Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 14 › Seite 267
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Juli 1916, Seite 267
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Eine Unterredung zweier Vorsteher.
Bei Gelegenheit einer Kindtaufsfeier in der Verwandtschaft
trafen sich neulich zwei Kirchenvorsteher aus verschiedenen Ge⸗
meinden, die wir August und Heinrich nennen wollen.
Es blieb nicht aus, daß die beiden auf ihre Gemeinde⸗
angelegenheiten zu sprechen kamen. Dabei entwickelte sich fol⸗
gendes Gespräch. August fragte den Heinrich: „Was macht ihr
mit den vielen Centstücken, die ihr in den Klingelbeutelkollekten
in den Sonntagsgottesdiensten im Laufe der Zeit einnehmt?“
Heinrich antwortet verwundert: „Wie meinst du das? Das
ist doch nicht schimm. Wir wechseln die Centstücke einfach mit
den andern Geldstücken ein.“
A.: „Aber wer nimmt denn so viele Kupfermünzen?“
H.: „Nun, so viele haben wir an einem Sonntag nicht. Bei
uns sind meistens 5 Cents oder noch größere Geldstücke in der
Kollekte zu finden, und da lassen sich die einzelnen paar Centstücke,
die von den Kindern gegeben werden, auch ganz leicht mit um⸗
wechseln.“
A.: „Wie? Zählt ihr denn euer Kollektengeld nicht an
jedem Sonntag nach jedem Gottesdienst?“
H.: „Ei natürlich! Tut ihr denn das nicht?“
A.: „Nein. Das wäre uns zu umständlich.“
H.: „Wie macht ihr es denn?“
A.: „Nun, wir schütten das gesammelte Geld in einen
Kasten, den wir Opferstock nennen, und in Zwischenräumen von
drei oder mehr Monaten wird dann das Geld gezählt.“
H.: „Seid ihr denn nicht bange, daß euer Opfergeld euch
einmal geraubt wird?“
A.: „Ach nein. Wir sind nicht so ängstlich wie ihr. Und
wo sollte überhaupt ein Dieb mit dem Sack voll Kupfermünzen
hin? Anderes Geld wie Kupfercents gibt's ja nicht viel in dem
Haufen.“ ö
H.: „Wie, August? Du willst mir doch wohl nicht die
Meinung beibringen, als ob man in eurer Gemeinde, die nun
schon über vierzig Jahre Gottes Wort gehabt hat, meist nur
Kupfermünzen am Sonntag in die Kollekte tut?“
A.: „Natürlich, Heinrich. Das ist bei uns immer so ge⸗
wesen. Und wir sind auch ganz gut durchgekommen.“
H.: „Wie ist das möglich? Wie bringt ihr denn das nötige
Geld für den Gemeindehaushalt auf?“
A.: „Nun, alle Glieder geben noch einen jährlichen Beitrag
von drei bis sechs Dollars, um den Prediger- und Lehrergehalt
aufzubringen.“
A.: „Kommt denn da genug ein?“
H.: „O ja. Unser Pastor und Lehrer mit ihren Familien
können ganz gut durchkommen. Zwar haben sie noch denselben
Gehalt, den sie von Anfang gehabt haben; aber sie haben er⸗
wachsene Kinder, die arbeiten, und als ordentliche Kinder bringen
sie ihren Lohn nach Hause und helfen mit, daß die Familie durch—
kommt. Auch ist das Leben bei uns auf dem Lande nicht so teuer
wie in der Stadt, wo man alles kaufen muß. Du siehst daher,
daß unsere Pastoren und Lehrer ganz gut durchkommen.“
A.: „Aber, August, was höre ich da? Erwartet ihr denn,
daß euer Pastor und euer Lehrer mit ihren Familien sich von
ihren erwachsenen Kindern ernähren lassen? Gebt ihr eurem
Pastor und Lehrer nicht so viel Gehalt, daß sie sich mit ihren
Hausgenossen ernähren können, ohne daß ihre Kinder noch etwas
dazuverdienen? Gilt bei euch nicht das Wort: „Ein Arbeiter ist
seines Lohnes werté; „die das Evangelium verkündigen, sollen
sich vom Evangelium nähren“? Sollten euer Pastor und euer
Lehrer jetzt nicht bei euch im Irdischen so gestellt sein, daß sie
ohne Nahrungssorgen durch diese Zeit gehen, ja wohl einen Spar⸗
pfennig für die alten Tage zurücklegen könnten? Ihr seid in den
langen Jahren, seit eure Gemeinde besteht, im Irdischen vor⸗
wärtsgekommen. Ihr seid wohlhabend, zum Teil sehr wohl⸗
habend geworden. Sollten euer Prediger und euer Lehrer davon
nichts merken? Wenn ihr freilich ihnen noch immer den kleinen
Gehalt gebt, den ihr ihnen früher gegeben habt, dann wundere ich
mich gar nicht, daß ihr mit dem kleinen Gemeindebeitrag, der,
wie du sagst, bei euch fällt, und mit den Kupfercents im Klingel⸗
beutel auskommt. Bedenkt aber, daß im Laufe der Zeit die An⸗
sprüche, die an das Leben gemacht werden, zugenommen haben.
