Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 3 › Seite 51

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Februar 1916, Seite 51

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S Ver DutßeraneS ö 51

Die beste Leichenrede.

Die schönste Leichenrede, die der Schreiber dieser Zeilen je

gehört hat, war nicht lang. Sie war kurz, sehr kurz; sie dauerte

nur wenige Minuten. Sie wurde auch nicht von einem Pastor
am Sarge eines Gemeindegliedes gehalten. Der Leichenredner
oder vielmehr die Leichenrednerin war ein altes Mütterchen, das

neben den irdischen überresten ihres im SErrn entschlafenen

er seines schweren und herrlichen Amtes gewartet.

Seelsorgers stand. Nur wenige Zuhörer haben die Leichenrede
gehört, aber sie werden sie nie vergessen; sie war köstlich.

Der alte Seelsorger war gestorben. Viele Jahre lang, oft
geplagt von schmerzlicher Krankheit, bald fröhlich über die Frucht
seiner Arbeit, bald trauernd über die Ausbrüche des alten Adams
bei gar manchen, die unter seiner geistlichen Pflege standen, hatte
Aber zuletzt
war er schwach geworden, so schwach, daß er sein Amt niederlegen
und von seiner geliebten Gemeinde scheiden mußte. Noch immer

war sein Geist frisch und fröhlich in dem HErrn, aber der alters⸗

daß sein Stündlein herannahte, und er fürchtete sich nicht.

bald heimgehen.“

bis zum großen Tage der seligen Auferstehung.

schwache, müde Leib konnte nicht mehr dienen. Und dann war

der alte Pastor hinweggereist, weit, weit in die Ferne zu einem

seiner Kinder. Dort wollte er seine letzten Tage in Frieden und
Ruhe beschließen. Am neuen Orte angekommen, fühlte er sich
zuerst wieder besser; neue Hoffnung erfüllte ihn und seine Kinder;
aber bald fing die Lebenskraft wieder an zu sinken. Er wußte,
Was
er gepredigt hatte, das Evangelium vom lieben Heilande, das
glaubte er von ganzem Herzen. Oft seufzte er: „Ich will nun
Von seinem bevorstehenden Tode redete er wie
von einem Freudentage. Er sprach auch den Wunsch aus, man
möge seinen Leichnam, wenn die Engel die Seele in Abrahams
Schoß getragen hätten, nach seiner alten Gemeinde zurückbringen;
dort, inmitten der vielen Entschlafenen, die er zur letzten Ruhe
geleitet hatte, wollte er schlummern und ruhen von seiner Arbeit
Ein Anitsbruder
betete an seinem Bette: „Das Blut JEsu Christi, des Sohnes
Gottes, macht uns rein von aller Sünde.“ „Ja“, fügte der gute
alte Pastor hinzu, „von aller Sünde!“ Bald darauf war er
eingeschlafen. Die Tage seiner Kämpfe und Arbeiten waren zu
Ende. Der HErr JeEsus hatte zu seinem frommen und getreuen
Knechte gesagt: „Gehe ein zu deines HErrn Freude!“ —

Es war ein kalter, trüber Wintertag. Grau und schwer
hingen die Wolken in der Luft. In der Gegend, wo die Land—

gemeinde des heimgegangenen alten Pastors lag, hatte ein Tau⸗

wetter die Landstraßen aufgeweicht, und dann war große Kälte

eeingetreten, so daß die Wege fast unpassierbar waren.

*

Es war
daher nicht möglich, die an der Eisenbahnstation eingetroffene
Leiche des entschlafenen Seelsorgers mit einem Ehrengeleite nach
der Kirche überzuführen. Nur der Leichenwagen, mit starken
Pferden bespannt, bewegte sich langsam, Schritt für Schritt, die
Strecke von zwölf Meilen über die hartgefrorenen, rauhen Wege
dahin. Schweigend, fast in feierlicher Stille, lag die Landschaft
da; der Himmel war in Wolken gehüllt, weit und breit ließ kein
anderes Fuhrwerk sich sehen; das einzige Lebenszeichen, das sich
bemerkbar machte, war der Rauch, der aus den Schornsteinen der
zerstreuten Farmhäuser träg in die Luft emporkräuselte. Es
war, als ob das ganze Gebiet der Gemeinde und selbst die leb—
lose Natur trauerte über den Abschied des Dieners Christi, durch
den der HErr JEsus hier so viel geistliche Freude und geistliches
Leben geschenkt hatte, und dessen im Sarge ruhender Leib nun
dort in jenem schwarzen Wagen durch die schwermütige Einsam—
keit seines früheren Wirkungskreises getragen wurde. Und
manches tränenfeuchte Menschenauge blickte nachdenklich und
lange dem Fuhrwerk, das die teure Hülle barg, nach, bis es sich
in der Ferne verlor. Ja, das waren die Wege, auf denen dieser

