Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 72, Nummer 14 › Seite 268
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 4. Juli 1916, Seite 268
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+ utheranebss
leben jedenfalls nicht im Wohlstand, wie du mich vielleicht glauben
machen willst!“
H.: „Das will ich auch nicht behaupten. Auch bei uns ist
es in vieler Beziehung noch nicht, wie es sein sollte. Auch in
unserer Stadt, in der sich eine Anzahl Gemeinden finden, gibt
es noch solche Gemeinden, die in bezug auf die Versorgung ihres
Predigers und ihres Lehrers noch „altertümliche“ Ansichten haben;
allein eine Gemeinde fängt an von der andern zu lernen. Und
zudem, wenn die einzelnen Glieder unserer Gemeinde nicht mehr
für Gemeindezwecke im Jahr übrig hätten als die Glieder der
Gemeinde, die du vertrittst, dann könnte unsere Gemeinde nicht
bestehen. Dabei vergiß nicht, daß die Glieder unserer Gemeinde
nicht reiche Grundbesitzer, sondern meist arme Arbeiter sind, die
sich das Geld, das sie für das Reich Gottes geben, vielfach ab⸗
sparen müssen. Wie ich von dir höre, sind eure Gemeindeglieder
meist wohlhabend. Sollten die nicht einmal sich es ordentlich
vorstellen, wie Gott der HErr in den letzten Jahren sie hat im
Irdischen vorwärtskommen lassen, und — wieviel sie von ihrem
irdischen Gut für das Reich Gottes geopfert haben, und wieviel
oft die Falschgläubigen sich die Ausbreitung ihres Irrtunis kosten
lassen? O müßte nicht mancher beschämt seine Augen nieder⸗
schlagen und bekennen: Ich bin ein Lutheraner, ich habe Gottes
Wort jetzt rein und lauter und habe es so eine Reihe von Jahren
gehabt. Ich habe es aber gar billig gehabt. Meine Religion
sollte mich doch ein wenig mehr kosten als bisher. Ich sollte doch
mehr dafür übrig haben als bisher? Sage einmal, August, das
bringt mich auf etwas anderes: Wieviel ist denn eigentlich in
eurer Gemeinde im letzten Jahre für Mission oder überhaupt für
außergemeindliche Zwecke, wie Synodalkasse, Collegebau und der—
gleichen mehr, aufgebracht worden?“
A.: „Das mag ich dir, lieber Heinrich, gar nicht sagen.
Denn du rechnest gleich aus, wie groß das Vermögen eines Chri—
sten ist, und wieviel er darum eigentlich für das Reich Gottes
geben sollte. Und ich muß es bekennen, daß unser alter Pastor
auch uns nicht bloß die Pflicht vorgehalten hat, für das Reich
Gottes zu opfern, sondern auch gezeigt hat, wie manche arme
Gemeinde in ihrer Opferwilligkeit uns beschämt und viel mehr
aufgebracht hat als wir. Erst neulich geschah das wieder. Es
wurden bei der Verhandlung dieser Angelegenheit aber von so
manchen alten Gliedern so viele Einwendungen gemacht, und es
fielen solche Reden, daß die Sache endlich so unerquicklich wurde,
daß unser Pastor allen Mut verlor, noch mehr zu sagen, und man
die Sache liegen ließ.“
H.: „Und dazu hast du geschwiegen? August, August, das
hätte ich nicht von dir gedacht, daß du deinen armen Pastor im
Stiche lassen würdest! Du fürchtest dich doch sonst nicht, deine
Meinung zu vertreten!“
A.: „Ja, lieber Heinrich, das ist so eine eigene Sache. Es
sind das Geldangelegenheiten, und da sind die Leute gar emp⸗
findlich. Da mag ich nicht so fest auftreten.“
H.: „Ja, August, das ist der Jammer. Sobald es sich um
Geld für das Reich Gottes handelt, da mag keiner reden. Die
Geldgier, der Geiz, ist eine Wurzel alles übels. Die Liebe zum
Gelde ist es, die es verursacht, daß es in unserer Zeit, wo so viele
unserer Christen im Irdischen reich gesegnet sind, in den Kassen
für Kirche, Schule, Anstalten, Missionen usw. dennoch stets
mangelt, und nie ein großer überschuß sich finden will. Gar
manche, die nichts oder wenig übrig hatten für das Reich Gottes,
werden es einmal bereuen, wenn es zu spät ist.“
A.: „Du hast recht, lieber Heinrich; ich stimme dir bei.
