Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 5 › Seite 92
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. Februar 1916, Seite 92
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ließ sich auf den Stuhl fallen. Und Trina schlug die Hände vors
Gesicht, während Anna still in der Ecke saß und weinte. Adolf
sah den feinen Bruder mit großen, entsetzten Augen an. „Trina,
das sind die bösen Früchte, die jetzt kommen“, fing der Vater an.
„So wird's nun weitergehen von einer Stufe zur andern, immer
weiter herunter. Aber der HErrgott weiß, daß wir das nicht gesät
haben. Das Unkraut war zu mächtig. Dagegen half keine Men⸗
schenmacht.“ Da zog Trina die Schürze vom Gesicht und sah
ihren Altesten an. „Wilhelm, kannst du das vor deinem HErrgott
verantworten, daß du deinen Eltern solche Schande machst? Was
soll denn nur aus dir werden, Junge? Du endest ja im Zucht⸗
haus, wenn du deinen Lebenswandel nicht änderst und dich zu
Gott bekehrst.“
Wilhelm hatte schon die Hand auf den Türdrücker gelegt, um
diesem für ihn sehr unangenehmen Auftritt ein Ende zu machen.
Da kehrte er sich noch einmal um, und es klang scharf in die
kleine Stube hinein. „Laß doch das alberne Reden von Gott und
Verantwortung, Mutter! Das glaubt ja doch keiner. Was uns
gefällt, das tun wir, und was uns Spaß macht, ist erlaubt. Man
muß sich bloß nicht fassen lassen. Das ist die Hauptsache.“ Das
war dem Vater zu viel. Seinen Gott ließ er nicht beleidigen.
Das war noch nicht vorgekommen in seiner Kate; das hatten die
Eichenbalken noch nicht gehört, so alt sie auch schon waren.
Drohend streckte er die Hand aus nach der Tür. „Hinaus mit
dir! Geh deinen Weg allein. Unsere Geduld ist zu Ende. Mag
unser HErrgott dich herumkriegen, wenn er's kann. Wir können's
nicht.“ Und der Bursche kehrte sich um, ohne noch einen Blick
zurückzuwerfen, und ging aus der Kate hinaus, schritt durch den
Eichenwald auf die Dorfstraße zu, den Weg nach der Station
hin, verloren für Heimat und Vaterhaus.
Und drinnen blieben die andern zurück. Der Sonntag war
ihnen nun verdorben, und die Sonne schien für sie umsonst so
warm vom Himmel. Am Nachmittag nahm Trina das Gesang⸗
buch her und las still für sich ein paar gute alte Kreuz- und Trost⸗
lieder. Die hatten sie schon manchmal getröstet, wenn das arme
Herz verzagt war und sich nicht zu helfen und zu raten wußte.
Da wurde sie etwas ruhiger. Aber der Stachel blieb noch drin
im Mutterherzen und die Sorge um den Sohn, der nie die Wege
hatte gehen wollen, die Gott und Eltern ihm wiesen, und den sie
trotzdem so liebhatte. Je mehr der Vater sich von ihm abkehrte,
um so mehr fühlte sie, daß Wilhelm doch Fleisch von ihrem Fleisch
war, und daß sie es nicht lassen konnte, den Ungeratenen und
Verlornen zu lieben mit einer Mutterliebe, die alles glaubt und
alles hofft. „HErr, laß ihn gut werden! Du kannst Menschen—
herzen wenden, wie es dir wohlgefällt.
Wilhelm, mein Kind!“
Bringe ihn herum, meinen
(Fortsetzung folgt.)
Todesanzeigen.
Früh am Morgen des 24. Dezember 1915 hat der HErr
der Kirche einem langjährigen Arbeiter in seinem Weinberg nach
49½jähriger Dienstzeit Feierabend beschieden. Am genannten
Tage entschlief nach neuntägiger Krankheit sanft und selig
P'. Bruno Ernst Mießler, ehemaliger treuverdienter Pastor
und Seelsorger der Zionsgemeinde in Carlinville, Ill. Veran—
laßt oder beschleunigt wurde seine Krankheit, indem er bei einem
Gang in die Stadt auf dem eingetretenen Glatteis zweimal zir
Falle kam. Obwohl er nach Hause zurückkehrte, ohne üble Folgen
zu spüren, so stellten sich doch abends heftige Schmerzen ein. Der
herbeigerufene Arzt konstatierte Darmwerschlingung. Die tele—
graphisch herbeigerufenen Kinder durften alle den geliebten Vater
noch lebend und bei vollem Bewußtsein antreffen. Auch der
Zwillingsbruder, P. Theo. Mießler von Des Peres, Mo., und
der Schwager, Prof. Streckfuß von Springfield, Ill., waren ans
Krankenlager geeilt. Trotz liebevoller Pflege von seiten der Sei⸗
nen schwanden die Kräfte des Kranken, und am genannten Datum
erlöste der liebe Heiland seinen Diener von allem übel und hieß
Sein Alter hat er gebracht auf
Herrliche Bekenntnisse seines
ihn zu seiner Freude eingehen.
