Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 3 › Seite 43
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 2. Februar 1915, Seite 43
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schnurstracks widersprechen, und bezeichnet sie dreist und kühn
als sonnenklare Lehren der Heiligen Schrift. In seinen Pre—
digten und Schriften führt er viele Bibelstellen an, legt aber
in dieselben einen ganz neuen, unerhörten, grundfalschen Sinn.
Ihn treffen die Worte Jer. 23, 30—32: „Siehe, ich will
an die Propheten, spricht der HErr, die mein Wort stehlen
einer dem andern. Siehe, ich will an die Propheten, spricht
der HErr, die ihr eigen Wort führen und sprechen: Er hat's
gesagt. Siehe, ich will an die, so falsche Träume weissagen,
spricht der HErr, und predigen dieselben und verführen niein
Volk mit ihren Lügen und losen Teidingen, so ich sie doch nicht
gesandt und ihnen nichts befohlen habe, und sie auch diesem
Volk nichts nütze sind, spricht der HErr.“
Russell ist einer der falschen Propheten, die in Schafs—
kleidern zu uns kommen, die aber inwendig reißende Wölfe sind.
In einigen Artikeln soll nun ausgeführt werden: 1. Russell
kommt. 2. Russell kommt im Schafskleid. 3. Russell ist inwen⸗
dig ein reißender Wolf. 4. Vor Russell sollen wir uns vor—
sehen und andere vor ihm warnen.
Also erstens, Russell kommt. Er kommt zu uns. Er
kommt in unsere Gemeinden. Er kommt in unsere Kirchen,
an unsere Kirchtüren und in die Häuser unserer Gemeinde⸗
glieder. Er kommt in unsere Städte, Dörfer und ländlichen
Gebiete. Er kommt zu Millionen in den Vereinigten Staaten
und in Canada und in England und in Australien und in
andern Ländern der Erde.
Russell und die von ihm gestiftete Sekte der Russelliten
entfalten eine ganz erstaunliche, fast unglaubliche Tätigkeit.
Wollte Gott, unsere lutherischen Christen wären in der Aus⸗
breitung der seligmachenden Wahrheit mit demselben Missions⸗
geist und Missionseifer erfüllt, den die Russelliten bei der
Verbreitung ihrer seelenverderblichen Irrtümer an den Tag
legen! Wollte Gott, unserer kirchlichen Arbeit stände die Hälfte
der Mittel zur Verfügung, die von den blinden Russelliten
dem Blindenführer, Russell, in die Hände gelegt werden.
Russell arbeitet mit enormen Geldsummen, mit Hunderttau—
senden von Dollars, ja wohl gar mit Millionen. Wir haben
hier wieder das traurige Schauspiel vor Augen, das sich im
Lauf der Kirchengeschichte schon oft abgespielt hat: Die Irr—
geister und falschen Propheten mit ihrem Anhang sind in der
Ausbreitung der Lüge und des seelentötenden Irrtums viel
eifriger und fleißiger als die Lehrer und Glieder der wahren
sichtbaren Kirche in der Ausbreitung der Wahrheit und des
seligmachenden Evangeliums. —
Russell ist ein wahres Genie in der Anzeigekunst. Er ist
das Haupt eines „Publicity-Bureaus“, wie es bisher wohl nie
dagewesen ist. Joseph Smith, Alexander Dowie und Mrs. Eddy
hätten bei Russell in die Schule gehen können. Rom kann ihm,
was Kunst der Veröffentlichung anbetrifft, nicht das Wasser
reichen. Und uns Lutheraner übertrifft er darin erst recht.
In einem sechsbändigen Sammelwerk, Sν¹αιies in the
Scriptures genannt, sodann in einer ganzen Anzahl anderer
Bücher sowie in zahlreichen Pamphleten, Traktaten und Flug—
blättern hat Russell seine Lehre niedergelegt. Zwei Zeitungen
läßt er erscheinen: TNe Mateh⁰t Touer und T́e Biblée Students“
VMontuly, die beide einen großen Leserkreis haben. In den
meisten Hauptzeitungen unsers Landes, besonders in den Zeitun—
gen unserer Großstädte, sowie in den Hauptzeitungen Eng—
lands und Australiens erscheinen jeden Montag Russellsche
Predigten, deren Veröffentlichung wohl in den meisten Fällen
bezahlt werden muß. Am Schluß der Predigten finden sich
Anzeigen der Russellschen Bücher und Schriften.