Bote des Friedens unermüdlich hin und her gefahren war, um
seines Amtes zu warten, Kranke zu besuchen, Unglückliche und
Traurige zu trösten, Nachlässige zu ermuntern, Sünder zu strafen
und zu warnen und denen, die am Ende ihrer Erdenreise ange—
kommen waren, den Stab des Evangeliums in die Hand zu
drücken, so daß sie ohne Zagen und fröhlich durch das finstere
Tal hindurchwandelten. O wie treu hatte er sein Hirtenamt ver⸗
waltet! Und jetzt war sein Mund verstummt; auf denselbem
Straßen, über die einst sein überall bekanntes Rößlein ihn dahin⸗
gezogen, wurde nun fein Leichnam nach dem Gotteshause, wo er
das Wort vom Kreuz verkündigt hatte, gebracht.

Spät am Nachmittag traf endlich der Leichenwagen mit der
teuren Last bei der Kirche ein. Die Pferde machten halt. Da
drüben lag das Pfarrhaus. Und da war es still. Der Nach⸗
folger des heimgegangenen Seelsorgers war noch nicht eingezogen.
Das trauliche Haus mit den hohen Schattenbäumen vor dem
Eingang sah aus, als ob auch ihm das Herz schwer geworden
wäre; die Fensterläden waren geschlossen; Hof und Garten lagen
im Winterschlafe; ringsumher war alles leer und öde; kein
Leben zeigte sich. Nicht immer war es dort drüben so still und
einsam gewesen. Hinter jenen beiden Fenstern befand sich die
Studierstube des entschlafenen Dieners Christi. Da hatte er oft

gesessen und aus der Quelle des göttlichen Wortes das Wasser

geschöpft, mit dem er seine Gemeindeglieder stärkte und erquickte.
Und dort in den andern Zimmern hatte seine treue Lebensge—
fährtin mit emsigen Händen geschaltet und gewaltet; sie hatte
Freud' und Leid redlich mit ihm geteilt und durch ihre köstliche,
immer heitere, fröhliche Gemütsart ihm Rosen auf seinen zuweilen
beschwerlichen Erdenpfad gestreut. Und Kinder waren da gewesen,
eine große Familie. Munteres Leben hatte im Pfarrhause ge—
herrscht; man hatte hier gelacht und zuzeiten auch bitterlich ge—⸗
weint, so wie in allen Christenfamilien auf Erden. Aber jetzt
war es still im Pfarrhaus, totenstill. Längst schon war die Frau
Pastor aus den Freuden und Leiden dieses Lebens hinaufgeholt
worden zu ihrem Heiland in die himmlische Vaterstadt, und die
Familie war dem Sarge schwergebeugt auf den nahen Friedhof
gofolgt, um ihren Leichnam in die letzte irdische Ruhestätte zu
betten. Die Kinder waren herangewachsen, und ihr Beruf hatte
sie, das eine hierhin, das andere dorthin, geführt in die Ferne,
aus der sie nun eins nach dem andern zurückkehrten, um noch einen
Blick auf die Züge ihres geliebten Vaters zu werfen.

Einige Vorsteher und Gemeindeglieder aus der Nachbarschaft
hatten sich eingestellt, um den Sarg in die Kirche zu tragen. Dort
sollten die irdischen überreste des Paskors aufgebahrt werden, bis
sie am nächsten Tage feierlich zur Erde bestattet werden konnten.
Vor dem Altar und der Kanzel stellte der Leichenbestatter den
Sarg zurecht, und dann öffnete er ihn. — Da lag der ergraute
Seelsorger; Ruhe und Friede malten sich auf den bleichen Zügen;
es schien, als ob er nur sanft schlummere. Schweigend standen
die Anwesenden dabei. Von dieser Kanzel herab hatte er ge⸗
predigt, kernig, kraftvoll, herzlich und tröstlich; das Evangelium
von der freien Gnade Gottes in Christo IEsu hatte er verkündigt
in seiner ganzen vollen Süßigkeit, so daß die Herzen der Kinder
Gottes aufjubelten in geistlicher Freude. An diesem Altar hatte
er Rindlein getauft und das heilige Abendmahl ausgeteilt, gar
manche Kinderschar konfirmiert, den Ehebund vieler Brautleute
mit Gottes Wort und Gebet gesegnet, und hier hatte er geredet
bei Leichenbegängnissen, während die irdische Hülle heimgegange—
ner Christen da stand, wo jetzt sein Sarg einen zeitweiligen Platz
gefunden hatte. In jener Sakristei lagen noch viele seider Pre—
digtmanuskripte, die er mit großem Fleiße aufgezeichnet hatte.
Und nun war diese seine gesegnete Wirksamkeit auf Erden zu
Ende gekommen. Wir wußten ja, daß der HErr den frommen
und getreuen Knecht hatte eingehen heißen zur Wonne des himm⸗

*

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