Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 98
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 98
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7— —
Der Russellismus.
Einen Jüngsten Tag, wie wir ihn kennen, und wie ihn
die Schrift so deutlich und so eindrucksvoll beschreibt, kennt
Russell überhaupt nicht, will ihn nicht kennen. Der Jüngste
Tag ist ihm nicht ein Tag im gewöhnlichen Sinn des Wortes,
sondern eine Zeit von vierzig Jahren. Er nahm nach Russell
seinen Anfang mit der Wiederkunft Christi im Oktober 1874
und kam zu Ende im Oktober 1914, also im Oktober vorigen
Jahres. Die Wiederkunft Christi war nach Russell nicht eine
sichtbare, sondern eine unsichtbare. Er behauptet, die Schrift
lehre keine sichtbare Wiederkunft Christi; auch die großen Er—
eignisse des Jüngsten Tages seien unsichtbar.
Daß Leute, die die Bibel lesen können und wirklich lesen,
diesem Irrlehrer Glauben schenken, ist Verblendung Satans.
Jeder rechte Bibelleser kann aus der Schrift beweisen, daß
der Jüngste Tag nicht eine Zeit von vierzig Jahren ist. Er
wird zum Beispiel hinweisen auf Matth. 24, 36 und Mark. 13,
32, wo geschrieben steht: „Von dem Tage aber und von der
Stunde weiß niemand.“ Also nicht nur bis auf den Tag,
sondern bis auf die Stunde ist die Zeit festgesetzt, da Chri—
stus zum Gericht kommen wird. Das Gericht wird nicht vierzig
Jahre währen. Der Jüngste Tag wird plötzlich kommen,
„wie ein Fallstrick“ (Luk. 21, 35), „wie der Blitz“ (Matth. 24,
27), „wie der Schmerz ein schwanger Weib überfällt“ (1 Thess.
5, 3), „wie ein Dieb in der Nacht“ (Matth. 24, 42 — 44;
1 Thess. 5, 2; 2 Petr. 3, 10). Aus diesen und vielen andern
Stellen geht klar hervor, daß der Jüngste Tag nicht ein langer
Zeitraum ist, sondern ein Zeitpunkt.
Daß Christus nicht unsichtbar, sondern sichtbar kommen
wird, steht auch ganz ausdrücklich geschrieben, zum Beispiel
Luk. 21, 27: „Alsdann werden sie“ (die Leute, V. 25, die
Menschen, V. 26) „sehen des Menschen Sohn kommen in
der Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Zu den auf
dem Olberg stehenden Jüngern sprach der Engel: „Dieser
JEsus, welcher pon euch ist aufgenommen gen Himmel, wird
kommen, wie ihr ihn gesehen habt gen Himmel
fahren.“ (Apost. 1, 11.)
Große Dinge sollten nach Russells Prophezeiung im Okto⸗
ber 1914 vor sich gehen, nämlich 1. die Auferstehung aller
Ungläubigen, aller derer, die seit Adams Zeit außer Christo,
ohne den Glauben an Christum, gestorben sind. Die in Christo
entschlafen waren, sollen schon im Jahre 1878 (und zwar „im
Frühjahr“, noch genauer, „im April“, Bd. III, S. 224) auf⸗
erweckt worden sein. Der Zweck der im Oktober 1914 be⸗
gonnenen und allmählich vor sich gehenden Auferstehung soll
der sein, den außer Christo Gestorbenen Gelegenheit zu geben.
sich zu bekehren (Bd. I, S. 148) — eine gottlose, schrift⸗
widrige Lehre, die noch schlimmer und für solche, die die Sünde
liebhaben, noch gefährlicher ist als die römische Lehre vom Feg⸗
feuer. Jeder Ungläubige, sagt Russell, wird nach seiner Auf⸗
erstehung wenigstens einhundert Jahre Zeit haben, sich zu be⸗
kehren. Solche, „die nicht so halsstarrig sind“, bekommen sogar
noch eine längere Probezeit. Diese ungeheuerliche Lehre soll
Jes. 65, 20 geschrieben stehen; doch ist da von einer Bekehrung
nach dem Tode auch nicht eine Spur zu finden, wie jeder,
der die Stelle nachliest, sich überzeugen kann. Es ist dies ein
weiteres Beispiel grober Russellscher Schriftverdrehung.
