Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 13 › Seite 206

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. Juni 1914, Seite 206

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206 ‚

das noch lange nicht der Sozialismus ist, daß es vielmehr,
wie es in der deutschen Ausgabe der Plattform ausdrücklich
heißt, nur „Gegenwartsforderungen“ sind für die „Verwirk⸗
lichung des Endziels“, des „kooperativen Gemeinwesens“! Diese
Forderungen sollen schon jetzt, als Vorbereitung, noch unter
der kapitalistischen Regierung ins Werk gesetzt werden. Was
der Sozialismus später noch, wenn er zur Herrschaft gekommen
ist, als Gemeingut erklären und was er den einzelnen zum
Gebrauch überlassen wird, das haben wir noch abzuwarten; er
behält das völlig seinem Belieben und seiner Macht vor. Das
erklärt die Plattform mit ganz ausdrücklichen Worten zum
Schluß, wo es heißt: „Die Abhilfsmaßregeln, die wir den
Kapitalisten abzuzwingen vermögen, sind nur die Vorbereitung
der Arbeiter zur übernahme der ganzen Regierungsgewalt, um
so das ganze System der sozialisierten Industrie zu übernehmen
und ihr rechtmäßiges Erbe anzutreten.“

Wenn nun jemand meinen wollte, nachdem er dies alles
erkannt hat, er könne ein rechter Christ sein, er könne das
Gebot: „Du sollst nicht stehlen“ und das dadurch bestätigte
Eigentumsrecht für göttlich halten und doch auch eine solche
Plattform unterschreiben und mit denen zusammenwirken, die
ausgesprochenermaßen das Ziel verfolgen, Gottes Gebot und
Ordnung umzustoßen, als liege darin unsägliches Unheil, der

müßte doch fürwahr mit schrecklicher Blindheit geschlagen sein.

L. S.

Kurze Nachrichten aus unsern Missionen.

Innere Mission. Oregon. überall, wo es die Missions⸗
kommissionen für nötig halten, werden Prediger berufen und
hingesandt; das sind unsere Arbeiter, die wir mit unsern Mis⸗
sionsgaben erhalten. Und wir haben auch hier im fernsten Nord⸗
westen schon eine schöne Anzahl von Männern, die in unserm
Dienst stehen. Was tun nun diese unsere Boten? Man hört
und liest so wenig von ihnen. Das ist zu entschuldigen. Seht,
die haben alle ihre Arbeit. Da sind Kinder zu unterrichten und
vorzubereiten zur Konfirmation, wo es möglich ist, wird Schule
gehalten, am Sonntag muß gepredigt, nebenbei müssen Leute
aufgesucht werden, die etwas weiter weg wohnen, auch muß man
nachforschen, ob man nicht noch einen neuen Predigtplatz grün⸗
den könne. Das alles nimmt die ganze Zeit des Missionars in
Anspruch. Sie können einfach nicht viel schreiben. Eins wißt
ihr: Wo das Wort Gottes nicht hinkommt, da kommt auch keine
Erlösung, keine Vergebung der Sünden, keine Gerechtigkeit und
Seligkeit hin. Wo aber Gottes Wort lauter und rein gepre⸗
digt wird, da kommt Gottes Reich zu uns. Und dem SErrn
JEsu ist kein Ort zu weit; er geht hin und sucht das verirrte
und verlorne Schäflein. Wunderbar sind da oft Gottes Wege.
Wenn da einer ist, der in seinem Herzen die Frage hat: „Was
muß ich tun, daß ich selig werde?“ da führt der HErr auch
einen seiner Diener dahin, um ihm die rechte Antwort auf diese
Frage zu geben, ob der Mensch im Walde oder auf dem Berge
oder im Tale wohnt. ö

In gar manche einsame Hütte kehrt der Reiseprediger ein,
und schöne Stunden sind es, die man da verlebt, wenn man die
Heilsbrunnen öffnet und das Wasser des Lebens, Licht und Heil
aus Gottes Gnadenbrunnen, auf die fast verschmachteten Seelen
fließen läßt. Da werden wirklich geistlich Hungrige gespeist

und getränkt, Nackende bekleidet, Verlassene besucht und Be⸗
trübte getröstet. Und das sieht der Heiland so an, als ob es
ihm getan sei. Und da ich einmal dabei bin, will ich auch noch
etwas mehr verraten aus den Erlebnissen eines Missionars.

