Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 103

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 103

97 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner71_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

—

103

hörenden Versammlung einen Vortrag über Taubstummen⸗—
mission. In den Zeitungen hatte P. Koß ankündigen lassen,
daß am Abend Gottesdienst für Taubstumme stattfinden würde,
und daß alle Taubstummen eingeladen seien. Neben der großen
Versammlung von Hörenden waren auch zehn Taubstumme
erschienen. Diesen hielt P. Wangerin eine Predigt in der
Zeichensprache über IEsum, den Sünderfreund und auch der
taubstummen Sünder Freund. Es war die erste Predigt in
der Zeichensprache, die je in Spokane gehalten worden war.

1 O wie gespannt war da die Aufmerksamkeit aller, der Hörenden

wie der Taubstummen! Die Freude der armen Taubstummen
war groß; jeder schüttelte dem Missionar die Hand, und sie
versprachen alle, andern Taubstummen hiervon zu sagen. Am
folgenden Tag suchte der Missionar noch andere auf, deren
Adressen er erlangt hatte. In der Mittagspause traf er drei
taubstumme Arbeiter, die nicht im Gottesdienst gewesen
waren, und hielt diesen in einer Alley, hinter einer Wäscherei
(laundry) eine Predigt. Als unser Missionar etwa sechs
Wochen später auf seiner Rückreise in Spokane wieder Gottes⸗
dienst angekündigt hatte, da waren fast alle Taubstummen in
Dund um Spokane, nämlich 24, erschienen und „hörten“ mit
1 großer Aufmerksamkeit und Freude der Predigt zu wie auch
seinem Bericht über seinen Besuch unter den Taubstummen in
den großen Städten am Stillen Ozean. Die Taubstummen
dankten dem Missionar und baten ihn dringend, er möge dahin
wirken, daß ihnen das Wort Gottes regelmäßig in der Zeichen—
sprache verkündigt werde.

Von Spokane aus ging die Reise nach den eigentlichen
Küstenstädten, zunächst nach der außerordentlich rasch empor—
blühenden Stadt Seattle, Wash., mit seinen mehr als 350,000
Einwohnern und Tacoma, das mehr als 100,000 Einwohner
zählt. Beide sind bedeutende Hafenstädte am herrlichen Puget
Sound. In diesen beiden Städten, die nur etwa vierzig Meilen
voneinander entfernt liegen, hatte schon P. Fedder, der der
Zeichensprache mächtig ist, neben seinem Dienst an hörenden
Gemeinden der dortigen Taubstummen sich notdürftig ange—
nommen.

In Seattle lernte P. Wangerin nicht weniger als 35 Taub—
stumme persönlich kennen und wurde von diesen mit großer
Freude aufgenommen. Sie versicherten ihm, daß sie sehnlichst
wünschten, jemand zu bekommen, der ihnen in der Zeichen⸗
sprache predigen könne.

In Tacoma predigte der Missionar in der Kirche P. Jul.
Huchthausens vor 8 Taubstummen, von denen 5 von Haus aus
lutherisch sind. Eine taubstumme Person hatte unsere luthe—
rische Taubstummenanstalt in North Detroit besucht.

Etwa zweihundert Meilen südlich von Tacoma befindet
sich die überaus romantisch gelegene und über 200,000 Ein⸗
wohner zählende Stadt Portland, am Columbiastrom, die be—
deutendste Stadt des Staates Oregon. Des Missionars dortiger
freundlicher Gastgeber, P. Koppelmann, leistete ihm wert⸗
volle Dienste beim Aufsuchen von Taubstummen. 17 Taub—
stumme stellten sich zum Gottesdienst ein, und fünf Wochen
später, auf seiner Rückreise, waren 20 in der Kirche P. Rim—
bachs erschienen. Es sind das allerdings kleine Zahlen; wenn
man aber bedenkt, daß das Verhältnis der Taubstummen zu
den Hörenden wie 1 zu 1200 ist, so wird man leicht erkennen,
daß sie doch sehr erfreulich sind. Die Taubstummen waren
sehr erfreut über die Predigt, dankten dem Missionar für sein

Kommen und fragten ihn, ob er nicht selber bleiben und alle

Taubstummen an der Küste regelmäßig besuchen könne, oder
was die Kommission tun könne, um sie in der Zeichensprache
bedienen zu lassen.

