Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 13 › Seite 204
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. Juni 1914, Seite 204
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S er Lutheransr
mit lutherischen Gemeindegliedern und Pastoren disputieren
könnten. Besonders eifrig war Jacobs darauf bedacht, seine
Schüler in diesen Disputierübungen mit der lutherischen Be:
kämpfung der Lehre, daß der Papst der Nachfolger Petri sei,
vertraut zu machen. Da — erzählte der jesuitische Pfarrer
dem deutschen Reisenden — sei es ihm aber schlecht gegangen.
Als er vor den Priestern in diesen Unterrichtsstunden die Stel⸗
lung der lutherischen Kirche mit solcher Schärfe, obwohl nur
„unter dem Schein des Rechten“, vortrug, wurde er nach
Rom gerufen und mußte sich vor dem päpstlichen Gericht recht⸗
fertigen. Zwar gelang es ihm, zu beweisen, daß er die luthe⸗
rische Lehre nicht als die seine gelehrt hatte, aber er wurde auf
Lebenszeit nach dem fernen Brasilien gesandt, weil man
einem Menschen, der einmal mit der lutherischen Beweisführung
gegen die Lehre der römischen Kirche so gründlich bekannt ge⸗
worden war⸗ nicht mehr recht traute.
Diese Erfahrung des Pfarrers Jacobs, die in Stutzers
„Lebenserinnerungen“ (Verlag von H. Wollermann, Leipzig)
zu lesen ist, beweist zur Genüge, wie der Papst die lutherische
Kirche fürchtet. Und gerade weil unsere Missourisynode in der
Lehre vom Antichristen wie in allen andern Glaubenslehren
genau wie die Schrift lehrt, deshalb gibt uns jener Jesuit das
Zeugnis, wir seien von allen Gegnern der römischen Kirche „am
festesten gesattelt“. Bewegungen, wie sie jetzt hierzulande von
der Menace und ähnlichen Blättern gegen die Papstkirche in
Gang gebracht worden sind, hat sie schon in andern Ländern
erfahren müssen, hat wohl auch hie und da durch solche Oppo-
sition einen Teil ihrer Besitztümer und ihrer weltlichen Macht
verloren. Deshalb sieht sie auch der Verbreitung solcher Blätter
und dem Wachstum der „Lutherritter“ mit Besorgnis entgegen.
Zugleich weiß die römische Kirche aber, daß es für sie eine
Gefahr gibt, die sie mehr als jede andere zu fürchten hat, näm⸗
lich die reine Verkündigung des Evangeliums. Wo das
hinkommt, ist es mit ihrer Macht aus. Und weil wir das
Evangelium von der Gnade Gottes in Christo IEsu, von dem
vollkommenen Versöhnungsopfer IEsu, von der Rechtfertigung
durch den Glauben, die Lehre von der unsichtbaren Kirche, von
dem Priestertum aller Gläubigen, genau so treiben, wie es einst
Christus und seine Apostel getan haben, darum hat die Papst⸗
kirche an uns Lutheranern ihren gefährlichsten Feind — und
weiß es.
Das Zeugnis, das unsere Synode während der Zeit ihres
Bestehens auf Grund dieser Lehren gegen die Kirche des Anti⸗
christen abgelegt hat, ist nie nötiger gewesen als in unsern
Tagen. Nie hat die Papstkirche größere List bewiesen in der
Verkündigung ihrer seelenverderblichen Irrtümer, nie größere
Anstrengungen gemacht, den Ansprüchen des Papstes auf welt⸗
liche Herrschaft in dem öffentlichen, politischen Leben unsers
Landes Geltung zu verschaffen. Wer die Geschichte des Papst-
tums kennt, weiß, daß keine menschliche Gewalt, auch keine
Menace und keine Knights of Luther“, das Unheil abwenden
können, das in dieser Machtentfaltung des Papsttums, die jetzt
so viele Gemüter mit Besorgnis erfüllt, unserm Lande droht.
Es gibt nur ein Bollwerk, das den Anläufen des Papstreichs
Widerstand leisten kann, und das ist die Predigt von der Recht⸗
fertigung des Sünders allein aus Gnaden, durch den Glauben
an JIEsum Christum. Nur wo diese Lehre im Mittelpunkt steht,
kann auch gegen die politischen Umtriebe der Papstkirche das
rechte Zeugnis abgelegt werden. G.
