Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 2 › Seite 21

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 23. Januar 1900, Seite 21

17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 Scan 032

Scan: Internet Archive item DerLutheraner56.

⤓ Download page image (full resolution)

German transcription machine transcription, uncorrected

Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Gehalt 5 · Synoden

⤓ Download .txt · copy text

r r —— —

S Ner VTutheraned S 21

Christus und die Apostel waren. Wir erfahren also, wie treff⸗
lich dies Gebot gehalten werde, daß man die Lehrer des Wortes
ernähren soll, auf welches Paulus hier und anderswo so fleißig
dringt und es den Zuhöͤrern einschärft. . .. Und so oft ich die Er⸗
mahnungen Pauli lese, in welchen er den Gemeinden predigt, so⸗

wohl daß sie ihre Lehrer ernähren sollen, als auch daß sie etwas

beitragen sollen, um dem Mangel der Heiligen in Judäa zu
steuern, so pflege ich mich sehr zu verwundern und mit Scham
erfüllt zu werden, daß ein so großer Apostel so viele Worte darauf
hat verwenden müssen, um diese Wohlthat von den Gemeinden zu
erlangen. Im zweiten Briefe an die Corinther handelt er von
dieser Sache in zwei ganzen Capiteln (Cap. 8 und 9). Ich möchte
nicht gern Wittenberg, welches doch gar nichts ist gegen Corinth,
in einen so üblen Ruf bringen, wie er es den Corinthern gethan
hat durch ein so dringendes und bekümmertes Betteln um den
Lebensunterhalt für die Armen. Aber das ist das Schicksal des
Evangelii, wenn es gelehrt wird, es will nicht allein niemand
etwas geben, um die Diener desselben zu ernähren und Schulen
zu erhalten, sondern alle fangen an zu rauben, zu stehlen, einan⸗
der zu betrügen mit mancherlei Kunstgriffen, kurz, die Menschen
scheinen plötzlich zu abscheulichen Bestien zu entarten. Dagegen
wenn die Lehren der Teufel gepredigt werden, werden die Leute sehr
verschwenderisch und bieten ihren Verführern freiwillig alles an.
Die Propheten werfen auch den Juden dieselbe Sünde vor, daß
sie den gottseligen Priestern und Leviten kaum den Lebensunter⸗
halt gaben, dagegen den gottlosen alles in Ueberfluß zukommen
ließen. Darum verstehen wir jetzt erst, wie nothwendig dies
Gebot Pauli sei, daß man die Diener der Kirchen ernähren soll.
Denn der Satan kann nichts weniger leiden als das Licht des
Evangelii. Darum entbrennt er, wenn es leuchtet, und sucht es
mit allen Kräften auszulöschen, und versucht dies auf zwiefache
Weise: erstens durch Lügen der Ketzer und Waffengewalt der
Tyrannen, darnach durch Mangel und Hunger.“ (St. Louiser
Ausgabe, IX, 744 ff.) Unsere lieben Gemeinden sollten demnach
in ihren Versammlungen auch die Frage von Zeit zu Zeit er⸗
wägen, ob ihr Prediger — und dies gilt selbstverständlich auch
von dem Gemeindeschullehrer — mit dem ausgestellten Gehalt
auskommen kann, und ob sie ihn nach dem Maß der irdischen
Güter, die die Glieder besitzen, besolden. Und gerade christliche
Vorsteher, die das Herz auf dem rechten Fleck haben und in der
Regel die häuslichen Verhältnisse der Pastorenfamilie kennen, soll⸗
ten es mit zu ihrer Amtspflicht rechnen, darauf zu sehen, daß
die Gemeinde auch in diesem Stück ihre Schuldigkeit thut. Stellt
es sich heraus, daß die Gemeinde sich zu bessern hat, so sollte ihr
gezeigt werden, daß Gott diese Besserung von ihr nach dem drit⸗
ten Gebot verlangt, und sie sollte dann dazu lustig und fröhlich
gemacht werden durch die Barmherzigkeit IEsu Christi.
F. Pf.

Ein Missionsbericht über Montana.

(Fortsetzung.)
Madison County.

