Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 108

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 108

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108 8Der 2„Tutheranede

trag geben, sondern alle Glieder, die etwas verdienen, auch die
Jünglinge und Jungfrauen.“

„Ja, ja, ich erinnere mich. Bist du darüber unzufrieden?“

„Bewahre, Fritz! Mein Grundsatz ist: Was recht ist, muß
recht bleiben. Ich sagte darum auch gleich meinem achtzehn⸗
jährigen Heinrich: ‚Junge, unsere Kirche ist deine Kirche; du
brauchst nicht all dein Geld für nichts und wieder nichts zu ver⸗
plempern; hier sind deine Kuverte!' Und meiner Marie, die auch
verdient, sagte ich: Ihr Mädels denkt immer nur an Putz und
Staat; denk' auch an deine Kirche!“ Fritz, wir haben nicht
hintenangestanden mit unsern Beiträgen und sind dadurch, Gott
sei Dank, auch nicht ärmer geworden. Die Kirche muß erhalten
werden, und unser Pastor und die Lehrer lassen's sich sauer genug
werden.“

„Schön, Willem, schön! Die Rede gefällt mir. Weißt du
auch, daß sich, seitdem wir Ordnung in unser Finanzwesen gebracht
und auch die jungen Leute herangezogen haben, ein ganz anderes
Leben, viel mehr Interesse am Wohlergehen der Gemeinde, be—
merkbar macht? Sieh nur einmal, wie rege sich seither die jungen
Leute an allem beteiligen! Und außerdem, wir haben unserm
Pastor und den Lehrern den Gehalt erhöhen können, ohne ein
Defizit in der Gemeindekasse befürchten zu müssen. Ordnung,
Willem, Ordnung, verbunden mit christlichem Sinn, richtet Großes
aus. Doch wir schweifen ab; du wolltest ja klagen.“

„Mit der Klagerei, Fritz, ist's nicht weit her; ich wünsche
beinahe, ich hätte nichts gesagt. Doch heraus muß heraus. Nun,
vor einem Jahr bekamen wir wieder unsere Kuverte. Da aber
die Pakete länger und breiter waren als die alten, packte mich die
Neugier. Richtig! Das waren Doppelkuverte. Auf der schwarz—
bedruckten Seite stand: Für die Gemeindekasse“, und auf der
andern Seite stand in roten Buchstaben: „Für Gottes Reich nach
außen.“ Am nächsten Sonntag vermeldete dann unser Pastor:
„Auf Beschluß der Gemeinde möchte man von nun an alle Gaben
für die Synodalkasse und die verschiedenen Missionen in der rot⸗
bedruckten Seite des Doppelkuvertes darreichen. Spezialkollekten
für auswärtige kirchliche Zwecke werden nicht mehr erhoben.“ So
was! Geärgert habe ich mich ganz schrecklich, und heute noch bin
ich nicht drüber. Die freie Liebe für das Missionswerk hat auf⸗
gehört, und gesetzliches Wesen ist in unserer Gemeinde eingerissen.
Jetzt haben wir Kuverte, und da heißt's: „Du mußt!“ Wie seid
ihr nur dazu gekommen?“

„Wirklich, ich verstehe dich nicht mit deiner freien Liebe und
deinem gesetzlichen Wesen. Was meinst du denn damit?“

„Fritz, ich glaube, du stellst dich dumm. Früher war es in
der Gemeinde Gebrauch, daß viermal im Jahr eine Kollekte für
auswärtige Zwecke erhoben wurde. Jeder gab dann, wie er
wollte, nach seiner freien Liebe. Und die Kollekten waren gut.

Zehncentstücke, ja Vierteldollars lagen im Korb und nur sehr

wenige Cents. Gewöhnlich brachte so eine Kollekte 15 bis 18
Dollars. Dann kam noch das jährliche große Missionsfest. Ich
will nicht prahlen, aber wenn zwanzig Eindollarbills im Korb
lagen, so war meine Dollarbill immer mit dabei. Und gefreut
hat es mich, wenn der Pastor nachher vermelden konnte: Die
Missionsfestkollekte beträgt mit überschuß nach Abzug §125.“ Das
waren nun gleichfalls 200 Dollars im Jahr für auswärtige
Zwecke. Das nenne ich doch gut. Und alles war ganz freiwillig
gegeben.“

„Willem, eine Frage! Wer hatte denn den Gebrauch der
vier Kollekten und des jährlichen Missionsfestes in der Gemeinde
eingeführt?“ ö

„Na, so 'ne Frage! Das war Gemeindeordnung, und eine
gute Ordnung war es, frei von allem gesetzlichen Wesen.“

„Also die Glieder haben den Gebrauch gemacht, nicht wahr,
Willem? Noch eine Frage! Waren auch alle Glieder immer im