Russell behauptet, daß seine Predigten in 2000 Zeitungen
erscheinen, die einen Leserkreis von 20,000,000 haben. Seine
sechs Bücher Stuclies in e Sceriptures sind bereits in neun⸗
zehn Sprachen übersetzt worden und werden in Millionen von
Exemplaren gedruckt und vertrieben. In allen größeren und
in vielen kleineren Städten hält er „Predigten“ und Vorträge
und führt sein „Photo-Drama“, genannt „Die Schöpfung“,
auf. Auch den Phonographen nimmt er in seinen Dienst..
Der Eintritt zu diesen Vorträgen sowie zu den Reden und
Vorträgen ist völlig frei. Kein Eintrittsgeld wird gefordert,
keine Kollekten werden erhoben. Seine betörten Anhänger be—
zahlen ihm den Zehnten und viele bedeutend mehr als den
Zehnten.
Eine besondere Russellsche Bibel wird nun auch heraus⸗
gegeben. Der eigentliche Text bleibt, wenigstens vorläufig, un⸗
verändert, aber auf 481 Seiten werden dem Leser sogenannte
„Bible Helps“ geboten, in denen sich viele Hinweise auf die
Russellschen Schriften finden.
Ganze Scharen von Kolporteuren durchziehen nun Stadt
und Land und verkaufen zu sehr geringem Preise oder ver—
schenken an „the Lord's poor“ die Russellschen Bibeln, Bücher
und Schriften. Sie arbeiten besonders in den großen Verkehrs⸗
zentren, an großen Brücken, in den großen Eisenbahnstationen
und an Dampferlandungsplätzen. Sie besteigen die Züge und
Schiffe und kolportieren unter den Passagieren während der
Fahrt. In Städten und Dörfern arbeiten sie mit der größten
Umsicht und Gründlichkeit. Sie nehmen Straße für Straße
und gehen von Haus zu Haus, von Laden zu Laden. Nach
Ablauf eines gewissen Zeitraumes tauchen sie wieder auf und
fangen wieder von vorne an.
An den Kirchtüren verteilen sie ihre Traktate, selbst wenn
ihnen dies verboten wird. In unsern lutherischen Kirchen
stellen sie sich mit Vorliebe ein am ersten Sonntag nach Trini—
tatis, dem Sonntag, da über den reichen Mann und den armen
Lazarus gepredigt wird. Nach Schluß des Gottesdienstes ver—
teilen sie, zuweilen in der Vorhalle der Kirche, einen Traktat,
worin Russell ausführt, daß es keine Hölle gibt, daß die Ge—
schichte vom reichen Mann und armen Lazarus allegorisch, un—
eigentlich, bildlich, verstanden werden muß. ö
Der böse Same, der so allerorts gesät wird, wächst und
bringt böse Früchte. Viele, auch Leute aus lutherischen Kreisen,
wie wir aus Nachrichten aus den verschiedensten Teilen des
Landes wissen, fallen Russell zu. Solche sind dann meist ganz
fanatisch. Fast in allen Fällen legen sie einen ganz erstaun—
lichen Eifer in der Verbreitung des Russellismus an den Tag.
Ein abgefallener Lutheraner zum Beispiel, der nicht wohl—
habend, sondern ein gewöhnlicher Arbeiter ist, hat sich nur zu
dem Zweck, Russells Schriften zu verbreiten, ein Automobil
gekauft und fährt nun jeden Sonntag und an sonstigen freien
Tagen in seiner Stadt und in den Vorstädten umher und ver—
teilt Russellsche Literatur.
Russell kommt. F. P. W.
Hilf, lieber HErr Gott, daß wir arme Sünder bleiben
und nicht heilige Lästerer werden! (Luther.)
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