74 Jahre, 4 Monate und 11 Tage.
Glaubens legte der Entschlafene während seiner Krankheit ab,
und köstlich waren die Worte des Trostes und der Ermahnung,
die er, nachdem er mit den Seinen sich durch den Genuß des
heiligen Abendmahls gestärkt hatte, an seine Familie richtete,
wobei er auch seiner ehemaligen Gemeindeglieder gedachte.
27. Dezember fand die Beerdigung statt.
Hause leitete Prof. Streckfuß. In der Kirche hielt Präses J.
Kleinhans den Hinterbliebenen eine trostreiche Predigt über x
Hebr. 6, 10, und der Unterzeichnete, der Nachfolger des Ent—
schlafenen, wandte sich in einer Ansprache über Hebr. 13, 7 be⸗
sonders an die Gemeinde. Auf dem lutherischen Friedhof wurde
der müde Leib des Entschlafenen zur Erde bestattet, und hier x
harrt er der fröhlichen Auferstehung entgegen. — P. Mießler
wurde ani 13. August 1841 in Rothwasser bei Görlitz, Deutsch⸗
land, geboren, wanderte 1855 nach Amerika aus und ließ sich
bei seinem Bruder Gustav, dem damaligen Indianermissionar in 1
Später bezog er das Gymnasium zu
Fort Wayne und dann das theologische Seminar in St. Louis. ö
Gratiot Co., Mich., nieder.
Im Jahre 1866 bestand er sein Examen und wurde in August
desselben Jahres in der Gemeinde zu Macon City, Mo., ordiniert x
Zwei Jahre später nahm er einen Beruf nach;
und eingeführt.
Am
Die Trauerfeier im
Palmyra, Mo., an, welcher Gemeinde er acht Jahre lang diente.!
Am 3. Adventssonntag des Jahres 1876 wurde er von dem seligen ö
Prof. H. C. Wyneken in der Zionsgemeinde zu Carlinville, Ill., *
eingeführt, die er 31½ Jahre, bis zu seiner Amtsniederlegung im
Jahre 1908, in aller Treue bediente.
Danach bediente er das
Gemeindlein in Girard, Ill., alle zwei Wochen bis zu seinem
F. G. Wyneken.
seligen Ende.
Am 3. Jauuar dieses Jahres
seiner alten Diener in der Schule geheißen, Feierabend zu machen,
nämlich
hat der HErr wieder einem!
Lehrer Johann Kurz. Derselbe wurde am 2. Februar x
1846 zu Monroe, Mich., als Sohn des Heinrich Kurz und seiner!
Ehefrau geboren.
zu erzählen, das jene Zeiten brachten. Er besuchte zuerst die Ge⸗
Seine Jugendzeit fiel also in die Zeit der Ent⸗.
stehung unserer Synode, und er wußte von so manchem Schweren .
meindeschule in Monroe, an der damals der spätere, nun auchf
schon heimgegangene Professor Simon tätig war, und wurde vom
Hernach bezog der reichbegabte
seligen P. Hattstädt konfirmiert.
Knabe“ das damals in Fort Wayne, Ind., befindliche Lehrersemi⸗
nar, um sich für den Beruf vorzubereiten, in dem er bis in die!
letzten Wochen seines Lebens tätig sein sollte.
Nachdem er zu⸗
erst der Schule in New Melle, Mo., als Aushelfer gedient hatte,
wurde er nach vollendetem Studium nach Carondelet (jetzt Süd⸗
St. Louis) berufen und diente später der Reihe nach den Schulen!
der Gemeinden in Frankenlust, Detroit (St. Paul), Roseville (jetzt
An dieser letzten Schule!
arbeitete er fast 34 Jahre lang, während ihm im ganzen fast!
Seinz
Ende kam ihm nach nur zweiwöchigem Unwohlsein ohne Kranken⸗
Doch fand es ihn nicht ungerüstet.!
Sein Todestrost war das ewige Evangelium, das er sich mit schon .
stockender Stimme selbst vorhielt in dem oft erprobten Verslein.
„Christi Blut und Gerechtigkeit“ usw. und „Mein Gott, ich bitt'
Halfwah) und Detroit (Immanuel).
52 Jahre ununterbrochener Tätigkeit vergönnt waren.
lager unerwartet schnell.
durch Christi Blut“ usw., was ihm auch von seinem schnell herbei⸗
gerufenen Pastor zugesprochen wurde. — Sein Gedächtnis bleibe
im Segen! Wim. Hagen.
.
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