Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 3 › Seite 52
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Februar 1915, Seite 52
Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Weise an.
und sich für Gottes Boten halten wird'. Es wird dann in
dieser von irgendeinem Zeitungsschreiber erfundenen Weissagung
geredet von Frankreich unter dem Bilde eines Hahnes, von Eng⸗
land als von einem Leoparden, von Rußland als vom weißen
Adler usw. Der schwarze Adler (Deutschland) werde sich auf
den Hahn stürzen, der Hahn werde auch eine beträchtliche Menge
Federn verlieren und werde unterliegen müssen, wenn ihm nicht
der Leopard zu Hilfe komme. Aber der weiße Adler werde kom⸗
men und das Land des Antichristen von einem Ende zum andern
mit seinen Heeren überfluten, dann werde das Land Luthers
untergehen, und der Antichrist-Kaiser werde in Einsamkeit und
im Wahnsinn sterben. Sein Reich werde in zweiundzwanzig
Staaten geteilt werden. Dann werde der Ewige Geist auf Erden
walten. So stand im Pariser Pigaro zu lesen. Was der Figaro
mit dem Ewigen Geist meint, ist nicht ganz klar. Dagegen ist
wohl außer Frage, daß der Lügengeist in einen großen Teil
der Presse — und nicht nur der Presse Englands, Rußlands und
Frankreichs — gefahren ist. Gerade auch in canadischen Zei⸗
tungen hat die „Weissagung“ auf den „Antichrist-Kaiser“ viel
Verbreitung gefunden. G.
—9.————
Kriegsbilder.
Deutsches Lied in der französischen Dorfkirche.
(Von dem Divisionsgeistlichen G.)
(G. K. G.) Mit gemischten Gefühlen ritten wir in das Dorf
hinein. Lieblich liegt es zwar eingebettet in die kleine Talmulde,
und freundlich schaut der Kirchturm draus hervor. Die Ein⸗
wohner sind zumeist noch da. Aber arm ist das Nest und klein
und von französischer und deutscher Einquartierung schon tüchtig
mitgenommen. Und nun wird das Dörflein wieder vollgepfropft
mit dem Stab, mit Artillerie, Infanterie und Sanitätsmann⸗
schaften. Das Pfarrhaus, in dem wir untergebracht sind, ist
lotterleer; es muß erst mit Heu und Stroh eingerichtet werden.
Aber nun ist mir und vielen andern das arme G. ein lieber Ort
geworden, an den wir stets mit Freuden denken werden. Das
hat unser deutsches Kirchenlied fertiggebracht, das deutsche Lied
in der französischen Dorfkirche.
Ach, die arme Kirche! Obwohl offenbar schon lange kein
Pfarrer im Dorfe war, hatten die Leute ihr hübsches Kirchlein
doch sauber und weihevoll erhalten. Auch der Krieg hatte ihm
kein Leid getan, keine Fensterscheibe war zerbrochen. Jetzt aber
war es nicht anders gegangen; ein Proviantamt hatte seinen
Einzug in der Kirche gehalten. Die Kirchenstühle mußten zur
Seite gerückt werden, um den Hafer- und Zwiebacksäckchen Platz
zu machen. Auf dem Weg zum Geschäftszimmer war mir diese
wehmütige Veränderung entgegengetreten. Als ich aber ins
Quartier zurückkehren wollte, da mußte ich aufhorchen. Was war
denn das? Wie Orgelklang und Liedersang tönte es von der
Kirche herüber. Schnell trat ich ein. Da stehen die preußischen
Landwehrleute im Kirchlein und singen aus Herzenslust. Am
Harmonium sitzt ein Unteroffizier. Soeben stimmt er eine neue
„Wer nur den lieben Gott läßt walten und hoffet
auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not
und Traurigkeit“, so klingt's aus den Herzen der Krieger, die
Not und Tod geschaut, und zuversichtlich tönt's weiter aus starker
Männerbrust: „Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut, der hat auf
keinen Sand gebaut.“ So singen wir das Lied vom Gottver—
trauen von der ersten bis zur letzten Strophe.
