Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 20 › Seite 388

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. September 1915, Seite 388

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388 S Der .Wutherameüssss

Von dieser großen Schar waren 22,000 in Deutschland, 28,000
in England, 44,000 in Ssterreich, 84,000 in Rußland und
13,000 in Amerika.“ Hiermit scheint zu stimmen, was wir vor
einiger Zeit über die Stellung der russischen Juden zum Evan—
gelium lasen. Es hieß da: „In Rußland behandelt die jüdische
Presse vielfach die „Jesusfrage“, und zwar in einem dem Evange—
lium oft so freundlichen Sinne, daß man staunt. Im Zusam—
menhang damit steht die gesteigerte Nachfrage nach Neuen Testa—
menten und christlichen Schriften.“ In dem kürzlich von den
deutschen Truppen besetzten Mitau erzählt eine deutsche Gräfin,
ein alter Jude habe ihr gesagt, daß, wo jetzt Juden zusammen—
kommen, sie sich über die Frage unterhalten, ob IEsus der Mes—
sias gewesen sei. P. Levertoff vom Leipziger Verein für Juden⸗
mission berichtet, es gelte in Rußland nicht mehr für unerhört,
wenn ein Jude zum Christentum übertrete; er habe selber gehört,
wie ein alter Jude einem jungen gesagt habe, daß das Neue Testa⸗
ment ein echt jüdisches Buch sei, mit dem sich gläubige Juden be—
schäftigen müßten, und daß IEsus der Messias sei. Das war
vor einem Jahre. Seitdem haben die Juden in Polen, Rußland
und Galizien Furchtbares leiden müssen, ja es ist kein Volk von
diesem Kriege so mitgenommen worden wie das jüdische. Daß
doch etliche in dieser großen Drangsal zu dem Gott ihrer Väter,
zu dem Vater unsers HErrn JEsu Christi, sich bekehren möchten!
G.

—— 2

Chinesisches Gift.

Ein gellender, anhaltender Schrei tönt aus dem Hofe eines
chinesischen Hauses. Die Vorübergehenden zucken unwillkürlich zu⸗
sammen und bleiben stehen. Die Schwätzer verstummen. Es war
der Schrei der Totenklage. Aber ein schrecklicherer Feind als der
Tod hat in jenem Hause Einzug gehalten. Ein schluchzendes
kleines Mädchen klammert sich an die Mutter, von der rohe Hände
es wegreißen wollen. Die Mutter weiß, welch entsetzlichem Schick—
sal dies Kind, ihr drittes und letztes Töchterchen, entgegengeht,
sind ihr doch die beiden größeren Mädchen auf die gleiche Weise
entrissen worden. Sie wird Sklavin auf einem der Blumenboote
werden und wie so viele andere zu einem Leben der Schande ver⸗
kauft sein, bis sie vielleicht diesem furchtbaren Dasein durch einen
Sprung in den Fluß ein Ende macht. Der schmutzige, unge⸗
schorene, rohe Mann, der sie verkauft, ist ihr eigener Vater, der
einstmals wohlhabende, angesehene Sekretär des Gouverneurs der
Stadt Krichwa, Chekiang. Was hat ihm seinen Reichtum, seine
Gesundheit, seine natürliche Liebe genommen? „Das schreckliche
Opium“, antwortet mir jemand, der seine Geschichte kennt, und
ein anderer fügt hinzu: „Wer Opium ißt, ißt Sorgen.“ Noch
ist jener Mutter ein Schatz geblieben, ihr einziger Sohn. Den
wird doch ihr Mann behalten, da der Chinese ja glaubt, die ewige
Seligkeit hänge davon ab, daß man einen Sohn hat, der Toten⸗
opfer bringt. Aber nein, die Opiumsucht gewinnt das übergewicht.
Um das Verlangen nach diesem Gift zu stillen, verkauft er sein
letztes Kind und schließlich sein Weib!

Der bekannte Chinesenmissionar David Hill hörte oft, wie
Chinesen sagten: „Wenn du dich an deinem Feind rächen willst,
so brauchst du ihn nicht zu schlagen, du brauchst auch nicht mit
ihm zum Richter zu gehen, bringe ihn nur dazu, einmal Opium
zu rauchen. Wenn er es nur einmal erst gekostet hat, so kannst
du sicher sein, daß er bald vollständig zugrunde gerichtet ist.“

Will irgendein Chinese ein Haus kaufen, das ihm gefällt,
und er erfährt, daß der Besitzer Opiumraucher ist, so wartet
er mit echt chinesischer Geduld zwei bis drei Jahre; denn bis
dahin hat der Opiumsüchtige alles andere verkauft und gibt nun
auch sein Besitztum um einen Schleuderpreis her, um nur das
Verlangen nach Opium zu stillen.

