Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 70, Nummer 14 › Seite 226

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 7. Juli 1914, Seite 226

217 218 219 220 221 222 223 224 225 226 227 228

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner70_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Zauberei · Kirchengemeinſchaften 3

⤓ Download .txt · copy text

226

S er „Tutheranss

kein Übel, keinen Tod, keine Hölle; das ist alles Einbildung. Es
wurde also kein Arzt, sondern nur ein practitioner zu Rate ge⸗
zogen, also ein Gesundmacher der Eddyschen Sekte. Er brachte
auch seine Heilmethode in Anwendung, die darin besteht, daß
man die Krankheit wegzudenken sucht. Ist ein Patient
nur eingebildet krank (und die Zahl solcher Kranker ist sehr groß),
so mag es dem practitioner gelingen, die falsche Einbildung zu
entfernen. Wo das geschieht, reden die Eddyisten dann von einer
Heilung. Aber die Diphtherie läßt sich nicht wegdenken, denn die
Diphtherie ist keine eingebildete Krankheit, sondern eine sehr wirk⸗
liche. Auch als Wessel sah, wie der Zustand seines Kindes sich
von Tag zu Tag verschlimmerte, unterließ er es, einen Arzt zu
rufen, ließ auch dieses Vorhandensein eines Falles ansteckender
Krankheit nicht ans Gesundheitsamt melden, denn nach der Lehre
der Szientisten handelte es sich ja schlimmstenfalls um eine an⸗
steckende Einbildung. Nach vier Tagen starb das Kind, oder,
wie ein Christian Scientist das ansehen würde, es litt unter der
Einbildung, daß es tot sei. Der Vater wie auch der practitioner
konnten an dieser Einbildung nichts mehr ändern, und der
Leichenbestatter wurde bestellt. So bekam das Gesundheitsamt
Meldung von dem Fall. Die Sache wurde gerichtlich untersucht,
und ein Urteilsspruch auf „verbrecherische Fahrlässigkeit“ der
Eltern wurde abgegeben. Nicht nur ist das arme Wesselsche Kind
dem Eddyschen Wahn zum Opfer gefallen; dadurch, daß eine
Schwester desselben regelmäßig zur Schule gegangen war, sind
sieben andere angesteckt worden und liegen nun an der furchtbaren
Krankheit danieder. G.
rehrere Wochen gab der Lügenprophet Russell sein Drama
of Crention in dem Chicago-Auditorium. Eintritt war frei.
Das Auditorium ist die größte Konzerthalle in Chicago mit Sitz⸗
raum für 6000 Personen. Die Miete beträgt 81000 den Abend.
Es müssen dem Herrn „Pastor“ (mit Gänsefüßchen) Russell also
bedeutende Summen zur Verfügung stehen. Fast in allen größe⸗
ren Städten des Landes hat er seine Lichtbildervorstellung auf⸗
führen lassen. und der Eintritt war immer frei. Rechnet man
hinzu, was Russell für Anzeigen in Zeitungen, in Straßenbahn—
wagen und für Reklame mittels Anschlagezettel ausgibt, sowie
die Unmenge von Traktaten, die er frei verteilen läßt, so ist ganz
klar, daß er mit einem Kapital von Millionen arbeitet, um seine
Irrlehren unter das Volk zu bringen. Woher hat er das Geld?
Von seinen betörten Anhängern. Es gibt Leute, die lassen es
sich viel kosten, wenn man ihnen beweisen kann, daß sie ohne
Scheu sündigen dürfen. Der Fall „Pastor“ Russells steht in
dieser Hinsicht nicht vereinzelt da. Vor achtzig Jahren gründete
Joseph Smith die Mormonenkirche, deren Hauptlehre ja ist, daß
die Vielweiberei ein gutes Werk, ja das beste aller guten Werke ist.
Solchen, die das Evangelium verwerfen und in einen heidnischen
Sinn dahingegeben sind. gefällt diese Lehre aus der Maßen wohl,
und sie lassen es sich den Zehnten ihres Einkommens kosten, um
zu einer Gemeinschaft zu gehören, die das sechste Gebot für un⸗
gültig erklärt. Die Mormonenkirche verfügt deshalb über un⸗
ermeßliche Reichtümer. Ihre „Apostel“ sind vielfache Millionäre.
Frau Eddy. Gründerin der Christian Science-Gemeinschaft,
brachte die Lehre auf, daß es keinen Tod, keine Sünde, keine
Hölle gibt. Auch ihr flossen die Millionen zu. In Chicago gab
sich Dowie für den letzten der Propheten, für Elias III., aus.
In ein paar Jahren war er vielfacher Millionär geworden dadurch,
daß seine Anhänger ihm bedingungslos ihr Hab und Gut ver⸗
schrieben. John Duß, das Haupt der aussterbenden Sekte der
Ekonomiten, besitzt Reichtümer, die 85,000,000, nach andern
530,.000,000 betragen sollen. Eine Frau Tingley, die bei Point
Loma, Cal., eine andere heidnische Irrlehre vorträgt und An—
hänger im ganzen Land hat, konnte Hunderttausende allein auf
die Anlagen ihres Palastes wenden, und ein paar Leute, darunter

