Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 3 › Seite 49

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 1. Februar 1916, Seite 49

41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52

Scan: from a 2009 DVD; the same scans are on the Internet Archive as DerLutheraner72_partial. Selected pages only: not every page of this year is held.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Kirchengemeinſchaften. 4„99

⤓ Download .txt · copy text

49

glieder ausüben könne. In unsern Gottesdiensten hat der Geist⸗
liche allein das Wort. Der Besucher der Kirche muß alles über
sich ergehen lassen, was der Prediger von der Kanzel herab über
seine Zuhörer ausschüttet. Niemand kann widersprechen. Fühlt
sich der Predigende in seinem Gewissen nicht gebunden an ein an⸗

erkanntes und der Gemeinde bekanntes Bekenntnis und vor allem

an die Pflicht gebunden, nicht seine eigenen Einfälle, sondern
Gottes Wort zu berkündigen, so müssen die Hörer auch stets ge⸗
duldig hinnehmen, was in einer Christengemeinde, nicht unwider⸗
sprochen bleiben dürfte.“ Unsere lutherische Kirche spricht sich
darüber aus in der Vorrede zum Konkordienbuche. Sie sagt, die
Verpflichtung auf das Bekenntnis sei auch deswegen so nötig, damit
„den unruhigen, zankgierigen Leuten, so an keine gewisse Form
der reinen Lehre gebunden sein wollen, nicht alles frei und offen
stehe, ihres Gefallens ärgerliche Disputation zu erwecken und un⸗
gereimte Irrtume einzuführen und zu verfechten, daraus nichts
anderes erfolgen kann, denn daß endlich die rechte Lehre gar ver—
dunkelt und verloren, und auf die nachkommende Welt anders
nichts denn ungewisse opiniones und zweifelhaftige, disputierliche
Wahn und Meinungen gebracht werden“. Selbstverständlich setzt
das voraus, daß einer, der sich auf das Bekenntnis verpflichten
läßt, das Bekenntnis kennt und, wie unsere Kirche ebenda sagt,
„unsers christlichen Bekenntnisses und Glaubens aus göttlicher,
prophetischer und apostolischer Schrift gewiß und dessen durch die
Gnade des Heiligen Geistes im Herzen und christlichen Gewissen
genugsam versichert“ sei. Wer das lutherische Bekenntnis nicht,
nachdem er es an der Schrift, die schließlich allein Artikel des
Glaubens setzt, geprüft hat, als Wahrheit anerkennt und daran
nicht gebunden sein will, der muß eben in der lutherischen Kirche
kein Lehramt suchen. — Daß das auch sehr vernünftig ist, führt
der bekannte Herausgeber der Symbolischen Bücher der luthe⸗
rischen Kirche, IJ. T. Müller, so aus: „Der Staat verpflichtet
seine Diener auch, ihre Amter nicht nach ihrem Gutdünken, son⸗
dern nach der ihnen erteilten Vorschrift zu verwalten. Wenn sie
es nicht tun, ihren Eid brechen, den Staat betrügen, so nimmt er
ihnen das anvertraute Amt wieder, und niemand findet das auf—
fallend. Nur die Kirche soll jedem ihrer Diener Freiheit lassen,
ihren Grundsätzen zuwider zu lehren und zu handeln, und doch
den untreuen Haushalter in Amt und Würden erhalten, ja, ihm
fort und fort gestatten, die Waffen, welche sie ihm zu ihrem Schutz
und ihrer Verteidigung gegeben hat, wider sie selbst zu wenden.
Und doch gilt es der Kirche noch ein weit Höheres als dem Staate;
es gilt ihr das Seelenheil ihrer Angehörigen, und sie hat davon,
wie sie dasselbe besorgt oder versäumt hat, auch dereinst Rechen—
schaft abzulegen.“ Die da über Gewissenszwang und Symbol⸗
zwang usw. lamentieren, das werden gerade sein die „unruhigen,
zankgierigen Leute, so an keine gewisse Form der reinen Lehre
gebunden sein wollen“. Gerade vor denen soll die christliche Ge—
mieinde durch Auflegung des Bekenntnisses geschützt werden, daß
denen „nicht alles frei und offen stehe“. E. P.
Man liest zuweilen, daß aus der Statistik Vergleichungen
angestellt werden zwischen den Geldsummen, die für Luxus, und
solchen, die etwa für Mission ausgegeben werden. Dahin gehört
zum Beispiel folgende Nachricht: „Die Amerikaner gaben im
Jahre 1915 8160,000,000 für Sodawasser und ähnliche Ge—
tränke aus, für Zuckerwerk §150,000,000, für Wandelbilder—
Ausstellungen §180,000,000; dagegen betrugen die Einnahmen
der protestantischen Missionsgesellschaften in dem gleichen Zeit—
raum nur §520,000,000. So gering nun diese Missionsgaben im
Vergleich mit den genannten andern auch sein mögen, so zeigen
sie doch ein erfreuliches Wachstum gegen die Missionsgaben der
protestantischen Amerikaner vor zwanzig Jahren, da sie damals
nur §84,924,778 betrugen. Im Jahre 1905 beliefen sie sich auf