2. Nach Russells „Schriftstudien“ sollte im Oktober 1914
das sogenannte Millennium, das tausendjährige Reich, seinen
Jerusalem, das irdische Jerusalem, sollte
Anfang nehmen.
wieder aufgebaut und zur Hauptstadt Palästinas „und vielleicht
der Welt“ gemacht werden. Die Juden sollten dann beginnen,
ins Heilige Land, nach Jerusalem, zu ziehen und IEsum als
ihren Messias und König anzunehmen.
3. Alle alttestamentlichen Heiligen, die schon seit 1878 x
unsichtbar auf Erden weilen, „von Johannes dem Täufer rück⸗
wärts bis zu Abel, Abraham, Isaak, Jakob und allen Pro.
pheten“, sollten dann „unter den Menschen erscheinen“ (Bd. IV,
S. 325. 326) und bei der Aufrichtung des herrlichen Reiches
Christi helfen. Pf. 45, 16 soll dies geweissagt sein — eine
neue Probe, wie Russell seine falschen Träume in die Schrift ö
hineinlegt. Dies Reich Christi auf der Welt soll ein so herr⸗ ů
liches werden, daß die große Mehrzahl der auferstandenen Un—
gläubigen, Juden, Heiden und Namenchristen, sich bekehren
Die sich auch dann hartnäckig
wird. (Bd. IV, S. 342.)
weigern, sich zu bekehren, werden annihiliert, das heißt, nach
Leib und Seele vernichtet werden; denn eine Hölle, eine ewige ö
Wir aber
glauben, was Christus von sich selbst als dem Weltenrichter 1
Strafe der Sünden, gibt es nach Russell nicht.
weissagt Matth. 25, 41. 46: „Dann wird er auch sagen zu
denen zur Linken: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in
das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln.
Und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten
in das ewige Leben.“ (Vergleiche Offenb. 14, 11.) Auch der 4
Teufel soll annihiliert, das ist, vernichtet, werden (Bd. I,
S. 192), eine Behauptung, die Russell auf Hebr. 2, 14 gründet.
Lies die Stelle nach und sieh, ob da eine Vernichtung des
Teufels gelehrt wird. Daß die Strafe des Teufels und seiner
Engel eine ewige Strafe ist, kannst du Matth. 25, 41 und
Judä V. 6 lesen. X
Nachzuweisen, daß das sogenannte tausendjährige Reich!
ein Menschenfündlein ist, ist nicht Aufgabe der gegenwärtigen
Artikel. Nur dies sei kurz gesagt. Russell verfährt wie alle
Schwärmer. Er führt gerade solche Stellen der Heiligen Schrift
an, in denen der Heilige Geist offenbar und aus der Schrift
selbst nachweisbar figürliche, uneigentliche Rede gebraucht, und
legt sie buchstäblich aus. So kommt Russell zu seinem 4
Chiliasmus, das heißt, zu seiner Lehre vom tausendjährigen
Reich. — Dagegen Stellen und ganze Abschnitte aus Büchern,!
die durchweg gewöhnliche, eigentliche Rede führen und keine
bildlichen Ausführungen oder Darstellungen enthalten, schafft
er sich, eben weil sie gegen seine falschen Träume zeugen, damit;
vom Halse, daß er sie in das Gebiet der bildlichen (allegorischen
oder symbolischen) Darstellung verweist.
So wird zum Beispiel aus dem zweiten Petribrief, der
doch durchweg gewöhnliche, eigentliche Rede führt, die Stelle!
2 Petr. 3, 10—12, in der die Zerstörung der Erde durch;
Feuer geweissagt wird, damit abgetan, daß Russell sie für
symbolische Rede erklärt. „Himmel“, sagt er, bedeutet hier
nicht Himmel, sondern die gegenwärtig bestehenden Kirchen,
Synoden, Konsistorien und alle kirchlichen Gewalten. „Erde“!
bedeutet hier nicht die Erde, sondern alle bestehenden Kaiser⸗
reiche, Königreiche, Republiken und andere irdische Reiche mit
ihren Machthabern. „Feuer“ bedeutet hier nicht Feuer, son⸗
dern die unsichtbare Gewalt, durch welche Gott alle kirchlichen
Organisationen und irdischen Reiche und Regierungs formen;
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