wieder bezeugt. Im
„OQuellwasser“ schrieb kürzlich ein Leser: „In einem kleinen
Harzstädtchen war's. Es regnete und war ungemütlich im un⸗
geheizten Stübchen. Zum Zubettgehen war es für die Kinder
noch zu früh. ‚Ach, wir holen das Grammophon von der Nach⸗
barin. Gut, das erforderliche Geldstück wurde bewilligt, und die
Sache ging los. Zuerst die Musikstücke: Märsche, Tänze und die
neuesten Operettenschlager. Dann kamen andere Dinge: Zwie⸗
gespräche, eine Gardinenpredigt, ein Telephongespräch. Couplets.
Zum Glück war das Grammophon nicht sehr groß, so daß die
bedenklichsten Stellen durch das Surren und Schnurren des
Apparates verwischt wurden. Aber das Ergebnis war auch so
schon traurig genug: Trunkenheit, Ehebruch, Zweideutigkeiten —
das war die Kost, die das Grammophon den schlichten Waldleuten
tagtäglich bot. Und, wie leicht festzustellen war, bot fast jedes
Haus, selbst das des ärmsten Tagelöhners, solch einen Apparat.
Bisher war uns das Grammophon nur oft als ein Verderber
musikalischen Geschmackes erschienen; aber es ist auch ein großer
Verderber der Volksseele. Muß nicht das, was die Leute dort
täglich hören, ihnen etwas Selbstverständliches werden? Werden
sie nicht durch all die Zoten und die unsittlichen Lebensvorgänge,
mit denen das Instrument aufwartet, verdorben werden müssen?
Zudem findet sich das Grammophon auch in den Orten, wohin
ein Kino [Wandelbildertheater] sich noch nicht verirrt hat. Es
kann also unter Umständen noch gefährlicher werden.“ G.

————

Bismartk als Christ.

Ich kam, so erzählt ein Bibelkolporteur, auf meinen Reisen
auch nach Varzin. Der Fürst⸗Reichskanzler war damals auch
gerade dort. Als ich nach vollbrachtem Tagewerk abends im
Gasthaus einkehrte, und man dort erfuhr, daß ich Gottes Wort
unters Volk zu verbreiten habe, da fragte man mich, ob ich nicht
noch am selben Abend mit aufs Gut gehen wolle, die Tochter des
Gastwirts ginge auch hin, weil daselbst „Abendandacht“ sei. Ich
folgte dieser Einladung und fand mich mit Knechten, Mägden und
Tagelöhnern des Gutes wie auch mit manchen sonstigen Dorf⸗
bewohnern in dem geräumigen und zweckentsprechend eingerichteten
Betsaale des Guts ein. Einige Männer, die ich am Tage bereits
gesprochen hatte, luden mich freundlich ein, auf ihrer Bank Platz
zu nehmen. Der Saal war dichtgedrängt voll von Teilnehmern.

Es dauerte nicht lange, da erschien der Gutsherr, den Weg
auf das Lesepult zu durch die Versammlung hinschreitend und
nach rechts und links freundlich grüßend.

Alles war mäuschenstill.

Ich war innerlich recht erfreut, diesen großen Mann so recht
als einen Hausvater der Seinigen zu finden. Als ich mich noch
mit diesem Gedanken beschäftigte, begann der Fürst⸗Reichskanzler:
„Wir haben ja wohl einen Bibelmann hier unter uns?“ Dabei
sah er mir stracks, doch freundlich ins Gesicht, und mit ihm waren

auch sofort die Augen aller Anwesenden auf mich gerichtet. Der

Fürst fuhr fort: „Sie können so gut sein und uns heute die 1

Abendandacht halten, nicht wahr?“

Ich erwiderte, indem ich aufstand: „Verzeihen Durchlaucht.
daß ich“ — weiter kam ich jedoch mit meiner Rede nicht, denn

der Fürst unterbrach mich: „Ach, lieber Mann, was heißt „Durch⸗
laucht'? Hier vor dem Angesichte Gottes sind wir alle recht arme
Sünder! Und nun kommen Sie nur hierher und nehmen Sie

mal heute abend meine Stelle ein und halten Sie uns die Abend⸗

andacht!l“
Ich folgte selbstverständlich dieser Aufforderung, und der
Fürst, der unter den Anwesenden seinen Platz suchte, bedankte

sich mit warmem Händedruck am Schlusse der Andacht, mir Gottes

reichsten Segen auf den Weg wünschend.

Der Herzschmelzer.

Eines Tages kam ein indischer Heiliger zu einem englischen
Missionar und deklamierte im Laufe des Gespräches den Vers:
Wachet auf! ruft uns die Stimme
Der Wächter sehr hoch auf der Zinne;

Wach' auf, du Stadt Jerusalem!

Der erstaunte Missionar fragte, woher er diesen Vers habe.
„O“, antwortete der Hindu, „ich habe ein Buch. ‚„Der Herz⸗
schmelzer“, das enthält viel solche schöne Verse.“ Der Missionar,
dem kein Buch unter diesem Namen bekannt war, wünschte es zu
sehen. Da holte der Alte das sorgfältig eingewickelte Buch hervor,
küßte es ehrerbietig und legte es dem Missionar in die Hände.
Und was war es? Ein altes Gesangbuch der Missionsgemeinden
im Tamulenlande, dem, weil das Titelblatt fehlte, der Hindu,
der die herzerweichende Kraft des Inhalts erfahren haben mußte,
den Namen „Herzschmelzer“ beigelegt hatte. (Nachbar.)

—

Wissen blähet auf!

Laßt uns keinen Augenblick denken, daß wir alles von Gott

und seiner Wahrheit wissen. Je mehr wir wissen, desto besser
werden wir sehen, was wir nicht wissen. Dies wird unsere Un⸗
wissenheit im Vergleich zu unserer Erkenntnis so groß erscheinen
lassen, daß es uns vorkommen wird, als ob wir nichts oder im
besten Fall nur wenig wüßten. Die richtige Grundlage, darauf
zu bauen, ist die Erkenntnis, daß wir von uns selbst nichts wissen,
wie wir es wissen sollten. Zu solcher Erkenntnis und Demut kann
Gott himmlische Weisheit hinzufügen, und dann wird Ruhm und
Ehre dem HErrn zukommen und nicht Menschen.

**

Zum Nachdenken.

Wohltaten gleichen Rosen mit dornigem Stengel.

müssen mit Vorsicht gereicht werden, sonst verletzen sie.

Es ist schwer, Liebe dem zu erweisen, der dich kränkt. Aber

es ist auch das einzige Mittel, ihn sein Unrecht einsehen zu lassen
und ihn zu bessern.

Im Dienste Gottes liegt allein die wahre Freiheit, während

das Freisein von Gott die ärgste Knechtschaft ist.

Ich damit verbunden ist.

Bedauernswert sind diejenigen, welche zwar Pflichtgefühl,
Wie gut könnte
solchen geholfen werden durch den, von dem geschrieben steht: „Er
gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.“!

aber nicht die Kraft besitzen, ihm zu genügen.

(Nachbar.)

Beide

In der Unter⸗
ordnung unter Gott ist Freiheit, weil die Lossagung vom eigenen

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