Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 3 › Seite 47

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Februar 1915, Seite 47

41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

führt habe: „Prediget das Evangelium aller Kreatur!“ also
auch den Kindern. Christliche Eltern bedenken auch, was
Gottes Wort sagt betreffs ihrer Kinder: „Ziehet sie auf in
der Zucht und Vermahnung zum SErrn!“ Die Kinder und
die Jugend müssen zum Gottesdienst angehalten werden. „Ge—
denke an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe denn die bösen
Tage kommen und die Jahre herzutreten, da du wirst sagen:
Sie gefallen mir nicht.“ Also nicht erst im Alter soll man an
den Schöpfer denken, sondern auch schon in der Jugend. Das
Kind hat beim dritten Gebot gelernt: „Wir sollen die Pre—
digt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbige heilig
halten, gerne hören und lernen.“ Gott will, es soll den
öffentlichen Gottesdienst besuchen. Unser Heiland, der zwölf⸗
jährige IEsus, hat selbst ein Beispiel gegeben; er schließt sich
denen an, die nach Jerusalem pilgern, um am Osterfest teil⸗
zunehmen; in der Schule zu Nazareth war er auch sicherlich
schon geraume Zeit vorher ein regelmäßiger Besucher gewesen.

Die Jugend kann nicht früh genug zum Besuch des Gottes⸗
hauses angehalten werden. Die Kinder sollen wissen, daß
auch sie zur Gemeinde der Heiligen gehören und Glieder am
Leibe Christi sind. Das erkennen sie am besten in der Kirche.
Wenngleich einem Kinde noch das volle Verständnis der schönen
Gottesdienste des HErrn abgeht, so hat es doch ein Gefühl
dafür. In der Mitte der andächtigen Gemeinde wird auch
ein Kinderherz andächtig gestimmt. Zudem wird ein frommes
und aufmerksanies Kind aus jeder Predigt sich etwas merken,
wäre es auch nur ein einziger Spruch.

Hier gilt ferner der Grundsatz: Gewohnheit hat große
Kraft. Das Kind muß an das Kirchengehen gewöhnt werden.
Hierzu ein Zitat von Zeller aus seinen „Lehren der Erfah—
rung“: „„‚Wie man einen Knaben gewöhnt, so lässet er nicht
davon, wenn er alt wird“, Spr. 2, 26. Dies drückten die
Alten mit andern Worten so aus: „Gewohnheit ist die andere
Natur“ oder: „Jung gewohnt, alt getan.“ Es ist im Guten
wie im Bösen wahr. Gewohnt werden wir eine Sache, wenn
wir sie wiederholt und immer wiederholend tun. Solches
immer wiederholte Tun, wenn es früh angefangen, lange fort—
gesetzt und in einer nach Zeit und Raum geordneten Tätigkeit
beibehalten wird, wirkt so sehr auf den Willen, daß der Mensch
solches Tun nicht mehr unterläßt, auch wenn er längst aus
der Jugendzeit getreten und alt geworden ist. Was anfangs
eine Art Zwang war, als von außen dem Willen notwendig
gemacht, das wird endlich durch die stete übung freiwillig.
Und so könnte man die Gewöhnung einen freiwilligen Zwang
nennen.“ Das Kind hat ja auch schon zu Hanse bei der An—
dacht, auf dem Schoße der Mutter sitzend oder neben dem
Vater oder älteren Geschwistern stehend, gelernt, mit ihnen
seine Händlein zu falten und zu beten und sein „Abba, lieber
Vater!“ zu lallen. Schon dies Stillesein ist für das Kind,
wenn es auch von dem, was gebetet wird, nichts versteht, eine
Andacht. Ebenso geht es auch mit den Kindern im öffentlichen
Gottesdienst. Die festlich geschmückte Kirchengemeinde, ihr er—
hebender Gesang, ihre andächtigen Gebete, die atemlose Stille
— der ganze Gottesdienst macht auf das junge Gemüt einen
tiefen Eindruck. Es sieht dort, wie Vater und Mutter, Schwe—
stern und Brüder sich alle beugen in andächtiger Ehrerbietung
vor dem Angesichte Gottes. Eine Predigt müßte ja überhaupt
inhaltslos sein, die nicht einem aufmerksamen Kinde böte, was
seinen kindlichen Geist anspräche, z. B. einen bekannten Namen,

