Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 13 › Seite 205

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. Juni 1914, Seite 205

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Sozialismus 3

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Ser „Tutheranee

20⁵5

V.

son die Ausbeutung der Arbeiter aufhören, soll die Lohnskla⸗

verei und alle Armut abgetan werden, sollen alle Menschen
gleich werden und die Fülle haben an allen guten Dingen dieser

Welt und also sich freuen und das Leben genießen können, wie

es sich menschlichen Lebewesen gezienit, so muß diese böse Wurzel

1 Hausgerottet werden aus dem Acker der Welt. Diese Aufgabe

hat sich der Sozialismus gestellt; die will und wird er lösen;

das Eigentumsrecht und damit das ganze kapitalistische System
wird er stürzen und an dessen Stelle das Gemeingut, die „kom⸗

munistische Gesellschaft, aufrichten, friedlich, wenn er kann, mit
Gewalt, wenn er muß“.

Zwar sagt und schreibt man gegenwärtig viel, es sei nicht
wahr, daß der Sozialismus alles Privateigentumsrecht auf⸗
heben wolle, sondern er bekämpfe nur das Eigentumsrecht ein⸗
zelner Personen und Gesellschaften von den hauptsächlichsten
Quellen und Mitteln des Erwerbs, wodurch andere beraubt
werden könnten. Diese Behauptung soll ein Trost sein für die,

dwelche ein Haus haben, vielleicht auch ein Automobil, das sie

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doch gerne behalten möchten. Es ändert diese Rede an der
Sache selbst nichts; der Grundsatz des Sozialismus, daß das

Eigentumsrecht unrecht sei und abgetan werden müsse, bleibt
dabei unverändert stehen. Der Sozialismus hält sich für be⸗
rechtigt und berufen, das Gebot der Bibel: „Du sollst nicht
stehlen!“ und alle Staatsgesetze, die das Eigentumsrecht schützen.
außer acht und Kraft zu setzen und so mit einem Schlage
dies vermeintliche Recht und den Kapitalismus, der darauf
beruühe, über den Haufen zu werfen, die Gütergemeinschaft, so⸗
weit im großen und im kleinen, wie er es für gut und praktisch
halte, auf der ganzen Erde einzuführen und so die rechte Frei⸗
heit und Gleichheit aller Menschen zu erwirken.

Ließe der Sozialismus, so urteilt man, das Privateigen⸗
tumsrecht auch nur im geringsten stehen, so würde ja nicht der
ganze Grund des kapitalistischen Systems zertrümmert, so bliebe
ja uoch etwas von der Wurzel alles übels übrig, woraus dann
sicherlich mit der Zeit das alte Ungeheuer, der Kapitalismus,
aufs neue hervorwachsen würde. Das ist es aber gerade, was
auf immer unmöglich gemacht werden soll. Nein, der Sozia—
lismus will Kommunismus, Gütergemeinschaft, voll und ganz.
Was der einzelne unter dem Sozialismus haben wird, ist nicht
eigentlich sein, sondern der Gesellschaft Eigentum, er hat es
ja mit der Gesellschaft, auf deren Lande, mit deren Erwerbs—
mitteln produziert; es ist ihm zuerkannt, nicht zu seinem Pri-
vatbesitz, damit er nun tun könne, was er wolle, ein Geschäft
damit treiben oder es anlegen oder vererben, sondern zu seinem
Gebrauch, zu seinem Genuß. Das künftige „kooperative Ge—
meinwesen“ soll nichts anderes als rechter, echter Kommunis-
mus sein. Daher klagt Karl Kautsky, eine der höchsten Spitzen
unter den Sozialistenführern, darüber, daß sich der Name So—
zialismus an Stelle von Kommunismius eingebürgert habe, in⸗
dem er schreibt in seiner „Ethik“, Seite 79, was schon früher
in diesen Artikeln angeführt wurde: „Das Wort Sozialismus
deckt heute so mannigfaltige Waren, darunter recht erbärmliche,
christlichen und nationalen Sozialismus aller Art; das Wort
Kommunismus dagegen bezeichnet unzweideutig und klar das
Ziel des um seine Emanzipation im revolutionären Kampfe
ringenden Proletariats.“

