Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 3 › Seite 44
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Februar 1916, Seite 44
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44 8S Ver „Tutheranete
Vom Chiliasmus.
II.
Das 20. Kapitel der Offenbarung St. Johannis ist be⸗
kanntlich diejenige Stelle der Schrift, worauf man die Lehre
von einem tausendjährigen Reich gegründet hat, weil dort ge⸗
sagt ist, daß die Heiligen mit Christo lebten und regierten
„tausend Jahre“. Über die Erklärung der „tausend Jahre“
ist schon viel geredet worden. Man würde wohl niemanden
von vornherein als einen Irrlehrer verurteilen, der die tau⸗
send Jahre buchstäblich faßt, solange er damit nicht eine Lehre
verbindet, die der ganzen Schrift fremd ist. Es fragt sich nur,
ob seine Auffassung die richtige ist. Wir wollen uns nun
diese Frage ganz nüchtern ansehen und das rechte Verständnis
dieser Stelle suchen.
Wenn man ein rein historisches Buch vor sich hat
mit Zahlen und Daten wie zum Beispiel das erste Buch Mosis
und da liest von Adam, „daß sein ganzes Alter ward 930 Jahre,
und starb“, oder von Jakob, da er zu Pharao sprach: „Die
Zeit meiner Wallfahrt ist 130 Jahre“, oder im Buch der
Könige, wo von David erzählt wird: „Sieben Jahre war er
König zu Hebron und dreiunddreißig Jahre zu Jerusalem“,
so wird kein vernünftiger Mensch anders denken, als daß diesé
Zahlen buchstäblich zu fassen sind. Wenn man dagegen ein
prophetisches Buch vor sich hat, so begegnet man da sehr
häufig Zahlenangaben, die nicht buchstäblich gefaßt werden, ja,
wo eine buchstäbliche Fassung den ganzen Sinn zerstören würden
So lesen wir zum Beispiel Dan. 9, 25: „Von der Zeit an, so
ausgehet der Befehl, daß Jerusalem soll wiederum gebauet
werden, bis auf Christum, den Fürsten, sind sieben Wochen und
zweiundsechzig Wochen.“ Mit einer buchstäblichen Auffassung
dieser Zeitangabe würde man längst nicht bis auf Christum
kommen und würde also den eigentlichen Sinn des Propheten
verfehlen. Das ist eine aus vielen Stellen. in den Weis⸗
sagungen, die Zahlenangaben enthalten, welche nicht im buch—
stäblichen, sondern in einem bildlichen Sinn zu verstehen sind.
Nun ist aber die Offenbarung St. Johannis ein prophetisches
Buch, und was dem Leser sofort auffällt, ist die bilderreiche
Sprache, in der das ganze Buch geschrieben ist. Es findet sich
auch eine ganze Reihe von bildlichen Ausdrücken gerade im
20. Kapitel, wo von den „tausend Jahren“ geredet wird. Ein
Engel fährt vom Himmel mit einem Schlüssel. War das ein
wirklicher Schlüssel aus Eisen oder Messing? Er hatte eine
große Kette. War das eine Kette, wie man sie im Zuchthaus
sieht, mit mächtigen eisernen Gliedern? Doch wohl nicht; denn
der Drache, der damit gebunden wurde, ist der Teufel, und
der ist ein Geist, den man nicht mit einer Kette aus Gußstahl
binden kann. Und der „Abgrund“ ist die Hölle, die so wenig
mit einem Schlüssel aus Eisen geschlossen werden kann, wie der
Himmel durch einen Schlüssel aus Eisen oder Gold geöffnet
wird im Amt der Schlüssel. Jedermann sieht, und niemand
hat es je geleugnet, daß diese zwei Ausdrücke, Schlüssel, Kette,
bildlich zu fassen sind. Gleich dabei steht nun: „und band
ihn tausend Jahre“. Offenbar kann man nicht diesen einen
Ausdruck, „tausend Jahre“, herausheben und behaupten, diese
Worte von den tausend Jahren dürfe man nicht bildlich
fassen (wie Kette, Schlüssel), sondern die müßten in ihrem
eigentlichen, buchstäblichen Verstand genommen werden, als
tausend Jahre' von je dreihundertfünfundsechzig Tagen. Auf
dieser Meinung aber bestehen die Chiliasten.