eine bekannte Geschichte aus der Bibel, ein Gleichnis, welches
auch ihm eine Lehre gibt, oder einen Spruch, der auch ihm
bekannt klingt. Es kommt nur darauf an, daß ihm auch zu
Hause und in der Schule der rechte christliche Sinn in das Herz
eingepflanzt und so eine Bekanntschaft mit dem Worte Gottes
angeknüpft wird. Ein kleines Büblein nahm lange vor der
Zeit seines ersten Leseunterrichts, mit der Mutter regelmäßig
zur Kirche gehend, gewöhnlich seine Berliner Bilderbibel mit,
unterhielt sich während der Predigt mit Anschauen der ihm
freilich vom Hause her bekannten Bilder und hatte dabei doch
Zeit, dies und das mit seinem feinen Kinderöhrlein aus der
Predigt herauszuhören. „Die Geschichte steht auch in meiner
Bibel“, sagte es manchmal nach der Kirche, wenn ihrer etwa
vom Prediger erwähnt worden war; und klang ihm ein be—
kannter Name, ein Abraham, Joseph, Mose, ins Ohr, so war
ihm das alsbald eine Aufforderung, dem Bilde des genannten
Mannes in seiner Bibel nachzuspüren. — Sehen die Kinder
ihre Eltern fleißig zur Kirche gehen, so wird ihnen dies Ex⸗
empel mächtiger sein als alle Worte; denn verderben böse
Beispiele gute Sitten, so ist's umgekehrt auch recht, daß gute
Beispiele gute Sitten befördern. Sehen die Kinder ihre Eltern
sich dem Besuche der Kirche entziehen, hören sie leichtfertige
Urteile über den Gottesdienst, wird der Religionsunterricht in
der Schule gering geschätzt und die Jugend nicht christlich er⸗
zogen, dann wundere man sich nicht, daß die Kinder nicht gerne
zur Kirche gehen. Man lege dann aber auch die Schuld nicht
auf den Gottesdienst, daß er nicht der Jugend angepaßt sei;
denn die Schuld liegt hier ganz woanders.

Der Heilige Geist sagt Röm. 10, 17: „So kommt der
Glaube aus der Predigt“, nämlich dem heiligen Evangelium,
welches das selige, von Gott verordnete Mittel ist, den Glauben
zu erhalten und zu nähren. Das gilt aber nicht nur für die
Erwachsenen, sondern auch für die heranwachsende Jugend.
„Selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren.“ Das
Hören des gepredigten Wortes soll das Mittel sein, zu Gott
zu bringen und bei ihm zu erhalten; das tut der Heilige Geist
besonders durch das Wort göttlicher Predigt. Gott hat es ein—
mal so gewollt — er wird am besten wissen warum —, das
Predigtamt zu stiften und durch das gepredigte Wort vor
allem sein Werk an den Herzen zu tun. Darum, ihr christlichen
Eltern, die ihr sehnlichst wünscht, daß auch eure Kinder auf⸗—
richtige Christen sein und bleiben möchten, nehmt sie fleißig
mit zur Kirche, sobald sie einigermaßen den unaussprechlichen
Segen des öffentlichen Gottesdienstes erfahren können. Nehmt
sie mit — ihr geht doch fleißig? Nehmt sie mit, ob auch
die Wege weit sind; der zwölfjährige IEsus wanderte fogar
von Nazareth nach Jerusalem. Nehmt sie mit, wenn auch
das Wetter unfreundlich ist — ihr bleibt doch deswegen nicht
gleich selbst daheim? —, sonst werdet ihr sie durch euer Bei⸗
spiel lehren, daß am Hören des Wortes Gottes doch nicht so
viel gelegen sei; denn, werden sie denken, sonst würden unsere
Eltern nicht so leicht den Gottesdienst versäumen; und wenn
sie größer werden, werdet ihr sie dann wahrscheinlich weder
durch Güte noch durch Ernst, nicht einmal mehr mit der Rute,
hintreiben können. Lockt und reizt sie, indem ihr auch in
freundlicher Weise nach dem gepredigten Wort fragt, mit ihnen
darüber redet. Macht ihnen die Gottesdienste süß und lieblich,
daß ihr sie nicht zu treiben nötig habt, sondern sie euch treiben.
Besonders auch nach der Konfirmation, wenn die sogenannten

English translation

Not yet translated.