Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 56, Nummer 26 › Seite 402

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 25. Dezember 1900, Seite 402

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402 „Vuthsvanes⸗
Geburt! O kündlich großes Geheimniß! Wer kann das fassen? Heilandes jauchzte: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns

Daran werden wir in Ewigkeit zu lernen und zu loben haben.
Aber warum ist Gott uns so nahe gekommen? Warum hat
er der Menschen Natur so hoch erhoben? Gott ist zu uns Men⸗
schen gekommen, damit wir Menschen zu Gott kommen könnten.
Er wollte uns erlösen von aller Ungerechtigkeit, uns selig machen
von unsern Sünden. Hier liegt der Kern der Weihnachtsfreude.
Durch den Betrug des Satans waren alle Menschen Sünder ge⸗
worden. Christus wollte die Sünde tilgen, den Menschen Ge⸗
rechtigkeit erwerben. Durch die Sünde war Gottes Zorn und
Fluch über alle Menschen gekommen. Christus wollte Zorn und
Fluch tragen, Frieden stiften. Durch den Fluch Gottes waren
alle Menschen zur Pein des ewigen Todes verdammt. Christus
wollte die Pein büßen, zum ewigen Leben erretten. Durch den
Abfall von Gott waren alle Menschen in die Gewalt der Obrigkeit
der Finsterniß gerathen. Christus wollte sie aus dieser Knecht⸗
schaft befreien, zur seligen Freiheit der Kinder Gottes führen.
Der Fürst des Lebens wollte sich opfern für die Verstoßenen, um
ihnen ewige Gemeinschaft mit Gott zu erfinden.

Und merke! Das wollte er für alle Sünder thun. Hier
ist keiner ausgenommen. Aller Welt Heiland wollte er werden.
Seine Liebe sollte nicht einigen wenigen allein zu gute kommen.
Sein Werk wollte er nicht für einige wenige allein verrichten.
Nein, Gottes Herz ist größer. Wie Gott aller Menschen Fleisch
an sich nahm, so wollte er aller Menschen Seligmacher werden.
Christus wollte ein Heil sein bis an der Welt Ende. