Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 3 › Seite 53
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Februar 1915, Seite 53
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utherane 53
zum inneren Segen für unser Vaterland werden. Noch nie in
meinem ganzen Leben habe ich Gottes Größe, Heiligkeit und er⸗
barmende Gnade so tief und überwältigend empfunden und erlebt
als in den schwersten Stunden der hinter uns liegenden Sep⸗
tembertage. Erst wenn der Mensch ganz klein geworden ist und
vor Gott seine Unzulänglichkeit bekennt, bricht die Gnade mit
Macht herein. Das gilt auch rein praktisch auf dem Schlachtfeld.
Möge das die Erkenntnis aller unserer lieben Streiter werden
und auch der Unsrigen daheim! Vor mir auf dem Tisch liegt das
schlichte, herrliche schwarze Kreuz mit dem Silberrand am schwarz⸗
weißen Band, das eiserne Kreuz; der Jugendtraum aus meinen
Kadettenjahren und der stille Wunsch in langer Friedensdienstzeit
sind unerwartet erfüllt. Dieser schönste aller Orden wurde mir
eben verliehen für den 11. und 12. September. Tief ergriffen
lege ich auch diesen kostbaren Schatz dem HErrn hin und bitte,
daß er mich vor Stolz bewahre; denn er allein hat Gelingen ge—
geben und hat meinem Rufen spürbar geantwortet in dem Augen⸗
blick, da ich zaghaft zu werden fürchtete. Ihm allein gebührt die
Ehre, der Preis und der Dank in alle Ewigkeit.“
Abschiedsbrief
eines schlichten Arbeiters aus Nübel vor seinem Ausrücken in
den Krieg: „Meine über alles geliebte Frau! Wenn ich jetzt in
wenigen Stunden von Dir und unsern lieben Kindern geschieden
bin, so halte den Kopf hoch und laß die Hoffnung nicht sinken
auf ein recht baldiges und frohes Wiedersehen. Denn denke
daran, daß kein Sperling vom Dache fällt, wenn der gnädige Gott
es nicht will. Und wenn er schon einem kleinen, fast unnützen
Vogel seine Aufmerksamkeit schenkt, wieviel mehr dann uns. Und
ob ich in den Einöden Rußlands bin oder die blühenden Gefilde
Frankreichs durchschreite, derselbe HErr, den wir hier haben, ist
auch da und wird seine Hand über mich halten, daß ich Euch nicht
entrissen werde. Und wenn ich fallen sollte, so hadere nicht mit
Gott darum; denke, ich bin Dir nur vorangegangen und bei
unsern uns schon vorausgegangenen Kleinen. Nach einer klei⸗
nen Spanne Zeit sehen wir uns drüben wieder. Erziehe dann
die Kinder zu braven, rechtschaffenen Leuten; tue ihnen kein Un⸗
recht, aber laß Dir nicht durch falsche Milde die Zügel aus der
Hand nehmen. Und noch zuletzt, liebe Marie, meinen besten Dank
für die Zeit, die Du jetzt schon als meine Frau mit mir durchs
Leben gewandelt bist. Gott wird es Dir vergelten. Mit der
Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen küßt Dich und seine lieben
Kinder noch einmal Euer Klaus.“
Der Schreiber — sein Name ist Klaus Bondsen — ist bei
den letzten Gefechten in Frankreich gefallen.
(Aus einer Zeitung aus Schleswig⸗Holstein.)
Dort liegt noch einer!
Ein Militärarzt erzählte einst folgendes ergreifende Erleb⸗
nis aus seiner eigenen Erfahrung: Er sei einmal am Abend einer
Schlacht über das Schlachtfeld gegangen, um, wo möglich, hier
und da einem Sterbenden noch einen Dienst zu erweisen. Da
fand er einen schwerverwundeten Krieger, der offenbar in den
letzten Zügen lag. Der leutselige Doktor kühlte die Zunge des
Sterbenden mit einem Trunke aus seiner Feldflasche und fragte
ihn dann: „Kamerad,‚ kann ich noch etwas für Sie tun?“ Da
richtete sich der Verwundete mit Aufbietung seiner letzten Kräfte
ein wenig auf, deutete mit dem Finger auf das Gebüsch und
stammelte in abgebrochenen Lauten mühsam: „Herr Doktor, dort
liegt noch einer!“ Dann war seine Kraft völlig verbraucht, er
brach zusammen und hauchte im Arm des Arztes sein Leben aus.
nun machte sich der Doktor mit etlichen Begleitern daran, den
andern Verwundeten zu suchen, und sie fanden ihn wirklich in
dem bezeichneten Gebüsch. Zwar schwer verwundet war er, aber
keineswegs hoffnungslos. Er wurde verbunden, ins Lazarett ge⸗
schafft und hier treulich verpflegt, gleichsam als ein Vermächtnis
des verstorbenen Soldaten. Der Mann wurde gesund und konnte
fröhlich zu den Seinen ziehen.
