Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 5 › Seite 82
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. Februar 1916, Seite 82
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Die Gefahr des Lichtbildertheaters.
I
Daß unter den Stätten, an denen die Welt der Augenlust,
der Fleischeslust und dem hoffärtigen Leben frönt, das Theater
mit an erster Stelle steht, ist im „Lutheraner“ schon oft gesagt
worden. Es kann auch nicht zu oft gesagt werden; denn nicht
besser, sondern schlechter ist es mit dem Theater geworden, seit
unsere Kirche zuerst ihr Zeugnis dagegen erhob. Zwischen der
großen Oper und dem niedrigsten burlesque show ist nach dieser
Hinsicht nur ein Unterschied, daß nämlich in letzterem die
Polizei einschreitet und die Aufführung untersagt, wenn ein
gewisses Maß überschritten ist. Gewiß ist das heutige Theater
eine jener Gelegenheiten und Vorschulen zur Unzucht, die ein
Christ meiden wird, wenn er das Heil seiner Seele mit Furcht
und Zittern sucht und auch andern nicht eine Ursache werden
will, daß sie verloren gehen. ö
Während nun über die Verderblichkeit des modernen Thea—
ters unter uns keinerlei Unsicherheit herrscht, ist man hie und
da bisher geteilter Meinung gewesen über die Gefahr des Licht⸗
bildertheaters. Woher kam das? Das erklärt sich aus der
Entwicklung, die das Lichtbild, moving picture, durch⸗
gemacht hat. Sowenig eine Stimme, die aus dem Phonogra⸗
phen schallt, an und für sich eine schädliche Wirkung ausübt, so
wenig ist das Anschauen einer Handlung im Wandelbild an und
für sich sündlich. Es kommt beim Phonographen darauf an,
was hineingeredet worden ist, und beim Lichtbild, was für Auf⸗
nahmen darin vorgeführt werden. Und die ersten Aufnahmen,
das muß man sagen, waren ganz unanstößiger Art. Es wur⸗
den da, bald nach Erfindung des Lichtbildes, etwa Ansichten
von der Pariser Weltausstellung vorgezeigt; man sah die
Menge auf der Ausstellung, reitende Kosaken in der Renn⸗
bahn usw. Wer würde darin etwas Sündliches erblicken?
Was aber schon die Arkaden mit Vitaskop⸗ (Kinetoskop⸗ Bio⸗
graph⸗, mutoscope- nannte man sie auch) Vorstellungen an⸗
rüchig gemacht hatte, daß nämlich unanständige Episoden darin
vorgeführt wurden, das wurde bald in den auf eine weiße
Wand geworfenen Lichtbildern, also im moving picture im
heutigen Sinne, eine immer häufiger wiederkehrende Er—
scheinung. Während früher den vorgeführten Ansichten aus
der Natur oder aus dem täglichen Leben nur als besondere
Würze eine kurze Posse (farce) beigegeben wurde, die aller⸗
dings meistens schon zweideutigen Charakters war, ist jetzt das
Photodrama (photoplay) zur Herrschaft gekommen. So
rasch hat sich das Wandelbild entwickelt, so ganz anders als
in seinen früheren Jahren steht es jetzt vor uns da, daß man
sich wohl erklären kann, weshalb auch gewissenhafte Christen
noch nicht recht im klaren sind mit der Sache und nicht wissen,
gob es sich hier um eine Gefahr handelt — eine Gefahr für die
Seele, für das geistliche Leben — oder nicht. Weil das Licht⸗
bild an sich zu den Mitteldingen gerechnet werden muß, auch
in der ersten Zeit seiner Entwicklung wirklich noch harmlos
genug war, fragt man billig: Wie soll sich heute ein Christ
zum Lichtbildertheater stellen? Soll er es als Gelegenheit zu
einem unschuldigen Vergnügen ansehen oder es als eine Ge⸗
legenheit zur Sünde meiden?
An und für sich, das halten wir fest, ist eine Vorstellung
sich bewegender Bilder so wenig sündlich als die Ausstellung
von Bildern, die sich nicht bewegen. Es kommt auf den dar⸗
gestellten Gegenstand an. Werden im lebenden Bilde étwa
Szenen aus dem Volksleben vorgeführt, Umzüge, Versamm⸗
lungen, Einweihungen, so ist das selbstverständlich so wenig
sündlich, als es wäre, diese Vorgänge im Leben zu betrachten.
