Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 6 › Seite 100

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. März 1915, Seite 100

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100 8 Ner „Wutheranses

Concordia⸗College in St. Paul, Minn.

Als das Missionswerk unserer Synode im Nordwesten,
besonders in den Staaten Minnesota, North und South Dakota,
Montana und in den westlichen Provinzen von Canada, seinen
ersten großen Aufschwung erlebte, da beschloß die Allgemeine
Synode, versammelt in St. Louis im Jahre 1893, in den
Twin Cities, St. Paul-Minneapolis, dem strategischen Stütz⸗
punkt des Nordwestens, eine Lehranstalt zu gründen. Es war
von hier oben aus der Gedanke angeregt worden, ob es nicht
gut sei, eine allgemeine Erziehungsanstalt mit der Vorbe⸗
reitungsanstalt für das Studium der Theologie zu verbinden
und auch eine Akademie zu führen; doch wurde das abgelehnt
und beschlossen, zunächst die untersten drei Klassen eines Gym⸗
nasialkursus einzurichten und daneben eine Präparandenanstalt
für das Lehrerseminar zu führen. Am 13. September des⸗
selben Jahres wurde die Anstalt in einem gemieteten Heim
eröffnet. P. Theo. Bünger war der erste Professor; ihm standen

Wohngebäude.

Turnhalle.

P. J. A. Detzer, der die englischen Fächer übernahm, und Prof.
Theo. E. Berg, der den Musikunterricht erteilte, bei. Dreißig
Schüler besuchten diese Anstalt im ersten Schuljahr.

Nun galt es aber auch, eine bleibende Stätte zu finden.
Die Synode hatte für den Anfang §25,000 bewilligt; das ist
die einzige größere Summe, die unsere Anstalt in St. Paul
bis zum heutigen Tage aus der Synodalbaukasse erhalten hat.
Gott der HErr ließ uns eine überaus glückliche Wahl treffen.
Wir kauften vom Staate Minnesota ein Anwesen mit fünf Ge⸗
bäuden und dem dazugehörigen Grundstück von etwa sechs Acker.
Im Jahre 1902 nahm die Synode gerne die ihr gebotene Ge⸗
legenheit wahr, zehn Acker, die im Norden an die Anstalt
angrenzen, für den äußerst niedrigen Preis von §5000 zu
kaufen, so daß wir jetzt als Anstaltseigentum ein Anwesen von
6004900 Fuß besitzen, das ganz ideal gelegen ist für eine
Anstalt — auf einem Plateau, 240 Fuß über dem Mississippi,
von wo aus wir die Stadt St. Paul überschauen können, etwa
helbwegs zwischen dem Zentrum von St. Paul und dem von
Minneapolis. Wir sind mit allen Bequemlichkeiten, die eine
Großstadt bietet (mit Wasser, Abwassersystem, Gas, elektrischem
Licht, Straßenbahn bis unmittelbar vor der Anstalt), versehen
und dabei doch nicht eingeengt, sondern gesichert auf die ferne

Zukunft, da auf der einen Seite die zehn Acker liegen, auf
zwei andern Seiten die Stadt St. Paul 6½ Blocks erworben
hat als Park und Spielplatz, und auf der vierten Seite der
Staat Minnesota noch drei Blocks besitzt. So haben wir ein
kleines Reich für uns selbst mitten in der Zwillingsstadt von
einer halben Million Einwohnern.

Aber die Gebäude, wie steht es mit denen? Zu den fünf
alten Gebäuden sind noch vier Professorenwohnungen hinzu⸗
gekommen, die je §3000 gekostet haben, und sodann haben
Freunde und Alumnen (nach größeren Gaben von seiten der
Herren J. Neils, E. Tetzlaff, E. Rubbert und H. Göppinger)
uns eine Turnhalle gebaut, in der sich die Jungen tummeln
können, und die uns zugleich einen Raum bietet, um größere
Versammlungen abzuhalten. Die vor mehr als zwanzig Jahren
gekauften Gebäude aber, die damals nicht neu waren, sind noch
unsere eigentlichen Collegegebäude. In den ersten Jahren haben
wir gleich darauf gerechnet, daß wir bald ein besonderes Lehr⸗
gebäude bekommen würden, und haben so die Gebäude ver⸗
wertet, ohne weitgehende Veränderungen vorzunehmen; und
das ist nun in den zwanzig Jahren so geblieben. Die Lehr⸗
säle befinden sich in den verschiedenen Gebäuden; sie wurden
eingerichtet, wo sich gerade Raum bot. Aber sie sind teils zu
klein, teils zu groß, teils bieten sie den Schülern nicht das
nötige Licht. Das hat auch die Allgemeine Synode letztes Jahr
erkannt und daher §60,000 für ein Lehrgebäude bewilligt unter
dem Verständnis, daß der Minnesota⸗, der Jowa-, der South
Dakota⸗ und der North Dakota- und Montana⸗Distrikt zusam⸗
men §30,000 aufbringen. Leider ist aber von unsern lieben
Gemeinden noch nicht viel geschehen, so daß das so nötige
Gebäude noch nicht hat errichtet werden können. Im Jowa⸗
Distrikt sind bis jetzt 51500 und im Minnesota⸗Distrikt 52500
aufgebracht worden; von den andern Distrikten haben wir noch 1
keine Nachricht.

Aber bisher habe ich fast ausschließlich von dem Anstalts⸗
anwesen und den darauf befindlichen Gebäuden geredet. Die
Hauptsache sind doch die Schüler. Nach jener ersten kleinen
Schar von dreißig jungen Leuten sind Jahr für Jahr unter
Gottes Segen von einer großen Zahl Eltern des Nordwestens
uns ihre Söhne zugesandt worden. Im ganzen haben seit
Gründung der Anstalt 925 Schüler sich bei uns einschreiben
lassen, von denen die allermeisten mit der Absicht kamen, sich
entweder auf das Predigt⸗ oder Schulamt vorbereiten zu lassen.
Die Präparandenanstalt wurde im Jahre 1908 aufgehoben.
Durch dieselbe ist viel Segen gestiftet worden; es stehen jetzt

60 Lehrer in allen Teilen unserer Synode im Amte, die bei

uns ihre Anfangsstudien gemacht haben. Pastoren sind es über 1

hundert. Bis zum Jahre 1902 hatten wir nur die drei unteren

Klassen des Gymnasialkursus; in diesem Jahre wurde die Tertia!
eingerichtet, und drei Jahre danach wurde beschlossen, daß unsere 1
Anstalt zum Vollgymnasium erweitert werden solle. Im Juni
1907 konnte die erste Prima nach St. Louis entlassen werden.

Selbstverständlich hat die Lehrerschaft an einem Internat!
(boarding school) noch besondere Aufgaben; sie hat eine unge⸗
wöhnliche Verantwortung auf sich, und es gilt, eigenartige
Schwierigkeiten zu überwinden. Die Eltern bekommen leicht
entstellte Berichte über Vorgänge auf der Anstalt und über
das Tun ihrer Söhne durch diese selbst; und weil diese so lange
in der Ferne weilen, vergessen sie leicht die Charakterschwächen
ihrer Lieblinge oder geben aus falscher Liebe nach. Leicht ver⸗

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