Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 5 › Seite 91
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. Februar 1916, Seite 91
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German transcription machine transcription, uncorrected
helm hatten nie gut zueinander gestinimt.
SVer V„Tutheraned
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Ladentischen und in ihren Schreibstuben ahnten. Heute war ein
ganz besonders schwerer Tag gewesen. Auf dem Lünenhofe hatten
sie das letzte Fuder eingebracht. Es war ja Sonnabend, und vor
dem Sonntag sollte es fertig werden. Am Feiertag arbeitete man
auf diesem größten Grotenbecker Hofe nicht, auch nicht einmal,
wenn die Sonne aus allen Ecken schien. Und bis Montag schlug
das Wetter vielleicht schon um. So war's denn ganz spät abends
geworden, als die Tagelöhner vom Lünenhofe in ihre Wohnungen
heimkehrten. ö
Fritz Bruns hatte nicht weit zu seiner Wohnung. Sie stand
dicht beim Hofe, ein Häuslingshaus aus ganz alter Zeit, eine
„Kate“, wie man es nannte. Aber wohnlich war es doch drinnen.
Und Platz hatten sie auch. Der Bauer hatte die Wohnung aus⸗
bauen und erweitern lassen. So konnte Fritz Bruns sich darin
eine Kuh halten und ein paar Schweine. Die genügten für ihn,
und er stand sich besser als mancher, der sein eigen Haus hatte.
übrigens war er in diesem Hause schon geboren. Seine Eltern
hatten darin gewohnt, solange sie verheiratet gewesen waren. Und
der Vater wollte auch nicht hinaus. Der wollte in dem Hause
sterben, wie seine Frau darin gestorben war. Ganz lange würde
das ja auch nicht mehr dauern bei seinen neunundsiebzig Jahren.
Als Fritz heute nach Hause kam, war der alte Vater schon
lange zu Bett, und auch Trina hatte sich schon hingelegt mit den
Kindern. Zu Abend gegessen hatte Fritz ja schon auf dem Hofe.
Da war sie also nicht nötig, wenn er kam. Aber sie wachte doch
wieder auf, als das Schloß knarrte. „Na, Fritz, bist endlich da?“
„Schlaf still weiter, Trina!“ versetzte der Mann, indem er den
Rock abwarf. „Ich konun' auch gleich nach. Bin müde zum Um⸗
fallen.“ Trina drehte sich wieder um. „Ist nur gut, daß morgen
Sonntag ist, Fritz. Da kannst du doch 'ne Stunde länger schlafen.“
Fritz nickte und murmelte etwas, was wie eine Zustimmung klang.
Im übrigen aber hatte er keine Lust mehr zum Reden. Kaum
hatte er sich hingelegt, da schlief er auch schon und wachte nicht
eher wieder auf, als bis am Sonntagmorgen die Sonne ins Fenster
schien. Das Vieh hatte Trina inzwischen schon besorgt, und Adolf,
der Ostern eingesegnet werden sollte, war der Mutter dabei ein
trener Gehilfe gewesen. Der mußte überhaupt schon tüchtig mit
an die Arbeit. Fritz Bruns meinte, das hätte er auch gemußt, als
er noch zur Schule ging, und geschadet hätte es ihm nichts. Und
der alte Vater nickte dazu.
Marie mußte sich ihr eigen Brot verdienen. Die war gleich
nach der Konfirmation weggekommen und diente nun schon im
dritten Jahre auf dem Petershof. Dann war noch die kleine
Anna da, die war erst zwölf Jahre alt. Und dann — ja, dann
war noch einer da, der Wilhelm, der jetzt zwanzig Jahre alt war.
Aber von dem redete man nicht gern. Der arbeitete in einer
Fabrik in Harburg. Schon vor drei Jahren hatte er das Dorf
verlassen. Zur Landarbeit hatte er keine Lust gehabt, und vor
allen Dingen wollte er aus der strengen Aufsicht des Vaters
heraus. Es hatte harte Auftritte gegeben mit dem Vater, und
schließlich war der Sohn davongegangen. Fritz Bruns und Wil—
Der Junge war schon
als Kind ein Taugenichts gewesen. Bloß wegen seines schlechten
Betragens in der Schule hatte Kantor Töbing ihn nicht auf den
ersten Platz gesetzt, den er wegen seiner Kenntnisse wohl ver⸗
dient hätte.
Wilhelm Bruns war der Schrecken des Dorfes, der Schrecken
aller ehrbaren, ordentlichen Leute. Allesamt waren froh, als er
glücklich hinaus war. Nun waren doch ihre jungen Leute nicht
mehr in Gefahr, von ihm angesteckt zu werden in allen nichts⸗
nutzigen Dingen. Ja, man ließ ihn gern ziehen, herzlich gern.