Wie der letzte Ton verklungen, da ruft ein württembergischer
Artillerieoffizier (er hat ein Gebetbüchlein in der Hand): „Hier
ist der Herr Divisionspfarrer.“ Der steht schon auf den Stufen
zum Chor. „Die auf den HErrn harren, kriegen neue Kraft, daß
sie auffahren mit Flügeln wie die Adler, daß sie laufen und nicht
matt werden, daß sie wandeln und nicht müde werden.“ Gottes
Wort in Luthers Sprache hier in der römisch-französischen Kirche!
Verwundert horchen die Dorfbewohner auf; mit ihren französi⸗
schen Soldaten haben sie solches nicht erlebt. Immer mehr
deutsche Krieger, Schwaben und Preußen durcheinander, drängen
sich herein in das Kirchlein. „Neue Kraft“, das können sie
brauchen nach den gewaltigen Anstrengungen der letzten Woche
für die Kämpfe, die ihnen bevorstehen. Auf den Höhen um das
Dorf donnern die Kanonen; sie stören nicht unsere Andacht. Nach
der kurzen Ansprache des Feldpredigers beten wir miteinander.
Dann noch ein Lied. „Harre, meine Seele“ wollen die Soldaten
singen. Dann neigen sie alle zum Segen das Haupt.
„Das war ein schöner Feldgottesdienst“, sagt der Herr von
der Artillerie. „Und die Mannschaft selbst hat ihn anberaumt“,
erwidert ihm der Pfarrer. Darauf kommt der Regimentskom⸗
mandeur und spricht: „Wenn ich das nur früher gewußt hätte!“
Und dann tritt ein Landwehrmann zu mir mit der Bitte: „Herr
Divisionspfarrer, ich und noch viele sind zu spät gekommen; könn⸗
ten Sie uns nicht noch eine Abendandacht halten?“ „Mit tau⸗
send Freuden.“ — Auf ½7 Uhr wird der zweite Gottesdienst an⸗
gesetzt. Aber auch in der Zwischenzeit ertönt ein Lied ums andere.
Ein Organist löst den andern ab, und am kräftigsten erklingt das
alte Turmlied: „Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr
und Waffen.“
Zur festgesetzten Stunde füllt sich die Kirche wieder.
Offiziere an der Spitze, treten die Landwehrleute ein.
risten, Arzte, Herren vom Divisionsstab kommen. Viele stehen
noch vor der Tür und finden keinen Platz mehr. Ein junger
Studiosus der Theologie setzt sich ans Harmonium. Gewaltig
braust's durch das Kirchlein: „Ist Gott für mich, so trete gleich
alles wider mich.“ Dann lauschen sie alle dem Gotteswort, das
von dem Mann im grauen Feldrock schlicht verkündigt wird, und
mancher wischt in seinem bärtigen Antlitz herum.
Inzwischen ist's Nacht geworden. Auf der Freitreppe des
Ihre
Artille⸗
Hauses steht der edle Mann, unter dessen Befehl in den letzten 4
Wochen viele Tausende gekämpft haben und, will's Gott, noch
weiter kämpfen werden. Er zeigt seinen Offizieren den Sternen⸗
himmel, der in wunderbarer Pracht über dem Tal erstrahlt.
Dann spricht er leise, doch so, daß der Pfarrer es hören kann:
„Mach' End', o HErr, mach' Ende an aller unsrer Not.“ Wir
haben's schon mit manchem Verwundeten gebetet, und die Ge⸗
sunden können's auf den Marsch und fürs Gefecht nicht minder
brauchen:
Stärk' unsre Füß' und Hände
Und laß bis in den Tod
Uns allzeit deiner Pflege
Und Treu' befohlen sein,
So gehen unsre Wege
Gewiß zum Himmel ein.
(Dettinger Volksblatt. Den 14. Oktober 1914.)
Ihm allein die Ehre!
Im „Monatlichen Anzeiger“ des Christlichen Vereins junger
Männer in Nürnberg ist ein Brief wiedergegeben von Freiherrn
von Löffelholz, Major und Abteilungskommandeur, der den
schweren Angriff auf Nancy mit durchzukämpfen hatte:
„. . Ich verstehe, daß die bisherigen fortgesetzten Sieges⸗
nachrichten die Gemüter, namentlich in der Heimat, in einen
Taumel versetzt haben, der den Menschen alle Ehre geben will,
nicht dem HErrn! Sie haben recht, wir können nur Siege
einfach nicht ertragen, und es müssen und werden Rückschläge
kommen. Der SErr gebe, daß sie auch richtig verstanden und
English translation
Not yet translated.