Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 3 › Seite 47

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Februar 1916, Seite 47

41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner72_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

⤓ Download .txt · copy text

S .TutberaneE. 47

L

Fuß gehen Sie nicht!“ legte er meine Ranzen wieder auf eins
seiner müden Tiere, um mich an mein Ziel zu befördern.

Allein, bald brach die Nacht herein, und da die Tiere in
der Gegend fremd und dazu müde und hungrig waren, ich auch

den Weg erst einmal, und zwar teilweise des Nachts, geritten
hatte, so waren wir nach kurzem Ritt vom rechten Weg abgeirrt.

Ich spürte es alsbald. Wir kehrten daher beim ersten Licht,

das uns in die Augen fiel, ein, um uns nach dem Weg zu er⸗
kuᷣundigen. Weil es jedoch schon nach acht Uhr war, es auch
immer kälter wurde, und wir auch kein Verlangen hatten,
weiterzureiten, so baten wir den Wirt sogleich um Nachtquartier,
das uns auch frenndlichst gewährt wurde. Essen wurde uns
nicht angeboten, und danach zu fragen, war mir peinlich, weil'
ich aus Erfahrung weiß, daß die lieben Immigranten oft selbst
nicht genug haben, um ihren Hunger zu stillen. So legten
wir uns denn ohne Nachtessen zur Ruhe und waren innerlich
dankbar, in der kalten Nacht doch wenigstens ein warmes Bett
gefunden zu haben.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen wurde die Reise
fortgesetzt. Als der richtige Weg wieder gefunden war, bat
ich meinen Begleiter, doch seine Rückkehr antreten zu wollen,

da seine Tiere allzu müde wären, und seine Familie um ihn
besorgt sein werde, und ich legte mir die Reitranzen auf die
Schultern, um den Rest des Weges zu Fuß zurückzulegen. Das
mochten immmer noch zwölf Meilen sein, ein Marsch von zirka
drei Stunden. Ein schlechtes Gehen war es auf den schier
bodenlosen, gebirgigen und steinichten Wegen. Wie oft bin
ich gefallen! Es waren auch mehrere Bäche zu passieren. Da
galt es, Schuhe und Strümpfe auszuziehen, die Beinkleider auf⸗
zukrempen und dann durchzuwaten. Nach einem dreistündigen
Marsch war ich am Ziel.

Man hatte mich nicht mehr erwartet, am allerwenigsten
hatte man daran gedacht, daß ich zu Fuß kommen könne, weil
ich nicht zur verabredeten Zeit an der Bahnstation Barro ge—
wesen war. Nicht ahnend, daß ich noch kommen werde, hatten
die nächsten Bewohner sich schon an ihre Tagesarbeit begeben.
Als sie aber gewahr wurden, daß ich da war, waren sie in
kurzer Zeit versammelt, und nachdem ich zuerst einen kleinen
Imbiß genommen hatte, und die weiter entfernt wohnenden
Familien mittlerweile eingetroffen waren, nahm der Gottes⸗
dienst, in dem auch das heilige Abendmahl gefeiert wurde,

1 seinen Anfang. Auch hier hatte man eine ganz ansehnliche
und andächtige Zuhörerschar. Es waren ungefähr zehn Fami—
ö lien, die sich hier zum Gottesdienst einfanden. ·

Gleich nach der Mittagsmahlzeit mußte die Reise fort⸗
gesetzt werden. Ich hatte nämlich für den nächsten Morgen,
den Sonntagmorgen, Gottesdienst bei Marcellino Ramos an⸗
gekündigt und mußte bis zehn Uhr da sein. Es war ein Ritt
von fünf Stunden, der uns bevorstand. Kaum drei Uhr mag
es gewesen sein, als wir reisefertig waren. Ein Gemeindeglied
begleitete mich. Diesmal ging es so recht durch den Urwald.
Unser Weg war ein nur selten berittener Pfad, und fast vier
Stunden lang war kein einziger Bewohner zu sehen, auch nicht
die geringste Lichtung — nur dicker Urwald. In der Abend⸗
dämmerung kamen wir bei einem Gemeindeglied an, wo wir
auch über Nacht blieben, da wir zum Weiterreiten zu müde
waren. Es war eine bitterkalte Nacht. Nie werde ich sie ver—

gessen. Das Gemeindeglied war sehr arm und hatte eigent⸗
lich nur spärliche Bettung für sich und seine Familie. Außer

