Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 14 › Seite 269
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Juli 1916, Seite 269
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Hause zurück, und nach einigen Tagen fahre ich nochmals den
weiten, beschwerlichen Weg nach Spd., um meine Kinder hin⸗
zubringen. Ehe ich nach Hause zurückkehre, kaufe ich mir vom
Pastor noch zwei Katechismen, damit die Mutter zu Hause auch
die jüngeren Kinder ein wenig unterrichten kann. Seelenver⸗
gnügt, wenn auch etwas ermüdet von der langen Wagenfahrt,
begrüße ich meine Familie. *
„Aber o weh! Meine sonst so liebe und gutmütige Haus⸗
frau hat die mitgebrachten Bücher in die Hand genommen und
blättert darin hin und her. Ihr Gesicht nimmt einen fast drohen⸗
den Ausdruck an. Schließlich bricht sie in die Worte aus: Gott⸗
lieb, was hast du denn da für Bücher mitgebracht? Das ist doch
kein lutherischer Katechismus! Das ist ein ganz anderes Buch,
als unser Katechismus in Nebraska war. Darin können wir
unsere Kinder nicht unterrichten lassen. Du weißt, wie eindring⸗
lich unser Pastor T. in Nebraska uns bei unserm Wegzug ge⸗
warnt hat, daß wir uns doch ja vorsehen sollten, daß wir in
Missouri nicht unter die Sekten geraten. Wir sind lutherisch,
unsere ältesten Kinder sind lutherisch unterrichtet worden, und
diese beiden Mädchen sollen in einer andern Kirche konfirmiert
werden? Nein, Gottlieb, wir wollen keine zwei Glauben in
unserer Familie haben. Du mußt morgen früh gleich nach Spd.
fahren und die Kinder wiederholen!“ Als ich Miene machte, ihr
zu widersprechen, erklärte sie mit einer Energie, die ich sonst an
ihr nicht gewohnt war: „Gottlieb, wenn du nicht morgen früh
anspannst und die Kinder wiederholst, dann fahre ich selber hin!“
„Ich mußte also wohl oder übel mich am nächsten Morgen
wieder auf den langen und beschwerlichen Weg machen und meine
Kinder heimholen. Bei näherm Nachfragen in Spd. erfuhr ich
dann, daß jener deutsche Pastor kein Lutheraner, sondern ein
Schwarmgeist war, der sich mit dem lutherischen Namen schmückte,
um im trüben fischen zu können.
„Aber was nun? Wo konnte ich eine rechte lutherische Ge⸗
meinde finden? Ich hatte schon in Spd. weitere Umfrage gehalten
und gehört, daß etwa hundert Meilen südöstlich, bei West P., ein
lutherischer Pastor namens F. wohne. Die Leute kannten seinen
Namen, weil in ihrer deutschen Zeitung Landanzeigen mit der
Unterschrift des genannten Pastors erschienen waren. Ich ent⸗
schloß mich daher, diesen Pastor F. aufsusuchen. Ich kam wohl⸗
behalten in West P. an, erfuhr aber auf meine Nachfrage hin, daß
Pastor F. etwa fünfzehn Meilen von der Station auf dem Lande
wohne. Er habe früher zu einer deutschen falschgläubigen Synode
gehört, sei aber seines ärgerlichen Lebenswandels wegen ausge⸗
schlossen worden und habe jetzt ein Stück Land als Heimstätte auf⸗
genommen. In der Woche arbeite er auf seiner Farm, und Sonn⸗
tags predige er für die umwohnenden Deutschen. Es war mir
klar, daß ich einem solchen Manne meine Kinder nicht zum Unter⸗
richt anvertrauen dürfe. Enttäuscht über den Mißerfolg meiner
Reise, kehre ich zur Eisenbahnstation zurück, um mit dem nächsten
Zuge nach Hause zu reisen. Ich habe noch etliche Stunden bis
zur Ankunft des Zuges zu warten. Verdrießlich wandere ich auf
dem Bahnsteig auf und ab. Was soll ich mit meinen Kindern
machen? Wo kann ich eine rechte lutherische Gemeinde finden?
Wäre ich doch in eine Gegend gezogen, wo eine rechtgläubige Ge⸗
meinde ist, und man regelmäßig Gottes Wort hören und christ⸗
lichen Unterricht für seine Kinder haben kann! Solche Gedanken
durchzogen meinen Sinn.