Machen wir einmal eine kleine Missionsreise nach dem
südöstlichen Oregon. Wir steigen am Abend in Portland in
einen Expreßzug, fahren die ganze Nacht und kommen 7½9 Uhr
abends des folgenden Tages am Ende der Bahn an. Bei einem
alten Freunde kehren wir ein. Man wartet schon, und bald
heißt es: „Nun kommen Sie, Herr Pastor, und essen erst ein
wenig.“ Am nächsten Tage suchen wir etliche Leute auf und
machen bekannt, daß wir da sind. Nachmittags fahren wir sech⸗
zehn Meilen in die Berge hinein, wo wir bei dunkler Nacht in
der Herberge ankommen. Am Sonntag ist Gottesdienst. Etliche
müssen zwei Stunden zu Fuß gehen und dabei noch über einen
hohen Berg klettern, um an dem Gottesdienst teilnehmen zu
können. Der kleine Raum ist bald gefüllt, und lieblich erschallt:
„Liebster IEsu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören.“
In der Predigt wird dargelegt, wie man vor Gott gerecht und
selig werden kann. Ein Kindlein wird zur heiligen Taufe ge⸗
bracht und aufgenommen in die Christenheit. Da heißt es
dann: „Das war heute mal schön! Wenn es nur öfters so
sein könnte!“

Tags darauf geht's weiter ins Land hinein, erst zu Fuß,
dann mit Wagen, dann wieder drei Stunden zu Fuß. Wir
kommen zur rechten Zeit in die Herberge. Die Aufnahme ist
freundlich. Man will dankbar sein und erbietet sich, eine Pre⸗
digt zu halten; aber es wird mit einer nichtigen Entschuldigung
abgeschlagen, und das bereitet Herzeleid.

Aber fröhlich ziehen wir weiter. Es sind nur noch zwölf
Meilen, da kommen wir in einem Winkel, hinter Bäumen ver⸗
steckt, zu einer Wohnung. Dort sind wir willkommen. Zum
Gottesdienst kommt eine fast achtzigjährige Mutter; ihr rollen
die Tränen über die Wangen, so freut sie sich, daß sie wieder
einen lutherischen Prediger hört. Sie klagt mir, sie sei so ver⸗
geßlich geworden, sie könne nichts mehr behalten. Ich frage
sie, ob sie noch etwas von IEsu wisse. Da sagt sie: „Ja, das
weiß ich schon noch; meinen Heiland kann ich nicht vergessen,
der hat ja alles für mich getan.“ Sie war auch nicht allein da;
außer ihr waren noch andere zum Gottesdienst gekommen.

Nachdem an diesem Ort unser Amt ausgerichtet war, kehr⸗
ten wir zur Stadt zurück. Da ist eine Familie, wo das vorige
Mal vier Kinder getauft wurden. Der Mann ist deutsch, die
Frau englisch. Hier geschah es, daß die Frau auf einmal mit
fröhlichem Gesicht aus der Küche kam und sagte: „Jetzt sagen
Sie mir, was sollte ich Ihnen wohl geben? Sie kommen einen
so weiten Weg und tun ein so großes Werk und bringen uns
köstlichen Zuspruch — ich will etwas tun.“ Der Mann gab
mir beim Abschied zwei Dollars und sagte, das sei für mich.
Das geht aber nicht; das war eine Erstlingsgabe für die Mis⸗
sion. In diesem Hause wurde englischer Gottesdienst gehalten.
Nachmittags wurde in der Stadt deutsch gepredigt. Es wurde
den Leuten bezeugt, wie JEsus jetzt zu uns kommt in seinem
Worte, und wie er einst wiederkommen wird zum Gericht. Drin⸗
gend nötig sei es, das Heil zu ergreifen, da wir es haben könn⸗
ten und es uns angeboten werde.

Auf dem Rückwege wird noch eine andere Familie aufge⸗
sucht. Auch hier wird gepredigt, ein Kindlein durch die Taufe
in Gottes Reich aufgenommen und Trost und Mahnung ge⸗

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