Reise wiederholt sich ähnliches.

uns nächtigten noch andere Leute da. Wo diese geschlafen,
und wie sie sich vor der Kälte geschützt haben, weiß ich nicht.
Mir und einem alten Herrn wies der Hausvater ein Bett im
Hause an. Nur ein dünner Strohsack war zwischen uns und
der kalten, feuchten Erde. Unsere Decke war wohl auch nur
für Kinder bestimmt — sie reichte knapp bis zu den Knien.
Ich war froh, als die Nacht vorüber war, und ich mich am
Feuer wärmen konnte.

Nachdem zuerst am Feuer, wie üblich, ein Matte (ehimerao)
getrunken, und dann das Frühstück eingenommen war, begab
ich mich mit meinem Begleiter auf die Weiterreise naͤch Mar⸗
cellino Ramos, zu dem Ort, wo ich den Gottesdienst abzuhalten
pflegte. Es war wohl etwa sieben Uhr, als wir aufsaßen, und
nach einem Ritt von anderthalb Stunden waren wir am Ziel
unserer Reise. Noch niemand war zum Gottesdienst erschienen.
Bald jedoch kamen die Kirchgänger, einer nach dem andern,
daher, und um zehn Uhr wurde mit dem Gottesdienst begonnen.
Etwa dreißig erwachsene Personen waren anwesend und hörten
andächtig der Predigt zu. Nach dem Gottesdienst unterhielt
ich mich noch eine Weile mit einzelnen Leuten; dann wurde
schnell gegessen, und nach dem Essen ruderte mich mein Gast⸗
geber über den fast 2000 Fuß breiten Urugnaystrom nach dem
Staat Parana, wo an dem Nachmittag Gottesdienst stattfinden
sollte. Auch hier stellte sich eine schöne Zuhörerzahl ein und
folgte mit sichtlicher Freude den Worten des Pastors.

Matt und müde von des Tages Last und Arbeit, kehrte
ich bald nach Schluß des Gottesdienstes über den Uruguay
zurück in den Staat Rio Grande do Sul und blieb, um Hotel⸗
auslagen zu sparen, bei einem Gemeindegliede über Nacht.
Früh am nächsten Morgen wollte ich mit dem Zuge nach Hause
zurückkehren. Da der bereits um fünf Uhr abfahren sollte, so
war ich am Montagmorgen um vier wieder auf den Beinen,
um die zweieinhalb Meilen zur Station zu gehen. Mein Gast⸗
geber begleitete mich. Als ich die Fahrkarte gelöst hatte und
eingestiegen war, setzte sich der Zug auch schon wieder in Be⸗
wegung. Nachmittags um drei Uhr war ich daheim in Erechim.
Früh legte ich mich schlafen, da ich am Dienstagmittag wieder
am sechs Stunden entfernten Rio do Peixe sein mußte, um
Schule zu halten. —

So, dies wäre eine Schilderung von Erlebnissen auf einer
Missionsreise in der Pionierarbeit in Brasilien. Fast auf jeder
Solche Erfahrungen und Er—
lebnisse wie die oben beschriebenen sind mir etwas Alltägliches,
und man hält sie nicht des Niederschreibens wert. Daher
kommt es auch zum großen Teil, daß unsere Arbeiter dahier
so wenig von ihren Erlebnissen berichten.
beschluß genötigt, habe ich einmal die Feder ergriffen, und sollte
diese Reisebeschreibung etwas zur Hebung des Interesses für
unsere oft so geringgeschätzte und vielfach vergessene Mission
beitragen, so freut sich niemand mehr als ich selbst.

J. Busch.

Rechne du selbst, was Nutzens das liebe Predigtamt und
die liebe Seelsorge schafft, daß dadurch so viele Seelen gelehrt,
bekehrt, getauft und zu Christo gebracht und selig gemacht
werden, daß wohl Daniel sagt, daß die, so andere lehren,
sollen leuchten wie der Himmel, und die, so viele zur Gerechtig—
keit weisen, sollen sein wie die Sterne in Ewigkeit.

(Luther.)

Durch einen Synodal⸗

EE

English translation

Not yet translated.