Was hat man nun mit dieser Ansicht erreicht? Ist man
zu irgendwelcher Klarheit gekommen, wo diese tausend Jahre
in der Weltgeschichte einzufügen sind, wo sie anfangen und
aufhören? Auf diese Frage sollte man doch eine bestimmte
Antwort erwarten dürfen; aber statt dessen finden wir ein
wahres Dickicht von Meinungsverschiedenheiten. Etliche gaben
vor, die tausend Jahre hätten angefangen mit der Auferstehung
Christi und seien also mit dem Jahre 1034 zu Ende gekommen.
Wenn nun auch der Anfang richtig wäre, warum will man
diese gnadenreiche Zeit mit dem Jahre 1034 schließen lassen?
Hat denn Christus im Jahre 1034 aufgehört zu regieren?
Was soll man dann machen mit dem fast fünfhundert Jahre
später eintretenden Reformationszeitalter, in dem das Licht
des reinen Evangeliums heller aufging als in all den tausend
Jahren vor der Reformation? Das paßt also nicht. — Andere
meinten daher, die tausend Jahre hätten angefangen mit Kaiser
Konstantin dem Großen und wären also mit dem Jahre 1316
zum Abschluß gekonmien. Noch andere verfielen merkwürdiger—
weise auf das Jahr 720 als Anfang der tausend Jahre, so daß
die gnadenvolle Zeit mit dem Jahre 1720 abgelaufen wäre.
Demzufolge hätten wir dann das Millennium mit all seiner
Herrlichkeit gänzlich verfehlt. Auch diese Meinung wurde aus—
gesprochen, daß die tausend Jahre mit der Reformation Luthers
angefangen hätten, so daß wir also jetzt in denselben lebten.
Ein echter Chiliast aber würde das nicht zugeben; denn Chri—
stus sei ja noch nicht erschienen, und auch die Heiligen seien
noch nicht auferstanden, uni mit ihm zu herrschen. Die allge—
meine Ansicht unter Chiliasten ist jetzt die, daß die tausend
Jahre überhaupt noch nicht begonnen haben und erst dann an⸗
fangen würden, wenn Christus sichtbar erschienen und ein sicht⸗
bares herrliches Reich auf Erden begründet hätte, wo dann
allenthalben Ruhe, Glück und Friede auf Erden sein werde.
Allein, diese Ansicht widerspricht allem, was die Heilige Schrift
sagt von der bösen Zeit vor dem Ende dieser Welt. Nach der
Lehre der Chiliasten ginge dem Jüngsten Tage nicht eine Zeit
großer, ja größter Trübsal voraus, wie die Bibel lehrt, son⸗—
dern tausend Jahre großer Macht und Herrlichkeit für die
Christen.
Anstatt nun in diese Worte „tausend Jahre“ einen Sinn
zu legen, der mit der Heiligen Schrift nicht stimmt, erkennen
wir in ihnen vielmehr die Bezeichnung eines längeren
Zeitraumes, der zwar in Gottes Rat genau bestimmt ist,
dessen Dauer uns aber nicht genau nach Jahren geoffenbart ist.
Die Propheten des Alten Bundes weissagten einstimmig von
einer gar seligen Zeit, die mit dem Kommen des verheißenen
Messias eintreten werde. Von einem bloß tausend Jahre wäh—
renden Regieren Christi mit und unter seinen Gläubigen steht
in den Propheten kein Wort, aber sie alle zeugen vom Reich
des Gesalbten. Dieses Reich beschreiben sie als ein solches, in
dem sich der HErr der Armen und Elenden erbarmen wird,
ihre Sünde zu tilgen, ihnen Gerechtigkeit zu schenken, seinen
Geist zu geben, Frieden zu bringen, Trost zu spenden allen
Traurigen und sie endlich zu erlösen von allem übel. Das
ist die Zeit des Neuen Testaments, in der wir
jetzt leben.
Als JeEsus sein öffentliches Lehramt antrat, sprach er:
„Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeikommen.
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