Ein vornehmer Chinese äußerte kürzlich: „Die Führer des
chinesischen Volkes halten das Opium für den schlimmsten Feind,
der wohl fähig wäre, den Untergang der chinesischen Nation her—
beizuführen.“ Diese Gefahr wird durch einige Zahlen der großen
chinesischen Lebensversicherungsgesellschaft in Shanghai illustriert.
Selbstverständlich sind gewohnheitsmäßige Opiumraucher von
vornherein von der Aufnahme in die Versicherung ausgeschlossen.
Die Gesellschaft zählt 13,336 Mitglieder, und bei dieser Zahl
sterben auf 100 mit „gewöhnlicher Todesursache“ 141, also
41 Prozent mehr, an den Folgen des Opiums.

Das chinesische Volk wehrt sich mit aller Macht gegen diesen
furchtbaren Feind. In China soll kein Mohn zu Opium mehr
gebaut werden, die Opiumhöhlen werden zerstört, man tut, was
man kann — aber wie soll China dem Verderben steuern, solange
es durch den Vertrag von Tientsin verpflichtet ist, jährlich für
60 Millionen Mark indischen Opium den Engländern abzunehmen?
Und was für eine Verantwortung ladet die Christenheit auf sich,
indem sie ein heidnisches Volk, das selbst gegen sein Verderben
anzukämpfen sucht, um des Geldes willen ins Unglück stürzt!

Kann man es einer chinesischen Frau verdenken, daß sie der
Missionarin zurief: „Gehsweg! Ich will nichts hören; denn in
der einen Hand habt ihr Weißen die Bibel und in der andern —
das Opium!“

———

Wehe!

Wo wir nicht täglich umkehren und uns von dem Ärgernis
reinigen, das in uns ist, wo wir nicht in der Buße Hand und
Fuß abhauen, die uns versuchlich werden wollen, so wird es nicht
ausbleiben: wir müssen andern Argernis geben. Was im Men⸗
schen wuchert, kommt früher oder später zutage. Was dir selbst
ein Fallstrick ist in deiner Seele, wird ohne Frage auch den
Brüdern, die um dich sind, zum Strick und zur Schlinge. Und
wehe, wenn du ÄArgernis gäbest, welches einer Seele Hinderung
auf dem Lebenswege oder ihr gar den Tod brächte! Wahrlich,
die schwerste Erdenstrafe wird nicht zu vergleichen sein mit der
Gewissenspein, von welcher du gefoltert wirst, weil du einer
Seele nicht vom Tode, sondern zum Tode geholfen hast.

(D. J. S. Büttner.)

—— —

Ein Elend ohnegleichen.

Aus einem Lazarettbrief: . . . Seit dem 3. September sind
wir in Frankreich; zuerst acht Tage in W., dann ging's vorwärts.
Wir mußten Schritt halten mit unsern braven Soldaten und
kamen nach T. Nach vier Tagen mußten wir aber schleunigst die
Flucht ergreifen. Zurück, zurück! hieß es, es wird von den
Franzosen ein Granatfeuer eröffnet. In aller Eile konnten wir
unsere Kranken in einem Bagagewagen unterbringen. In schnell⸗
ster Fahrt ging es über Stock und Stein einen Tag und eine Nacht
ununterbrochen fort. Dabei strömte der Regen wolkenbruchartig
auf uns nieder. Was litten dabei nicht unsere Verwundeten!
Es war für uns, die Gesunden, schon eine entsetzliche Fahrt —
und nun erst für sie! Und dabei konnten wir ihnen nur das Aller⸗
notwendigste reichen, etwas schwarzen Kaffee, ein Stücklein Brot,
so klein es nur sein kann. Und wir selbst? Wir vertrösteten uns
auf später. Und die Soldaten auf dem Felde! Ach! sie sind
zu bedauern. Seit vier Wochen sind sie nicht mehr aus den
Kleidern gekommen, sie sind wie hineingewachsen. Nicht bloß
die Stiefel, auch die Kleider müssen wir ihnen vom Leibe schneiden.
Und denkt euch nur, selbst Würmer krochen aus Kleidern und
Stiefeln hervor! Von diesem Elend macht sich kein Mensch einen

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