Aber was können wir tun?“
H.: „Nun, wir können vielerlei tun. Unter anderm können
wir mit gutem Beispiel unsern Brüdern und Schwestern in unserer
Gemeinde vorangehen. Sodann können wir gelegentlich mit ein⸗
zelnen unserer Mitglieder die Sache besprechen, wie wir beide es
jetzt getan haben. Daß sie nicht mehr für Gottes Reich übrig
haben, kommt bei vielen daher, daß sie nicht bedenken, was sie tun.
Wir wollen darum treulich unserm Pastor helfen und dem Worte
Gottes, das er uns vorhält, recht nachdenken und danach handeln
und dann auch unsere Mitbrüder und Mitschwestern in aller
Freundlichkeit an ihre Pflichten erinnern. Gott gebe dazu sei⸗
nen Segen!“ Stmr.
———
„Die mich frühe suchen, finden mich.“
Sp r. 8, 17.
(Aus dem Amtsleben eines Pastors.)
Es war an einem Sonnabendvormittag im Spätherbst des
Jahres 189—. Ich saß an meinem Studiertisch und bereitete
mich auf die Predigt für den folgenden Tag vor. Eben hatte ich
mein Manuskript beendigt, als es an die Tür meines Zimmers
klopfte. „Herein!“ ö
Ins Zimmer trat ein Mann von untersetzter Gestalt. Er
war in den mittleren Jahren. Sein breitrandiger graͤuer Filzhut,
seine Kleidung und sein sonstiges Aussehen verrieten den Farmer.
„Guten Tag! Sind Sie ein deutscher Pastor?“ fragte er.
„Jawohl.“ „Von welcher Kirche?“ „Der lutherischen.“ „Zu
welcher Synode gehören Sie?“ „Zur Missourisynode.“ „Wollen
Sie mir mal Ihr Gesangbuch zeigen?“ Ich reichte es ihm hin.
Er blätterte flüchtig darin und gab es mir zurück. „Können Sie
mir Ihren Namen und Ihre Adresse im lutherischen Kalender
zeigen?“ Ich schlug den Synodalkalender auf und zeigte ihm das
Gewünschte. Der Mann mochte meine Verwunderung über sein
sonderbares Examen auf meinem Gesicht gelesen haben und fuhr
dann fort:
„Nehmen Sie es mir nicht übel, Herr Pastor, daß ich Sie so
genau examiniere. Ich habe üble Erfahrungen gemacht und möchte
mich überzeugen, daß ich endlich vor der rechten Schmiede bin.
Ich will Ihnen meine Geschichte erzählen. Ich heiße Gottlieb S.
Ich wohnte früher mit meiner Familie im westlichen Nebraska
und gehörte zur Filialgemeinde Pastor T.s. Durch die anhaltende
Dürre der letzten Jahre veranlaßt, verkaufte ich meine Farm in
Nebraska und ließ mich in der Nähe von Bal. in P. Co. in diesem
Staate nieder. Seit zwei Jahren wohne ich dort. Leider haben
wir in der Nachbarschaft keine rechtgläubige, lutherische Gemeinde.
Ich erkenne jetzt, daß ich beim Wechseln meines Wohnortes hätte
darauf bedacht sein sollen, mich innerhalb einer lutherischen Ge—
meinde niederzulassen. Meine ältesten Kinder sind noch in
Nebraska konfirmiert worden. Aber nun sind zwei meiner
Töchter wieder so weit herangewachsen, daß sie notwendig unter⸗
richtet und konfirmiert werden sollten. Aber wo sollte ich in der
Nähe eine lutherische Gemeinde finden? Ich erkundigte mich bei
meinen Nachbarn. Nach langem vergeblichen Fragen erfuhr ich,
daß in der größeren Stadt Spd., etwa 35 Meilen von meinem
Wohnort, eine deutsche Gemeinde sei. Ob sie lutherisch sei, konnte
man mir nicht sagen. Ich spanne bald darauf meine Pferde vor
den Wagen und fahre auf rauhen Wegen nach Spd., um Er⸗
kundigungen einzuziehen. Nach einigem Suchen finde ich eine
Kirche, an welcher ein Schild mit der Inschrift angebracht ist:
„Ev.⸗lutherische Kirche.“ Ich suche den Pastor der Gemeinde auf
und teile ihm den Zweck meines Besuches mit. Er ist sehr freund⸗
lich und erklärt sich bereit, meine Kinder zu unterrichten und zu
konfirmieren, sorgt auch dafür, daß meine Kinder für ein ge⸗
ringes Entgelt Unterkunft in Familien seiner Gemeinde finden.
Sehr befriedigt über den Erfolg meiner Reise, kehre ich nach
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