Der Stadt Portland gegenüber, durch den Columbiastrom
getrennt, liegt Vancouver, Wash., wo die Staatsanstalt für
Taubstumme sich befindet. Hier wurde unser Missionar mit
dem Superintendenten der Anstalt, Herrn Clarke, bekannt, der
ihm unter anderm mitteilte, daß die Episkopalen dafür gesorgt
hätten, daß die Taubstummen an der Küste jährlich §1000 und
die hörenden Gemeinden auch §1000 zur Betreibung der Taub—
stummenmission an der Küste aufbrächten. Sollte aber dieser
Plan, hinfällig werden, dann würde er die Mission der Luthe⸗
raner mit großem Eifer befürworten. Es stellte sich jedoch
auf der ganzen Reise unsers Missionars heraus, daß die Taub—
stummen an der Küste nichts von einem solchen Plane wußten.
— In Portland hatte P. Wangerin auch Gelegenheit, auf
einem Missionsfest einen Vortrag über unsere Taubstummen⸗
mission zu halten.

Von Portland ging es fast 800 Meilen weiter südlich nach
San Francisco, Cal. Hier predigte P. Wangerin in Präses
Bernthals Kirche vor 17 Taubstummen, besuchte auch die Staats⸗—
anstalt für Taubstumme in Berkeley und Taubstumme in Oak⸗—
land. In diesen drei Städten sind die Taubstummen ohne
jegliche kirchliche Versorgung. Ohne daß der Missionar etwa
Veranlassung dazu gegeben hätte, betonten die Taubstummen
von selbst die Notwendigkeit eines Missionars unter ihnen.
In San Francisco traf er auch einige von P. Jensen in Kan—
sas City und P. Schubkegel in St. Louis konfirmierte Taub—
stumme, die sich sehr freuten, ihn zu sehen.

Von San Francisco ging es über 500 Meilen noch weiter
südlich, nach der ältesten Stadt an der Westküste, Los Angeles,
mit ihrem Tropenklima und tropischen Früchten und Blumen.
Hier feierte der Missionar am 16. August sein achtzehnjähriges
Amtsjubiläum dadurch, daß er mit 18 Taubstummen, unter
denen 8 Lutheraner waren, die erste lutherische Zeichenpredigt
in Los Angeles hielt. Mit großer Freude wurde er hier auf⸗
genommen. In Los Angeles gibt es etwa 150 Taubstumme.
Die kirchliche Versorgung geschah bisher durch sogenannte Hay-
readers“; das sind taubstumme Laien, die mittels der Zeichen—
sprache den Gottesdienst nach einem episkopalischen oder katho—
lischen oder einem andern Formular leiten. Unser Missionar
erfuhr dann, daß ein „Club for the Deaf“ in Los Angeles
bestehe, und er beschloß, dessen Versammlung zu besuchen. Hier
traf er mit 45 Taubstummen zusammen, denen er einen Vor—
trag hielt, und die über sein Kommen hoch erfreut waren.
Er lud sie für den nächsten Tag (einen Sonntag) zu einem
Gottesdienst ein, und es stellten sich 42 dankbare „Hörer“ ein.
Der Missionar erklärte später, wenn es ihm je leid getan habe,
Taubstumme wieder zu verlassen, dann sei es da gewesen.
Jeder und jede ohne Ausnahme gaben ihm die Hand und
hatten ein Wort des Dankes für ihn und die Missionskom⸗
mission. Sie wollten wissen, ob sie nun kirchlich versorgt werden
könnten, und ob es nicht möglich sei, daß er bliebe und ihnen
predige. P. Wangerin machte das gute Werk auch unter den
Hörenden bekannt durch Vorträge vor großen, aufmerksamen
Versammlungen in deutscher wie englischer Sprache. Auch die
kirchlichen wie weltlichen Blätter nahmen davon in Wort und
Bild Notiz und waren des Lobes voll. —

English translation

Not yet translated.