Von Bozeman reiste ich in die Parochie P. M. Hudtloffs,
zunächst nicht nach seinem Wohnsitz, sondern nach Madison County,
wo derselbe drei Predigtplätze hat, deren Bedienung nicht leicht ist.
In Sheridan sind fünf Familien, die sich zu uns treulich halten;

aber noch etliche andere Deutsche wohnen dort, besonders eine
Anzahl Darbisten. Diese letzteren hat der Reiseprediger wieder⸗
holt zu gewinnen gesucht, aber sie haben sich bis jetzt fern gehalten.
Die Verachtung des Predigtamts steht ja in der Mitte der Irr⸗
thümer dieser Leute. Sie sagen, daß durch das Predigtamt
der Irrthum in die Kirche eingeführt worden wäre; daß die
Prediger die Bibel nicht nur verdreht hätten, sondern auch nicht
durchweg als Gottes Wort annähmen. Diese Leute hier haben
die Schäden der deutschen Landeskirche einigermaßen erkannt und
wußten auch den Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium
etlichermaßen zu bestimmen (mehr so, als man dies sonst gewöhn⸗
lich unter den Leuten beobachten kann); aber sie machten den Fehler,
die Verkehrtheiten der deutschen Prediger und der deutschen Lan⸗
deskirche dem Predigtamt überhaupt zuzuschreiben. Bei alle dem
scheinen sie sehr selbstgerecht zu sein. Von Sheridan aus fuhren
uns zwei Minenbesitzer nach Beavers Gulch; dort wohnte in aller
Einsamkeit eine lutherische Familie. Wir kamen unangemeldet;
niemanden fanden wir im Hause. Etwas weiter die Schlucht
hinauf trafen wir den Mann mit Knecht und Sohn beim Gold⸗
waschen. Diese überließen bald die Rinnsale (flumes) sich selbst
und wandten sich dem Hause zu. Auf dem Heimweg zeigte der
Mann uns einen Felsboden, über den er das Wasser hatte laufen
lassen und das nun abgestellt war; so konnten wir uns daselbst
etliche Blättchen reinen Goldes auflesen. Nicht weit davon hatte
er vor etlichen Wochen einen Goldklumpen im Werthe von mehre⸗
ren hundert Dollars gefunden. Im Hause wieder angekommen,
nahm der Gottesdienst bald seinen Anfang; die Ehefrau war
unterdessen vom Beerensuchen heimgekehrt. Während des Gottes⸗
dienstes fielen meine Augen auf etliche Bände unserer St. Louiser
Lutherausgabe, die in einer Ecke des Zimmers standen. Freilich
stieg meine Verwunderung noch mehr, als ich nachher erfuhr, daß
dieser greise Goldwäscher, der schon über dreißig Jahre hier in
solcher Einsamkeit lebte, verschiedene kirchliche Zeitschriften lese,
seine zwei Kinder nach Illinois gesandt habe, um sie dort confir⸗
miren zu lassen, und sich sonst für das Wohl und Wehe Zions
interessire in reger Weise.

An demselben Tage noch bestiegen wir — wieder an die Ver⸗
kehrsstraße zurückgekehrt — eine von vier Pferden gezogene Post⸗
kutsche um nach Virginia City, der ersten Hauptstadt Montanas,
zu fahren. Das ist eine Stadt, die historisch geworden ist. Sie
liegt am Alder Creek. Dahin hatten sich 1863 etliche Goldsucher
verirrt und fanden das Edelmetall in reicher Menge. Eine nicht
geringe Aufregung bemächtigte sich der westlichen Staaten oder
Territorien, und Tausende strömten hier in dieses Thal, zwischen
den Ruby, Tobacco und Boulder Gebirgen, zusammen. In den
ersten drei Jahren wurden auch 30 Millionen Dollars Gold da
aus der Kieselerde gewaschen und seitdem noch etwa zweimal
so viel. Ein zuchtloses Wesen herrschte da, das aller Beschrei⸗
bung spottet. Die Verbindung mit den Oststaaten wurde her⸗
gestellt über Fort Benton, das etwa 300 Meilen nördlich lag und
mit Fuhrwerk zu erreichen war. Dort legten dann die Missouri⸗
Fluß⸗Dampfer an. Nie und nirgends ist Raubmord in den Ver⸗
einigten Staaten so greulich verübt worden als hier; über hundert
Personen sind in kurzer Zeit ermordet worden wegen des Goldes,
das sie bei sich trugen. So griffen denn die Leute selbst zur Wehr
und setzten eigene Gerichte in Scene. In drei Wochen wurden
zweiundzwanzig Uebelthäter ihrer Greuelthaten wegen gehängt.

English translation

Not yet translated.