Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 107
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 107
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Der „Nutheraned S 107
zu tun haben, um die Sache zwischen uns und Gott in Ordnung
zu bringen. Gott spricht Hebr. 10, 17: „Ihrer Sünde und ihrer
Ungerechtigkeit will ich nicht mehr gedenken. Wo aber derselben
Vergebung ist, da ist nicht mehr Opfer für die Sünde“;
denn „mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet,
die geheiligt werden“. Wo bleibt da noch eine Forderung auf
Leistung unsererseits, um den Sündenstrafen zu entgehen? Aber
der papistische Schreiber führt auch ein Bibelwort an. Er schreibt:
„„Darum vergleiche dich mit deinem Widersacher, solange
du noch mit ihm auf dem Wege bist“; das will sagen: Trage
deine Schuld bei Gott dem HErrn ab, solange du noch ein
Erdenpilger bist.“ Also der Widersacher, der Feind, von dem
IEsus an der Stelle redet, ist — Gott der HErr! Eine Lehre,
die Gottes Wort so verdrehen muß, ist schon gerichtet. Allerdings,
dem armen Papisten ist und bleibt Gott ein zürnender HErr und
Richter, der durch Bußleistungen und selbstaufgelegte Fasten ver—
söhnt werden muß und schließlich doch im Fegfeuer die Sünden
nochmals abstraft, für welche Christus gestorben ist. Dazu lies
Hebr. 9, 24—28. G.
Aus dem Gemeindeleben.
1. Willem kommt zur Klarheit in der Kuvertfrage.
„Nichts für ungut, Fritz, aber die neue Einrichtung, die ihr
gemacht habt, gefällt mir gar nicht. Muß denn unsere Gemeinde
auch neumodisch werden? War die alte Ordnung nicht schön und
gut und hat sich bewährt? Wenn ich damals in der Gemeinde—
versammlung gewesen wäre, ich hätte dagegen protestiert, so laut,
daß euch Respekt in die Glieder gefahren wäre. Diese modernen
Ideen sind nach meiner Meinung lauter gesetzliches Wesen, und
ich bin — na, du weißt ja — ich bin mein Lebtag ein Luthe⸗
raner gewesen und will auch mit Gottes Hilfe ein recht—
schaffener Lutheraner bleiben.“
So sprach der biedere Willem von der Stadtgemeinde in Y.
zum Kirchenvorsteher Fritz, als dieser seinen Freund eines Abends
besuchte. Doch hören wir den beiden weiter zu.
„Es freut mich, Willem, daß du ein Lutheraner sein und
bleiben willst. So stehe ich auch, und zwar aus guten Gründen.
Wohnung des Direktors und Lehrsäle.
Hauptgebäude.
siulege zu St. Paul, Minn.
„Pastor“ Russell hatte sich in letzter Zeit vor einem Ge—
richtshof in Philadelphia zu verantworten. Nach einem Bericht
im CGieveland Leader vom 22. Februar handelte es sich um eine
Klage, die von der Mutter eines siebzehn Jahre alten Mädchens
gegen Russell angestrengt worden war. Das Mädchen, Ruth
Galbraith, hatte letzten September ihre Heimat in Atlantic City,
N. J., verlassen, war unter Begleitung eines gewissen Hollister
nach Brooklyn gebracht worden und hatte sich seitdem in einer
„religiösen“ Anstalt Russells aufgehalten. Die Mutter des Mäd⸗
chens erklärte vor dem Gericht, daß sie vergebliche Versuche ge—
macht habe, ihre Tochter zu sehen. Es ist auch das Einkommen
von gewissem Eigentum des Mädchens involviert. Diese Ein—
künfte sind in die Kasse des von „Pastor“ Russell kontrollierten
„religiösen“ Instituts geflossen, wie ein Bankbeamter erklärt. Als
die Klage gegen Russell am 3. März in Philadelphia zur Ver⸗
handlung kam, weigerte sich das Mädchen, zu ihrer Mutter zurück⸗
zukehren, auch als diese sie auf das flehentlichste bat. Der Richter
urteilte jedoch, daß sie nach dem elterlichen Hause zurückkehren
müsse. Hollister wird in den Preßnachrichten als ein „Agent“
Russells aufgeführt. Je mehr man über Russell erfährt, desto
mehr scheint es geboten, daß wir auf die Gänsefüßchen vor und
hinter „Pastor“ bestehen. G.
Lehrgebäude. Wirtschaftsgebäude.
Unsere Gemeinde hat zwar nicht das schönste Kirchgebäude in der
Stadt, aber sie ist doch Gottes liebe Gemeinde, weil wir sein
reines Wort und Sakrament hoch und heilig halten. Das ist
schließlich die Hauptsache, und deshalb bin ich ein Mitglied und
will's auch bleiben. Daß du aber nicht ganz zufrieden bist,
Willem, das habe ich schon seit einiger Zeit gemerkt. Nun aber
geradeheraus mit der Sprache und nicht hinter dem Berg gehalten;
denn gesetzliches Wesen in unserer Gemeinde will ich ebensowenig
dulden wie du. Wo fehlt's?“
„Fritz, es wundert mich, daß du noch nicht drauf gekommen
bist, und ich dir erst alles zergliedern soll. Es ist vielleicht nicht
so schlimm, aber gekribbelt hat's mich doch. Und wenn ich mir
immer wieder sage: Willem, du nmiußt! du mußt! so ist das nicht
mehr gemütlich, sondern das nenne ich dann gesetzliches Wesen.“
„Fahre weiter, Willem!“
„Nun, Fritz, vor zwei Jahren brachtest du mir drei Pakete
Kuverte für die Gemeindekasse, eins für mich und meine Frau,
eins für unsern Heinrich und eins für unsere Marie. Du sagtest
mir, die Glieder könnten geradesogut ihre Beiträge sonntäglich
zur Kirche bringen; es wäre nicht nötig, daß sechs Vorsteher jeden
Monat die Gemeindegelder einkollektieren“ müßten. Außerdem,
meintest du, sollten nicht bloß die stimmberechtigten Glieder Bei⸗
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