Gottesdienst, wenn die Kollekten für auswärtige Zwecke erhoben
wurden, oder wenn die Gemeinde ihr Missionsfest feierte — wirk⸗

lich alle?“

„Nun ja, manche haben gefehlt, das ist wahr. Es gibt eben
überall Drückeberger. Und wenn das Missionsfest verregnete, du
weißt ja —“

„Schon gut, Willem, wir wissen, wie es leider geht, wenn's
regnet. Zur Arbeit muß man unter allen Umständen, auch wenn's
stürmt; die Kirche aber, sagt man, läuft nicht davon. Haben
wohl viele Glieder nach einem verregneten Missionsfest oder nach
einer verpaßten Kollekte zum Pastor gesagt: „Herr Pastor, ich
konnte leider nicht kommen, aber hier, bitte, fügen Sie meine Gabe
der Kollekte hinzu“?“ ö

„Ich, ja, ich — wirklich, Fritz, ich weiß nicht.
danke ist mir nie gekommen.“

„Nun, Willem, jetzt hör' mal zu. Als unsere Gemeinde klein
und arm war, machte sie trotz der großen Armut die Ordnung,
alljährlich vier Spezialkollekten nach außen gehen zu lassen, und
außerdem wurde jeden Sommer, wie wir es jetzt noch immer tun,
ein großes Missionsfest abgehalten, und die Kollekte für die Mis⸗
sion bestimmt. Das war damals ein Opfer. Frag' nur einmal
die alten Glieder! Zu entbehren hatten sie nichts. Trotz alledem
wollten sie aber tun, was in ihren Kräften stand, um Gottes Reich
auch nach außen hin zu bauen, und brachten das Opfer.“

„Ja, ja, ich habe davon gehört. Es müssen trübselige Zeiten
gewesen sein.“

„Willem, seither hat sich vieles geändert. Wir haben jetzt
gegen 450 Abendmahlsglieder in der Gemeinde, von denen wenig⸗
stens 325 Arbeit und Verdienst haben; manche haben sogar einen
guten, ja sehr guten Verdienst. Sollte da die Gemeinde nicht das
Recht haben, eine neue, den Zeiten und Verhältnissen angepaßte
Ordnung zu machen? Ist denn das „gesetzliches Wesen“? Unsere
Synode hat jetzt so viele Colleges und treibt so mancherlei Mission.
Da heißt es für jede Gemeinde ratschlagen: Was können wir tun,
daß das herrliche Werk nicht ins Stocken gerät, sondern weiter
hinausgeführt werden kann? übrigens, Willem, könntest du
neben deinem regelmäßigen Gemeindebeitrag jeden Sonntag noch
5 Cents für „Gottes Reich nach außen“ geben? Oder wäre dir
das ein zu großes Opfer?“

„Was sagst du? Fünf Cents! Das ist ja fast eine Be⸗
leidigung. Fünfundzwanzig Cents könnte ich geben, warum
nicht? Und der Heinrich und die Marie könnten ganz leicht
10 Cents geben und würden's nicht spüren und vermissen.“

„Gut, Willem! Wenn nun die 325 Glieder unserer Ge—
meinde, die Kuverte bekommen haben, ganz freiwillig, wie es ihnen
ums Herz ist, allsonntäglich etwas in die rotbedruckte Seite für
„Gottes Reich nach außen“ einlegten, so wäre die Durchschnitts⸗—
summe — wir wollen sie niedrig ansetzen — etwa fünf Cents
pro Gemeindeglied jeden Sonntag. Sie könnte ebenso leicht zehn
Cents sein. Doch wir wollen niedrig greifen und fünf Cents
sagen; der eine gibt eben mehr, der andere weniger, je nach sei—
nem Vermögen, nach seiner Erkenntnis, nach seinem Glauben und
seiner Liebe. Weißt du, wieviel dann unsere Gemeinde ohne be—
sondere Anstrengung in einem Jahr für auswärtige kirchliche
Zwecke geben würde? Nein? Nun, ich will dir's gleich sagen:
beinahe 8850. Denke nur: §850! Das hört sich doch besser an
als §5200 jährlich. Und dabei hätte sich niemand weh getan. Und
wenn alle Gemeinden unserer Synode eine solche oder eine ähn⸗
liche Einrichtung träfen, o wie könnte da Gottes Reich gebaut
werden, und zwar ohne allen gesetzlichen Zwang! Oder meinst du
noch, daß unsere Gemeinde durch diese selbstgemachte Einrichtung

Der Ge⸗

gesetzlich' geworden ist?“

„Haben wir im letzten Jahr wirklich so viel für auswärtige
kirchliche Zwecke gegeben, 5850?“

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