Der Sozialismus erklärt das Eigentumsrecht
für uurecht.
„Du sollst nicht stehlen. Was ist das? Wir sollen Gott
fürchten und lieben, daß wir unsers Nächsten Geld oder Gut
nicht nehmen, noch mit falscher Ware oder Handel an uns
bringen, sondern ihm sein Gut und Nahrung helfen bessern
und behüten.“ Das ist Schriftlehre. Gott, der Schöpfer aller
Dinge, ist der eigentliche Eigentümer aller Dinge; er hat aber
den Menschen seine Güter ausgetan, hat sie gesetzt zu Haus⸗
haltern, etliche über wenig, etliche über viel, wie Salomo in
den Sprichwörtern am 22. spricht: „Reiche und Arme müssen
untereinander sein; der HErr hat sie alle gemacht.“ Was nun
ein Mensch auf rechte Weise in seinen Besitz bekommen hat, sei
es durch Arbeit oder Geschenk oder Erbschaft oder Einkünfte, ö
oder wie es sonst geschehen sein mag ohne Betrug, List und
Gewalt, das ist sein rechtmäßiges Gut; davon soll er leben
mit den Seinen, damit soll er Dürftige unterstützen und alle
Zwecke zum Wohl seiner Mitmenschen nach Kräften fördern.
Verwaltet er nach dieser Regel sein Eigentum, so ist er ein
treuer Haushalter, und niemand hat ein Recht, ihm eins seiner
Güter, ob er gleich viele haben mag, streitig zu machen oder
es ihm zu nehmen. Die Obrigkeit hat das Amt von Gott, daß
sie für das irdische Wohl aller ihrer Untertanen Sorge tragen
soll, über die habgierigen Menschen zu wachen, ihnen Grenze
und Ziel zu setzen, daß sie nicht alles an sich reißen und zuletzt
allein das Land besitzen. Gott selbst wird einmal mit aller
Strenge ins Gericht gehen mit allen, die das Eigentumsrecht
mißbrauchen, sich zu bereichern und andere zu berauben. Mit
großem Ernst aber hat Gott jedem Menschen verboten, seine
Hand eigenmächtig auszustrecken nach irgendeinem Gut, das
nicht in seinem, sondern in eines andern Besitz ist. Schon der,
welcher ein diebisches Herz hat und begehrt, des Nächsten Haus
oder andere Habe durch List oder mit einem Schein des Rechts
an sich zu bringen, gehört in die Gesellschaft der Hurer, der
Abgöttischen, der Ehebrecher, der Götzendiener, der Trunken⸗ —
bolde, der Lästerer, der Räuber, von welchen allen die Schrift
1 Kor. 6 sagt: „sie werden das Reich Gottes nicht ererben“.
Das Eigentumsrecht ist also wahrhaftig Gottes eigene
Stiftung; wer sich an dem Eigentumsrecht vergreift, dies än⸗
dern oder aufheben will, der vergreift sich an Gott, an Gottes
Ordnung. Dessen unterwindet sich mit großer Keckheit der
Sozialismus. „Eigentum ist Diebstahl.“ Dies Wort des fran⸗
zösischen Sozialisten P. J. Proudhon ohne weiteres zu unter⸗
schreiben, möchte sich mancher Sozialist jetzt scheuen, aber es
ist wirklich immer noch der Grundton, der in allen sozialistischen
Ausführungen über das Eigentumsrecht durchklingt.
Daß das Eigentumsrecht Gott und sein Gebot zum Ur⸗
heber haben soll, ist dem Sozialismus nur lächerlich. Er leitet
es ganz anderswoher als von Gott, nämlich aus der Evolution;
wie sich alle Sitten und Gebräuche in der Welt entwickelt haben 3
sollen, und zwar aus den jeweiligen materiellen Verhältnissen,
unter denen die Menschen lebten, so soll auch diese Weise, daß
jeder Meusch sein Eigentum besitzen dürfe, und daß das gut und
recht sei, entstanden sein. Der Sozialismus hält das Eigen⸗
tumsrecht für die Hauptwurzel alles Übels, für den Eckstein
des ganzen Kapitalismus und aller bösen Dinge und Greuel,
die damit zusammenhängen, wovon die Welt er füllt ist. Sollen
die Menschen frei und glücklich werden, sagt der Sozialismus,
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