56,642,890 und 1910 auf 510,196,127. Mehr und mehr schei⸗
nen sich die protestantischen Christen ihrer Pflicht der Heidenwelt
gegenüber bewußt zu werden; aber die obengenannten Zahlen
beweisen doch, wieviel mehr noch geschehen muß und kann, um dem
Missionsbefehl unsers Heilandes ganz gerecht zu werden.“
Solche Verglaiche sind nicht gerecht. Denn ein Volk und die
Christen in einem Volk sind nicht dieselben Leute. Man wird
doch von den Unchristen, die im Volk doch in der Mehrzahl sind,
keine großen Geldopfer für Sachen des Reiches Gottes erwarten.
Und eine Statistik über die Christen allein wird es bei den andern
Ausgaben wohl nicht geben. Es ist ja auch nicht jede Ausgabe,
die nicht unbedingt zum baren Leben nötig ist, gleich Sünde.
Unser Gott gönnt seinen Kindern auf Erden nicht bloß Brot und
Wasser, daß sie zur Not davon am Leben bleiben. Er hat alle die
andern Dinge, die eines Menschen Herz erfreuen können, doch
nicht bloß für die Gottlosen geschaffen. Dabei bleibt das wahr,

daß die Christen erkennen sollen, daß sie noch viel zu viel sich

selbst leben und nicht dem, der für sie gestorben und auferstanden
ist; daß sie noch viel zu sehr das Ihre suchen, nicht das Christi
JIEsu ist. Ein Christ soll sich als Haushalter in den irdischen
Gütern so halten, daß, wenn von ihm gefordert wird, daß er
Rechnung tun soll von seinem Haushalten, diese Rechnung nicht
das Bekenntnis seines Mundes Lügen straft, daß er dann nicht zu
erröten braucht bei dem Gedanken, was er auf Erden alles für
schöne Sachen gesungen hat von dem Wort, das „ist, was mein
Herz erfreut“, und von dem „IEsus, IEsus, nichts als JEsus“.
ö E. P.

Hat der Russellismus abgewirtschaftet? In mehreren Blät⸗
tern finden wir diese Nachricht: Es sind Anzeichen dafür vor⸗
handen, daß die Bloßstellungen „Pastor“ Russells und seiner
Methoden und Lehren den gewünschten Erfolg haben. In einer
neulich erschienenen Nummer seines Paten Tower tut er seinen
treuen Anhängern kund, daß er seine Ausgaben werde einschränken
müssen. Er sagt: „Wir sind an den Grenzen unserer Leistungs⸗
fähigkeit angekommen. Wir müssen den Schluß ziehen, daß es
des HErrn Wille ist, daß wir unsere Wirksamkeit sehr beschränken,
um die Ausgaben etwas ins gehörige Verhältnis zu den Ein—
nahmen zu bringen.“ Dann wieder: „Siebzig unserer werten
Gehilfen im Hauptquartier der Gesellschaft sind genötigt worden,
ihre Stellen aufzugeben und sich sonstwo nützliche Beschäftigung
zu suchen.“ Er kündigt auch an, daß die Freilieferungen, die im
letzten Jahre die enorine Zahl von 64,000,000 Exemplaren er—
reichten, auch gehörig verringert werden müßten. Kurz, Ein-⸗
schränkung wird es gelten auf der ganzen Linie einschließlich einer
Reduzierung der Bewilligungen für die Bethel-Familie und Be—
schneidung der Ausgaben für Nahrungsmittel. — Wenn Russell
aus dem Geschäft gehen würde, so wäre das kein Verlust für das
Reich Gottes. Er ist ein falscher Prophet von der schlimmsten
Sorte und wird von allen Kirchengemeinschaften dafür gehalten.
Von den christlichen Lehren läßt er sehr wenige stehen, und was
er statt dessen durch Wort und Schrift so eifrig verbreitet, ist eben
nicht christliche Lehre. So hat er ja vor wohl zwei Jahren durch
seine Bible Students beschließen lassen, daß es keine Hölle und
ewige Strafe mehr geben soll. Aber gerade die Leute, für welche
das ein willkommener Trost wäre, werden darüber nicht hinaus⸗
kommen, daß sie denken: Es ist zu gut, um wahr zu sein. Ein
gutes Gewissen bekommen sie doch nicht dabei. Das Gewissen
schweigt nicht. Gelebt haben sie ja doch, als ob es keine Rechen—
schaft und Strafe gäbe, und wollen es auch in Zukunft tun. Sie
tun das gegen ihr Gewissen, wollen es darauf ankommen lassen.
Und weiter, nämlich zum ruhigen Gewissen in der Sache, kann
Russell sie auch nicht bringen. Warum also den Mann für seine
ihnen nichts nützende Bemühung bezahlen? E. P.

*

English translation

Not yet translated.