Nun hatte endlich das wilde Treiben ein Ende und all der Schaber⸗
nack, den die böse Rotte den Bauern gespielt hatte. Auch Fritz
Bruns fühlte sich erleichtert. Hin und wieder kam Wilhelm zum
Besuch nach Grotenbeck und warf dann im „Krug“ mit Geld um
sich und tat groß mit seinen Heldentaten in der Stadt. Dann
sperrten die Grotenbecker Burschen Mund und Ohren auf.
Ja, heute war Sonntag, und die Sonne schien recht warm.
Sie lockte Fritz Bruns doch schließlich aus dem Bett heraus und
in die Sonntagskleider hinein. Und als die Glocken läuteten, da
gingen sie zur Kirche. Nur Großvater und Anna blieben zu
Hause. Großvater konnte nicht mehr gut hören, und Anna ging
nachmittags in die Christenlehre. Sonst gehörte aber das Kirchen⸗
gehen zur alten, festen Gewohnheit auf dem Lünenhofe bei Herrn
und Knecht.
Als die drei aus der Kirche kamen, hörten sie drinnen in
der Kate sprechen. Da mußte also Besuch sein; denn Großvater
und die Anna machten ihre Arbeit meistens stillschweigend. Und
richtig! Als sie durch die offene Tür hineinsahen, wurden sie
Wilhelm gewahr, der sich's auf dem Sofa bequem gemacht hatte
und an einer großen Zigarre rauchte, als wenn „kleine Leute
backen“. Sein Anzug saß tadellos, und sogar ein weißes Vor—
hemd mit Krawatte prangte auf seiner „Heldenbrust“. Auch
einen Ring hatte er am Finger, und die Uhrkette sah beinahe so
aus, als wenn sie von Gold wäre. Fritz Bruns und Trina sahen
sich ihren feinen Sohn erst eine Weile an, nachdem sie ihn begrüßt
hatten. „Junge, wie siehst du bloß aus!“ sagte Trina. Wilheln
tat einen Zug aus seiner Zigarre. „Das lernt man alles in der
Stadt, Mutter. Man kann doch nicht schlechter gehen als die
andern. Und wozu verdiene ich denn auch das viele Geld?“
Fritz Bruns hatte sein Gesangbuch in den Schrank gelegt
und seinen schwarzen Sonntagsrock an den Nagel gehängt. Zu
Hause genügte auch der alte noch. Dann stellte er sich vor seinen
Sohn hin. „Sag' mal, Junge, wieviel verdienst du jetzt eigent⸗
lich? Das kann doch nicht wenig sein.“ „Vier Mark fünfzig“,
erwiderte Wilhelm. „Ist ja nicht gerade der höchste Lohn, aber
man kommt doch so eben damit aus.“ Der Vater nickte. „So, so!
Du kommst also damit ans. Aber übrig hast du nichts. Dein
Sparkassenbuch von früher habe ich noch hier. Hineingekommen
ist noch nichts von dir in diesen drei Jahren.“ Wilhelm guckte
an seinem Vater vorbei zunm Fenster hinaus. „Ich weiß gar nicht,
warum du heute gleich davon anfängst. Wenn ich einmal zum
Besuch komme, können wir doch etwas Besseres reden. In der
Stadt ist alles teuer, weun man anständig leben will. Davon
habt ihr hier auf dem Lande keine Ahnung.“ Dem Vater wollte
die Zornesader auf der Stirn anschwellen, aber Trina sah ihn
bittend an. Da wurde er wieder ruhig und setzte sich hin. „Ist
ja auch einerlei am Ende. Du hast dir nie raten lassen. Mußt
selber sehen, wie weit du kommst. Wir kriegen dich doch nicht
anders. Versucht haben wir's genug. Mach' wenigstens keine
schlechten Streiche, daß nicht noch Schlimmeres passiert!“
Wilhelm wurde rot und hüllte sich in undurchdringlichen
Tabaksrauch ein. Aber die Mutter hatte etwas gesehen. „Wil⸗
helm, warum wirst du rot? Was ist geschehen? Sag' die
Wahrheit!“ Da sprang der Bursche auf, riß seinen Hut von der
Wand und wollte zur Tür. „Ist doch zu toll! Kommt man von
Harburg her und will euch besuchen, und dann geht die Fragerei
los, als wenn man der größte Verbrecher wäre. Da mach' ich
lieber, daß ich wieder fortkomme.“ Der Vater vertrat ihm den
Weg, und die Zornesfalte wurde drohender. „Kannst gleich
wieder weg, wenn dir das bei uns nicht paßt. Wir halten dich
nicht. Aber erst antworte! Was ist geschehen?“ Wilhelm
stellte sich trotzig hin, die Hand in der Tasche. „Wenn ihr's denn
durchaus wissen wollt, dann meinetwegen! Lügen tu' ich darum
nicht. Ich bin neulich ein paar Tage im Loch gesessen wegen
nächtlicher Ruhestörung und groben Unfugs. So stand genau drin
im Strafbefehl. Wollt ihr nun noch mehr wissen?“
Da sanken dem starken Mann die Arme herunter, und er
.
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