Generaloberst von Hindenburg
ist ein großer Beter, und es war von ihm nicht bloß Redensart,
als er nach der großen Schlacht von Tannenberg zu seinen Sol⸗
daten sagte: „Nächst Gott dem HErrn ist dieser glänzende Sieg
eurer Opferfreudigkeit zu danken.“ Gewiß war nach seinem Sinn
der auf den Sieg gedichtete Vers:
Ortelsburg und Gilgenburg,
Dazu als Sieger Hindenburg,
Das sind der Burgen drei;
Die vierte, die ist auch dabei,
Die macht der Feinde Tun zu Spott:
„Ein' feste Burg ist unser Gott.“
Todesanzeigen.
Mein Heiland, ich bin müde;
Leg' du dein Kind zur Ruh'!
Dies Gebet und ähnliche gaben in den letzten Wochen zu erkennen,
was das Herz eines müden Erdenpilgers, des seligen P. Peter
Seuel, insonderheit bewegte. Er war des Lebens müde und
sehnte sich nach der Ruhe, die noch vorhanden ist dem Volke Gottes.
Sein Gebet ist unerwartet schnell und überaus herrlich erhört
worden. Noch am 10. Januar hatte der Entschlafene mit seiner
ehemaligen Gemeinde ein herrliches Freudenfest, die Einweihung
ihrer prachtvollen neuen Schule, feiern und als einer der Fest⸗
redner beherzigenswerte Worte an die Festversammlung richten
dürfen. Am nächsten Tage erkrankte er. Er verfiel in einen
tiefen Schlaf, aus welchem er nur hie und da auf kurze Augen⸗
blicke erwachte. Es stellte sich Lungenentzündung ein. In seinen
lichten Augenblicken vernahm er mit Lust und Andacht die Gebete
der Umstehenden, bekannte freudig seinen festen Glauben an den
Heiland der Sünder und an das Evangelium, das er über fünf⸗
undfünfzig Jahre lang gewaltig gepredigt hatte, und machte sich
auf seine Heimfahrt bereit. Zu den noch in den letzten Tagen
ihm von Gott geschenkten Freuden gehörte dies, daß sein Sohn,
der Agent unsers Publishing House und zugleich Kassierer der
Allgemeinen Synode, von St. Louis herbeieilte und bis zu sei⸗
nem Ableben bei ihm sein und mit Gebet und Gottes Wort ihn
stärken und erquicken konnte. — P. Peter Seuel wurde ordiniert
und eingeführt in das heilige Predigtamt am siebzehnten Sonntag
nach Trinitatis des Jahres 1859 zu Vincennes, Ind. Von dort
rief ihn Gott im Jahre 1869 an die Gemeinde zu Albany, N. Y.
Im Jahre 1875 nahm er dann den Beruf an die Dreieinig⸗
keitsgemeinde zu Indianapolis an und wurde am Tage der Ein⸗
weihung ihrer Kirche hier eingeführt. Im Segen und mit großer
Treue verwaltete er hier fast fünfunddreißig Jahre lang das
heilige Amt. Wegen Altersschwäche und zunehmender Gebrechen
gab er im Jahre 1910 sein ihm so liebes Amt in die Hände
seiner p teuren Gemeinde zurück. Er hatte beabsichtigt, gänzlich
in den Ruhestand zu treten; doch Gott fügte es anders. Seit
seiner Amtsniederlegung hat er selten an Sonntagen und auch
wenig an Wochentagen ruhen dürfen. Sein Amt als Präses des
hiesigen Waisenhauses, in welchem er bis zu seinem Tode ver⸗
blieb, hielt ihn in beständiger Arbeit, und zwar in einer Arbeit,
die ihm eine Lust war. Mit großem Geschick und seltener Treue
hat er seit dem Jahre 1883 y dies Amt verwaltet. Außerdem
gebrauchte ihn Gott in den letzten Jahren fast beständig zur Aus⸗
hilfe in seinem Weinberg. Er war zu verschiedenen Zeiten viele
Monate lang Vakanzprediger in North Dover, O., in der Em⸗
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