Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 99
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 99
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Heiland geboren ist.
Ver VNutheraned — 99
zerstören wird oder eigentlich, nach Russells eigenen „Schrift⸗
studien“, im Oktober 1914 zerstört haben sollte.
Gegen den Chiliasmus zeugen Stellen wie Luk. 21,
25—36; 1 Kor. 15, 51—57; 1 Thess. 4, 13—18 und außer⸗
dem alle diejenigen Stellen, die bezeugen, daß der Jüngste
Tag, die Wiederkunft Christi zum Endgericht, die Auferstehung
der Toten und die Zerstörung der Erde schnell, plötzlich, uner⸗
wartet erfolgen werden, zu einer Zeit, da die Menschheit dies
alles nicht erwartet.
Wie gelangt nun aber Russell zu seinen Daten, insonder⸗
heit zu den Jahreszahlen 1874 und 19142
Russell hat eine auffallende Vorliebe fürs Rechnen. Es
ist eigentümlich, wie gerne er sich mit Zahlen abgibt. Manche
seiner Bücher strotzen förmlich von Jahreszahlen und zeitge—
schichtlichen Tabellen. Die Wiederkunft Christi wird auf das
Jahr 1874 angesetzt, weil in dem Jahr das siebente Jahr—
tausend der Welt seinen Anfang genommen haben soll. Im
Jahre 4128 nach der Schöpfung der Welt soll Christus ge⸗
boren worden sein (Bd. II, S. 31. 49), eine Behauptung,
die unbewiesen und unbeweisbar ist. Wir wissen nicht genau
aufs Jahr, wie alt die Welt heute ist. So wissen wir auch
nicht aufs Jahr, wie viele Jahre nach der Schöpfung unser
Aber selbst wenn man zugeben wollte,
daß mit dem Jahre 1873 nach Christo das sechste Jahrtausend
geendet, und mit dem Jahr 1874 das siebente Jahrtausend
seinen Anfang genommen habe, so wäre damit noch nicht be—
wiesen, daß Christus dann kommen mußte. Russells dahin—
gehende Behauptung gründet sich auf die schwärmerische An—
nahme, daß die alttestamentliche Woche ein Bild und Symbol
der ganzen Weltzeit sei. Nach dieser Annahme bedeutet jeder
Tag in der Woche ein Jahrtausend. Wie nun die Woche aus
sechs mühevollen Arbeitstagen bestand, und dann der Sabbat,
der Tag der Ruhe und Erquickung, kam, so müsse nach den
sechs Jahrtausenden der Mühe und Weltarbeit der SErr Chri⸗
stus kommen und den großen Sabbat der Weltzeit beginnen.
(Bd. II, S. 38.)
Für diese schwärmerische Annahme liefert Russell den fol—
genden angeblichen Schriftbeweis: „Der Apostel Petrus gibt
zu verstehen, daß die siebente Tausendjahrperiode der Geschichte
der Welt nach Gottes Rechnung der siebente Tag sein würde.
