Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 71, Nummer 20 › Seite 381
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. September 1915, Seite 381
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ganzen auch wenig aus der Kirche.
S Der utheraned
381
Das öffentliche Geistesleben in Brasilien wird von zwei
Strömungen beherrscht, dem Liberalismus und Romanismus.
Wir bitten den Leser um einen Augenblick Geduld: wir wollen
uns sogleich deutlicher erklären.
Das geistige Leben eines Volkes tritt an die Offentlichkeit
in Versammlungen, Schriften, Zeitungen, im Bildungswesen,
in der Staatsverwaltung usw. Wir sagten, das öffentliche
Geistesleben in Brasilien wird vom Liberalismus und Romanis—
mus beherrscht. Unter der Bezeichnung Liberalismus fassen
wir den ganzen modernen Unglauben zusammen, mit seinen so
vielfachen Abarten und Verzweigungen, von denen die haupt—
sächlichsten der Materialismus, der Spiritismus und der Posi⸗
tivismus sind.
taterie, die Spiritisten die abgeschiedenen Geister und die
Positivisten das Menschtum. Unter Romanismus verstehen wir
den äußerlichen, toten, heuchlerischen Formendienst, wie ihn die
Papstkirche pflegt. Mit Absicht haben wir den Liberalismus an
erster Stelle genannt, denn die Freigeisterei steht im Vorder—
grund. Die tonangebende deutsche Gesellschaft ist materialistisch
gesinnt, und die das Wort führenden Brasilianer sind Posi—
tibisten und Spiritisten. So wurzelt zum Beispiel die Rio—
7 grandenser Staatsverfassung im Positivismus, einem philoso—
phischen System, das von einem ungläubigen Franzosen auf—
gestellt worden ist. Das niedere Volk aber findet seine geistige
Vefriedigung in dem Formenwesen der katholischen Kirche, die
in jeder Weise der Schaulust und Vergnügungssucht des ner—
vösen Südländers entgegenzukommen sucht. Rauschende Volks—
feste und prunkvolle, theatralische Umzüge müssen die Kirche
dem Volk immer wieder in Erinnerung und nahebringen.
Nun kann man mir einwenden: Liberalismus und Ro⸗
manismus spielen auch anderswo große Rollen, nicht bloß in
Brasilien. Gewiß; aber wohl nirgends drängen sich einem im
öffentlichen Leben diese Richtungen so auf wie in Brasilien.
Es ist in Brasilien nicht leicht, ein lutherischer Christ zu sein.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen wollen wir die kirch—
lichen Verhältnisse Brasiliens mit einigen Blicken streifen.
Die bei weitem größte Kirche in Brasilien ist die katho—
lische. Zu ihr gehören die Latein-Brasilianer, die Italiener,
Franzosen, Portugiesen, Polen, Neger und Indianer, letztere,
soweit sie der Zivilisation zugeführt worden sind. Was die
gebildete brasilianische Welt anlangt, so sagten wir schon, daß
sie zumeist dem Liberalismus huldigt. In diesen Kreisen sieht
man ziemlich verächtlich auf die katholische Religion herab.