„Da nahte sich mir ein junger Mann. Er mochte es mir
wohl angesehen haben, daß ich ein Deutscher bin, oder daß irgend
etwas auf meinem Herzen lastete. Wir waren bald miteinander
ins Gespräch geraten, und er erfuhr, was der Zweck meines Hier⸗
seins war. ‚Danken Sie Gott“, sagte er, daß er mich zu Ihnen
geführt hat! In einem Umkreis von vielen Meilen bin ich viel⸗
leicht der einzige, der Ihnen sagen kann, daß in Lock, etwa 150
Meilen westlich an dieser Bahn, eine lutherische Gemeinde ist, die
zur Missourisynode gehört. Ich wohne zwar hier in der Nähe;
aber ich bin vor etlichen Jahren den Winter über in Lock gewesen
und dort konfirmiert worden.“ Ein Sorgenstein war mir bei dieser
Mitteilung vom Herzen gefallen. Gott hatte sichtlich meine
Schritte gelenkt und mich finden lassen, was ich suchte. Nun bin
ich direkt hierher nach Lock gekommen, und nun werden Sie sich
nicht mehr über mein auffälliges Examen verwundern.“
Gottlieb S. trug dann auch mir seine Bitte vor, seine Kinder
zum Unterricht anzunehmen. Ich hatte auch bald freundliche
Familien in der Gemeinde gefunden, welche die Kinder in Kost
nahmen. Es waren zwei liebe Mädchen, die begierig waren nach
der vernünftigen, lauteren Milch des Evangeliums. Ich habe sie
beide konfirmiert. Aber nur eine, die Jüngere, hat am Palm⸗
sonntag mit ihren Mitkonfirmanden am blumengeschmückten Altar
gekniet. Die Altere, Margarete, erkrankte kurz vor der Konfir⸗
mation. Während die andern Konfirmanden in der Kirche ihr
Gelübde der Treue ablegten, lag sie auf ihrem Sterbebette. Dort
hat sie noch mit sterbenden Lippen ihr Taufgelübde erneuert und
das heilige Abendmahl empfangen. Im festen Glauben an ihren
Denkspruch, Joh. 3, 16: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er
seinen eingebornen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben,
nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“, hat sie
dann die Augen im Tode geschlossen. Und als wenige Tage danach
ihre irdische Hülle zu Grabe getragen wurde, umstanden ihre Mit⸗
konfirmanden ihren Sarg und sangen: „Wo findet die Seele die
Heimat der Ruh'?“ Ja, sie schläft auf unserm Gottesacker. Und
sooft ich ihr Grab sehe, denke ich an das Wort des HErrn: „Die
mich frühe suchen, finden mich.“
Noch einmal nach der Beerdigung kamen Gottlieb S. und
seine getreue Gattin zu mir. Sie hatten Tränen in den Augen.
Als ich sie trösten wollte, sagten sie: „Herr Pastor, es sind nicht
Trauertränen, sondern Freudentränen, die wir weinen. Gott sei
herzlich Dank, daß er uns den Weg zu einer rechtgläubigen Ge⸗
meinde gewiesen hat, damit unsere Tochter noch den Weg zur
Seligkeit lernen konnte, ehe sie Gott von hinnen nahm. Ich werde
nun meine Farm verkaufen und mit meiner Familie in eine
Gegend ziehen, wo eine lutherische Gemeinde ist.“
Ich habe im folgenden Jähre einmal einen Amerikaner aus
P. Co., mit dem ich auf der Reise zusammentraf, gefragt, ob
Gottlieb S. noch dort wohne. „Nein“, sagte er, „der ist fortge⸗
zogen, weil er in P. Co. keine lutherische Kirche hatte.“
Geo. M.
Höher als alles.
Alle Himmelskörper des unermeßlichen Weltalls, hat einmal
ein christlicher Denker gesagt, kommen an Wert nicht einem ein⸗
zigen menschlichen Gedanken gleich; denn die Gedankenwelt steht
höher als die Materie. Und alle Herrlichkeit der menschlichen
Gedanken kommt an Wert nicht einer einzigen Regung der Liebe
gleich; denn die Liebe gehört einer höheren Ordnung an als der
Gedanke. Aber alle Regungen und Empfindungen der Liebe in
unserm Herzen kommen an Wert nicht einer einzigen Tat der
Selbstverleugnung gleich; denn die Selbstverleugnung ist die⸗
jenige Gestalt der Liebe, die allein und wahrhaft Gott wohlgefällt.
Verleugne dich selbst — das ist das Kreuz, das jeder Jünger
Christi auf sich nehmen muß. Hier gibt es kein Vermitteln: ent⸗
weder wir müssen Christum und mit ihm die höchsten Güter des
christlichen Lebens verleugnen, oder wir müssen uns selbst ver⸗
leugnen.
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