Er sagt: „Dies eine aber sei euch nicht verborgen, Geliebte,
daß ein Tag bei dem SErrn ist wie tausend Jahre und
tausend Jahre wie ein Tag“ usw. (2 Petr. 3, 8. 10.)*
Lieber Leser, sieh dir die Stelle an und sage mir: Wo steht
an dieser Stelle etwas von einem siebenten Tag? Das Jahr
1914 gewinnt Russell durch Verbindung der beiden Stellen
Luk. 21, 24 und 3 Mos. 26, 18. 24. 28. Luk. 21, 24 ändert
er so: „Jerusalem wird zertreten werden von den Nationen
[Heiden], bis die Zeiten der Nationen (SHeiden! er⸗
füllt sein werden.“ (Bd. II, S. 69.) Die Verse in 3 Mos. 26
faßt er so zusammen: „Und wenn ihr auf dieses (die vorigen
1Züchtigungen! hin mir nicht gehorchet, so werde ich euch
siebenmal (sieben Zeiten') mehr züchtigen.“ (Bd. II,
S. 84.) Man beachte, wie Russell hier dem Text zuwider für
„siebenmal“ einschiebt „sieben Zeiten“. Diese „sieben Zeiten“
hat er nötig für sein ganzes folgendes Rechenexempel. Solche
theologische Taschenspielergriffe und Eniffe kommen in Russells
Büchern und Schriften unzählige Male vor. Gerade hierin
offenbart er sich als falscher Prophet, als Volksbetrüger. Die
Verbindung zwischen Luk. 21 und 3 Mos. 26 stellt Russell
dann so her: „Diese sieben Zeiten“ (von denen aber
3 Mos. 26 kein Wort zu lesen istl) „beziehen sich also (l1!
auf die Länge der Zeit, während welcher die Heiden
über sie [Israel] herrschen sollten. Und auf diese Periode
von „sieben Zeiten nimmt der HErr ohne Zweifel [I] Bezug,
wenn er von „den Zeiten der Heiden“ redet, während welcher
Jerusalem zertreten sein soll.“ (Bd. II, S. 84.) Und nun
steuert Russell, wie folgt, auf sein Ziel los: „Eine „Zeit“
wird in der Bibel im Sinne von einem Jahr gebraucht, sei es
nun ein buchstäbliches oder ein symbolisches (bildliches). Ein
symbolisches Jahr wird biblischem Gebrauche gemäß (2) nach
dem Mondjahr berechnet (zwölf Monate von je dreißig
Tagen) oder als dreihundertsechzig Tage umfassend, von denen
jeder ein Jahr bedeutet. Folglich vertritt eine „Zeit“ oder
ein Jahr, wenn es symbolisch ist, dreihundertsechzig symbolische
Tage; und „sieben Zeiten“ würden zweitausend fünf⸗
hundertzwanzig (360mal 7 = 2520) symbolische Tage aus⸗
machen, welche die gleiche Zahl buchstäblicher Jahre darstellen.
Die Frage, die sich erhebt, ist: Waren diese „sieben Zeiten'
buchstäblich oder symbolisch? Nehmen sie Bezug auf sieben
Jahre oder auf zweitausend fünfhundertzwanzig Jahre? Wir
antworten“, sagt Russell, „es waren symbolische Zeiten, 2520
Jahre.. Diese lange Periode („sieben Zeiten“ oder 2520
Jahre) der Züchtigung Israels ist die Periode der Nationen⸗
herrschaft — der „‚Zeiten der Nationen'“. Da aber, wie wir
schon gezeigt haben (2), die ‚Zeiten der Nationen“ mit dem
Jahr 606 vor Christo begannen und 2520 Jahre dauern sollten,
so enden sie mit dem Jahre 1914 (2520 weniger
606 & 1914). Dann werden die im letzten Teile desselben
Kapitels (3 Mos. 26, 44. 45) verzeichneten Segnungen in Er—
füllung gehen. Gott wird des Bundes, den er mit Israels Vä⸗
tern gemacht hat, gedenken und ihn in Erfüllung gehen lassen.“
Vieles könnte über diese Ausführung gesagt werden. Wir
bemerken nur noch dies: Russell legt großes Gewicht auf seine
Behauptung, daß der letzte König der Juden, Zedekia, im
Jahre 606 seine Krone verloren habe — was aber nicht der
Fall ist. Dies Ereignis trat erst acht Jahre später, im Jahre
588 vor Christo, ein. Russells Rechnung muß jedoch, wie
jeder sieht, aufs Jahr stimmen, sonst fällt sein ganzes Rechen⸗
exempel zusammen. Noch viel weniger aber sagt die Schrift,
daß im Jahre 606 eine große Weltperiode von 2520 Jahren
beginnen sollte. Man beachte auch, daß die Strafdrohung
3 Mos. 26 sich nicht nur auf Juda, sondern auf das ganze
zwölfstämmige Israel bezog. So schwebt diese ganze Be—
rechnung Russells völlig in der Luft und ruht nicht auf dem
Boden der Schrift.
Außerdem liegt ja klar zutage, daß das sogenannte tau—
sendjährige Reich im Oktober letzten Jahres nicht seinen An—
fang genommen hat. Dies allein sollte schon genügen, den
betörten Anhängern Russells die Augen aufzutun und Russell
selbst zur Besinnung oder doch zum Schweigen zu bringen.
Statt ein Weltsabbatjahr der Ruhe ist das Jahr 1914 ein
Jahr größerer Unruhe gewesen, als die Welt je gesehen hat.
Kein Ketzer kommt unter dem Namen des Irrtums und
des Teufels, und auch der Teufel kommt nicht als Teufel, be⸗
sonders der weiße Teufel. (Luther.)
„
——
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