Das hindert jedoch nicht, daß man äußerlich den Zusammen—
hang mit der Kirche noch wahrt. Gelegentlich macht man
auch vor dem katholischen Popanz seine Reverenz. So hat
seinerzeit der Bundespräsident den neuernannten Kardinal für
Rio de Janeiro mit Kniefall und Handkuß begrüßt. In Wahl⸗
zeiten wirft man zum Zweck des Stimmenfangs gern den kirch—
lichgesinnten Katholiken etliche Köder hin. Ein solcher Köder
ist das Versprechen, an der gegenwärtigen staatlichen Ehegesetz⸗—
gebung, die zum Teil noch auf papistischem Rechte beruht, fest⸗
zuhalten. Den katholischen kirchlichen Erziehungsanstalten
weiß man unter allerlei Decknamen Unterstützungsgelder zu—
zuschanzen. Das gemeine Volk macht sich im großen und
Man denkt nicht sehr hoch
von den Priestern. Die Altäre sind recht verlassen. Nur an
den zahlreichen Kirchen- und Heiligenfesten herrscht lebhaftes
Treiben in und bei den Kirchen. Derartige Feste ziehen zum
Die Materialisten setzen an Stelle Gottes die
Beispiel in Porto Alegre Volksmengen von 20,000 und mehr
Personen an. Aber wie werden diese Feste gefeiert? Man
schaut wohl auch einmal in die Kirche hinein und holt sich
schnell einen priesterlichen Segen. Im übrigen bringt man
den Tag in den Saufbuden und Vergnügungslokalen zu, die
auf dem Festplatz zahlreich vorhanden sind. Am Abend kommt
dann regelmäßig der Knalleffekt mit Schattenbildern und Feuer—
werk. Um das Volk zum Vorteil der Budenbesitzer recht lange
auf dem Festplatz festzuhalten, wird das Feuerwerk möglichst
nahe an Mitternacht erst abgebrannt. Sehr belustigend wirken
auch die Prozessionen mit den Heiligenbildern während des
Tages. Solch ein katholisches Heiligenfest in Brasilien muß
man miterlebt haben! Bei einem indischen Götzenfest kann
der Trubel nicht größer sein. Die Göttin des wirklich kirch—
lichen Brasilianers ist die Mutter Maria. Was weiß der ge—
meine Mann von Christo? Er kennt ihn höchstens als Aus⸗
stattungsstück für die Mutter Maria, nämlich als das Kindlein,
das der Maria auf dem Arm sitzt und ihren Glorienschein ver—
mehren hilft. Etwas besser mag es um die deutschen Katho⸗
liken stehen. Die wollen wir mit den Latein-⸗Brasilianern nicht
in einen Topf werfen. Seit etwa vierzig Jahren arbeiten unter
den Katholiken Brasiliens nordamerikanische Kirchengemein—
schaften, die Episkopalen, Presbyterianer, Methodisten, Bap⸗
tisten usw. Sie alle haben schöne Erfolge ihrer Missionsarbeit
aufzuweisen. Die großen Kirchen der Episkopalen und Metho⸗
disten in Porto Alegre erfreuen sich zu den Gottesdienstzeiten
immer eines zahlreichen Besuchs. Die Gemeinden sind in
blühendem Zustande.
Wie sieht es nun unter den protestantischen Deutschen in
Brasilien aus?
Bis vor fünfzehn Jahren, also bis wir mit der Mission
in Brasilien begannen, gab es in Rio Grande do Sul, dem
Zentrum der deutschen Ansiedlungen in Südamerika, keine
lutherischen Gemeinden — ich sage lutherischen Gemeinden.
Die lutherische Kirche repräsentierten einige wahre Lutheraner,
die hier und da zerstreut wohnten. So hat einer unserer Missio—
nare sogar einen Kolonisten im Urwald getroffen, der im Besitz
des Konkordienbuches war, es kannte, las und liebte. Aber
mit der Sammlung und Gründung lutherischer Gemeinden
haben wir erst den Anfang machen müssen. Während näm—
lich unter den deutschen Ansiedlern in den Staaten Parana
und Santa Catharina Sendboten des bayrischen „Lutherischen
Gotteskastens“ schon seit mehreren Jahren gewirkt und große
Gemeinden gesammelt hatten, war Rio Grande do Sul mit
seinen mehr als 100,000 protestantischen Deutschen das un—
umstrittene Gebiet der unierten Pastoren von der Riogran—
denser Synode und der sogenannten Pseudopfarrer. Mit
dem Namen „Pseudopfarrer“ bezeichnete man die zahlreich im
Lande vorhandenen unvorgebildeten und nichtordinierten In—
haber von Pfarrämtern, unter denen sich viele ehrbare Hand—
werker, aber auch nicht wenige gescheiterte Existenzen, wie ver—
abschiedete Leutnants, in Deutschland unmöglich gewordene
Grafen und Barone usw., befanden. Diese Pseudopfarrer
übertrafen an Zahl bei weitem die von der preußischen Lan—
deskirche ausgesandten, ordinierten Pastoren. Letztere, etwa
dreißig, hatten sich zu einer uniert-evangelischen Synode, der
Evangelischen Synode von Rio Grande do Sul, zusammen—
geschlossen. Diese war und ist, was die Lehre und das Leben
betrifft, ein verkleinertes getreues Abbild der preußischen Landes—
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