Niemand wird es daher auch für ein Unrecht ansehen, einer
Vorführung von Aufnahmen aus der Natur, etwa Aufnahmen
eines Reisenden, der die Bilder durch mündlichen Vortrag er⸗
läutert, beizuwohnen. Es gibt herrliche Wandelbilder, die das
Leben zur See und in den Hafenstädten, das Getriebe in den
Großstädten, Ansichten aus Fabriken und großen Kaufläden,
aus Kohlenminen, Silberbergwerken, Spinnereien, aus zoolo⸗
gischen Gärten, etwa auch aus der Tierwelt Afrikas und In⸗
diens, die der Photograph mit seinem wunderbaren Apparat
beschlichen hat, sogar Szenen aus der Gegend des Nord⸗ und
Südpols, dem Beschauer mit einer Deutlichkeit vor Augen
führen, die ihn fast das Vorgezeigte selber schauen und erleben
läßt. Wie lehrreich sind doch solche Vorführungen, wie bildend
auch für Herz und Gemüt, besonders die Abbildungen des
Lebens in fremden Ländern, die für die meisten von uns un⸗
erreichbar sind. Wir wüßten nicht, wie Bilder dieser Art, wenn
nicht ungeziemendes Beiwerk solche Vorstellungen begleitet, zu
den sündlichen Vergnügungen gezählt werden können.
Aber wie viele solche belehrende, erzieherische „HlIms“ wer⸗
den in unsern Tagen noch vorgezeigt? Entweder sind es Auf⸗
nahmen eines professionellen Vortraghalters — und dann ist
der Eintrittspreis gewöhnlich so hoch gesetzt, daß die meisten
unserer Gemeindeglieder die Kosten für sich und Familie kaum
oder nur gelegentlich erschwingen können —, oder es sind
diese besseren, harmlosen Films Ansichten von current events,
die aber weitaus meistens nicht selbständig, sondern nur als
Zwischenstück in den Vorführungen eines Photodramas vor—
gezeigt werden. Da ist denn oft ein Zehntel der Vorstellung
harmlos und neun Zehntel von fraglichem Wert. Davon, daß
man ein *movie“-Theater besuchen kann lediglich zu dem Zwecke,
Geist und Gemüt Bildendes aus Natur⸗ und Zeitgeschichte oder
harmlos Unterhaltendes zu sehen, kann gar keine Rede mehr
sein. Vor uns liegt eine Liste der Films, die im Staate Kan⸗
sas von April bis Oktober 1915 gezeigt wurden. Für diesen
Zeitraum sind da über 2200 verschiedene Films, die je einen
bis sieben reels enthielten, eingetragen. Von diesen sind etwa
100 Films sogenannte „weeklies“, die also das Neueste aus
der Tagesgeschichte vorführen. Nach reels (Rollen) gerechnet,
waren es etwa 130, die Tagesereignisse, und sechstausen dz
die sogenannte Photodramen vor Augen führten. Die Durch-
schnittslänge eines reel ist 1200 Fuß; also entfielen auf Tages⸗
geschichte 150,000, dagegen auf das Photodrama 7,142,400
Fuß Film!
schaften von Filmproduzenten operieren, und das Verhältnis
von „weeklies“ zu Photodramen für die verschiedenen Staaten
nur um ein geringes variieren wird, so ist ganz klar, daß unser
Urteil über die Schädlichkeit und Unschädlichkeit des Lichtbilder⸗
theaters von dem Charakter des Photodramas, welches etwa
97 Prozent aller Films umfaßt, abhängen muß.
Hören wir nun zuerst das Zeugnis eines der größten Film⸗
produzenten im Lande, Karl Lämmle, Präsident der Universal
Film Co. Er schreibt im Notion Picture Nehy vom 20. No⸗
vember 1915: „Vor einigen Wochen fragte ich bei den Eigen⸗
tümern von Filmtheatern in Amerika an, sie möchten mir an⸗
geben, welche Art Films sie vorzögen, solche, die anständige,‚
Da in allen Staaten des Landes dieselben Gesell⸗
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