Eine Menge Stellen aus den anerkannten sozialistischen
Schriften könnten hier als Beweis angeführt werden; denn das
ist ja schließlich der Zweck, worauf diese Bücher alle hinausgehen,

zu zeigen, selbst wenn sie von der Ehe, von der Prostitution und
ähnlichen Dingen handeln, daß der Grund des Kapitalismus,
das Eigentumsrecht, dieses Grundübel, abgeschafft werden
müsse. Der Franzose Paul Lafargue, eine Autorität, sonderlich

in diesem Fache, unter den Sozialisten, hat ein Buch geschrieben,

das auch von der Sozialistenpartei als „Musterschrift“
empfohlen wird, unter dem Titel: „Die Evolution des Eigen⸗
tums“, in englischer Übersetzung 174 Seiten stark. Der In⸗
halt ist in kurzer Summa dieser: Ursprünglich wußten die
Menschen nichts von Mein und Dein. In den blutsverwandten
Stämmen, die sich bildeten, waren alle Güter gemein. In den
Stämmen bildete sich dann mit der Zeit das Familiengemein⸗
gut, und innerhalb der Familie entstand dann endlich das Pri⸗
vatgut, da jedes Glied sein Eigenes beanspruchte. Das Eigen⸗
tumsrecht zu erhalten und zu stärken, wurden Gesetze erdacht
und auch religiöse Sitten und Gebräuche eingeführt und gött⸗
liche Gebote vorgegeben, um abergläubische Gemüter einzu—
schüchtern, daß sie sich fürchten sollten, eines andern Gut an⸗
zutasten, welches sonderlich auch durch die Bibel geschah.
(S. 58. 59.) In dem sehr kurzen Schlußkapitel summiert er
und sagt unter anderm: „Nachdem die Zivilisation den groben
und einfachen Kommunismus des Anfangs der Menschheit zer⸗
stört hat, arbeitet sie die Anfangsgründe eines vielfachen und.
wissenschaftlichen Kommunismus aus. Gerade wie in den Ur⸗
zeiten wird die Arbeit jetzt gemeinsam getan, und der Erwerber
eignet weder die Arbeitsinstrumente noch die Frucht der Arbeit.
Der Ertrag der Arbeit wird noch nicht gemeinsam geteilt, wie
das der Fall war bei den wilden und barbarischen Stämmen;
er wird monopolisiert von müßigen Kapitalisten, deren Unter⸗
drückung jetzt nur noch eine Frage der Zeit und Gelegenheit
ist. . . . In der Urgesellschaft war das Eigentum nur den
blutsverwandten Gliedern desselben Stammes gemein ...
aber in der Zukunftsgesellschaft wird das Eigentum als Gemein⸗
gut gehalten werden von allen Gliedern der großen Menschen⸗
familie ohne Unterschied der Nation, der Rasse oder der Farbe;
denn die Arbeiter, die jetzt alle dasselbe kapitalistische Joch
tragen, haben erkannt, daß sie, die jetzt Brüder sind im Elend,
Brüder im Aufruhr, auch Brüder bleiben müssen im Siege.“

Was lesen wir in der Plattform von 1912, in welcher die
Sozialistenpartei von den Vereinigten Staaten in selbsteigener
Person redet? Gleich anfangs wird von dem „kapitalistischen
System“ — das ist eben das, was auf das Privateigentumsrecht
gegründet ist — gesagt: „Wir verwerfen (denounce) dies
überlebte System als ungenügend und korrupt und als die
Quelle unsäglichen Elends und Leidens der ganzen Arbeiter—
klasse.“ Unter den „Gegenwartsforderungen“ steht obenan der
„Gemeinbesitz“ folgender Dinge: Eisenbahnen, Telegraphen und
Telephone aller Art, Expreßdienst, Dampferlinien und alle an⸗—
dern sozialen Transport- und Verkehrsmittel, alle Großindu⸗
strien, alle Getreidespeicher, Viehhöfe, Warenlagerhäuser und
andere Verteilungsmittel, Minen, Steinbrüche, Olfelder, Wäl⸗
der, Wasserkraft, Land, wo praktisch, Bank und Geldwesen,
Patente.

Wenn alle diese Dinge Gemeingut sind, so ist nicht mehr
allzuviel übrig, wovon noch einzelne Personen sagen könnten:
Dies ist mein, damit kann ich schalten und walten. Wer könnte
wohl bei solcher Gütergemeinschaft im ganzen Lande noch viel
Privatgeschäft treiben? Wie wenig wäre dabei noch übrig von
dem Eigentumsrecht der einzelnen! Man bedenke aber, daß

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