der bekannte Fabrikant von sporting goods, Spalding, lieferten
das Geld. Ein anderer Irrgeist, Frank W. Sandford, Grün⸗
der der wahnwitzigen Holy Ghost and Us Society in Shiloh,
Me., hat ebenfalls eine ganze Anzahl reicher Geschäftsleute be⸗
tört, so daß ihm riesige Geldsummen zur Verfügung stehen.
Dr.“ Hanisch, Apostel der Sonnenanbeter, lebte in seinem Palast
an dem Lakeufer in Chicago wie ein orientalischer Fürst, bis ihm
die Polizei wegen Versendung unsittlicher Schriften das Hand—
werk legte. Je toller der vorgetragene Irrtum, desto leichter,
scheint es, lassen sich die Anhänger dieser Lügenapostel zu willen⸗
losen Sklaven machen, die auch ohne Zaudern ihr Vermögen
drangeben, wenn es ihnen abgefordert wird. Bedenken wir, wie
zäh sonst die Menschen an dem sauer Verdienten und langsam
Ersparten festhalten, und wie bereitwillig sie es diesen falschen
Propheten vor die Füße legen, so offenbart sich auch hierin der
zwiefältige Betrug, den Satan an seinen Dienern übt. Erst
ködert er die Menschen mit einer Lehre, die dem Fleische wohl

behagt, und nachdem er ihren Geist mit dem Bann der Lüge ge⸗

schlagen hat, betört er sie auch noch um ihre irdische Habe. Daß
solches geschehen kann, gehört zu dem Gericht, womit Gott die
Verächter des Evangeliums straft. Manch einer hat das reine
Evangelium einst sehr billig haben wollen und opfert jetzt
dem Irrwahn alles, was er hat. G.

Zauberei im Großbetrieb. Aus Paris wird berichtet: Auch
der Titel eines Professors der Geheimkünste schützt nicht vor der
Macht des Gesetzes. Alle Zauberkünste konnten den unternehmen⸗
den Magier nicht vor der Polizei retten, der in einem süd⸗
französischen Städtchen eine reizende Villa sich gekauft hatte und
hier mit Hilfe einer Schar von Maschinenschreiberinnen einen
industriellen Zauberbetrieb eingerichtet hatte, der dem „Professor“
ein Jahreseinkommen von einigen Hunderttausenden von Francs
einbrachte. In der Stadt blickte man mit einer Art ängstlicher
Bewunderung auf den würdigen Gelehrten, von dem man nur
wußte, daß er sich mit Zauberkünsten beschäftige und eine außer⸗
ordentlich umfangreiche Korrespondenz aus allen Weltteilen emp⸗
fing. Erst kürzlich, als eine der Klientinnen den Hexenmeister
verklagte, wurde der „Professor“ von zwei Geheimagenten auf der
Post festgenommen, gerade als er die eingelaufenen Bestellungen
und Geldsendungen abholte. Die Haussuchung gewährte einen
überraschenden Einblick in ein ausgezeichnet gehendes, umfang⸗
reiches Zaubergeschäft. Er ließ fabrikmäßig allerlei Ringe,
Juwelen und Amulette herstellen, denen magische Kräfte an⸗
haften sollten, und die gegen Bargeld in allen Weltteilen reißen⸗
den Absatz fanden. Der am meisten verlangte Talisman war der
sogenannte „positive Ring“, der als „allmächtig“ bezeichnet wurde
und gegen Erlegung von 15 Francs dem Träger Glück und die
Erfüllung all seiner Wünsche gewährleistete. Wer 9 Francs für
den „negativen Ring“ anlegte, gewann damit die Macht, den
Zorn des Schicksals auf seine Feinde herabzuschwören. Auf dem
»„positiven Ring“ sah man einen strahlenden Stern eingraviert,
der das Glück symbolisierte; der „negative Ring“ zeigte eine
zum Sprung ansetzende Giftschlange. Drei Schreibmaschinen⸗
damen waren eifrig beschäftigt, die umfangreiche Korrespondenz
zu erledigen, denn täglich liefen mehr als hundert Briefe, An⸗
fragen und Bestellungen ein. Als man den „Professor“ verhörte,
wies er die Beschuldigung des Betruges voll Empörung zurück
und legte eine Fülle von Dankschreiben und Anerkennungsbriefen
vor, die die Zauberkräfte seiner Artikel bestätigen sollten. Aber
diese kuriose Briefsammlung, die in der Tat von allerlei wunder⸗
vollen Erfolgen erzählt, und in der insbesondere Damen dem
„Professor der Geheimwissenschaft“ tiefgefühlten Dank abstatten,
konnte die Beamten nicht irremachen, und trotz aller Zauberkünste
wird der „Professor“ sich vor Gericht verantworten müssen.

(Girchenblatt für Südasweriln.)

English translation

Not yet translated.