Fragt euch einmal, ob ihr zufrieden wäret, wenn eure Einnahmen
nicht größer wären, als sie vor fünfundzwanzig oder mehr Jahren
gewesen sind. Sollen denn die Personen, die euch das Wort
Gottes sagen, ihr Leben in Armut hinbringen? Wollt ihr, daß
sie zufrieden sind, wenn sie ihr Leben lang aus der Hand in den
Mund leben und, wenn sie alt werden, aus der Armenkasse unter⸗
stützt werden müssen oder, wenn sie Kinder haben, ganz auf die
Barmherzigkeit ihrer Kinder angewiesen sind? August, sage ein⸗
mal, ist das recht? Und wie würde dir es gefallen, wenn du in
solcher Lage wärest? Und wie reimt sich, wenn Gemeinden ihre
Prediger und Lehrer so halten, solches Verhalten mit Gottes
Wort? Sagt nicht der HErr IEsus zu seinen Dienern: „Esset
und trinket, was sie haben; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes
wert“ (Luk. 10, 7)? Damit sagt doch der HErr JEsus nicht bloß,
daß die Diener am Wort bereit sein sollen, die Armut mit ihren
Zuhörern zu teilen, sondern auch, daß, wenn nun Gott es ihren
Zuhörern im Irdischen gut gehen läßt, sie auch solches erfahren
und in bezug auf das Irdische gleichsam auf eine Stufe mit ihnen
gestellt werden sollen. Sage ferner: Sollte nicht jedem Zuhörer
auch das ernste Wort des Apostels Paulus in das Gewissen
fahren: ‚Der unterrichtet wird mit dem Wort, der teile mit
allerlei Gutes dem, der ihn unterrichtet. Irret euch nicht, Gott
läßt sich nicht spotten!“?“
A.: „Aber, Heinrich, jetzt höre auf! Weißt du was, du be⸗
leidigst mit deiner Rede mich und unsere ganze Gemeinde. Wir
sind alle alte treue Glieder, die treu bei der Gemeinde ausgehalten.
haben. Du darfst nicht so von uns und zu uns reden. Das ist
eine Beleidigung!“
H.: „Beleidigen will ich dich nicht, lieber August, auch will
ich deine Gemeinde nicht beleidigen. Habe ich etwas Verkehrtes
gesagt, so zeige es mir, und ich will es gerne zurücknehmen. Aber
du mußt es mir zeigen, daß ich unrecht geredet habe.“
A.: „Nun, wenn ich mir die Sache überlege, so muß ich
sagen: Gegen die Sprüche, die du aus der Bibel angeführt hast,
kann und will ich nichts sagen. Denn ich glaube auch, daß die
Bibel Gottes Wort ist. Aber unser Pastor und unser Lehrer
haben noch nie auf die Weise zu uns geredet.“
H.: „Nun, das will ich glauben. Sie wollen nicht bei euch
in den Verdacht kommen, als ob sie ihr Amt um sschändlichen Ge⸗
winnes willené führten, das heißt, als ob es ihnen bloß um euer
Geld zu tun wäre. Darum tun sie treulich ihre Arbeit und
schlagen sich durch, so gut es geht, mit dem, was sie erhalten.
Aber denkt nur nicht, daß ihr deswegen von der Pflicht entbunden
seid, eure Prediger und Lehrer so zu versorgen, daß sie mit den
Ihrigen anständig leben können. Wohl sind sie bereit, ebenso
wie die alten Väter unserer Synode es getan haben, mit ihren
Zuhörern und Gemeindegliedern Armut zu teilen, wenn diese sich
in ärmlichen Verhältnissen befinden. Aber haben sie die Armut
geteilt, so sollen die Zuhörer sie nicht in Armut lassen, wenn es
bei ihnen in irdischer Beziehung besser geworden ist.“
A.: „Aber, Heinrich, was willst du uns weise Lehren geben?
Sage einmal, handelt denn ihr alle so, wie du jetzt geredet hast?
Es kommt mir vor, wenn ich einmal ordentlich nachfrage, ist es
bei euch auch nicht viel anders? Auch eure Pastoren und Lehrer
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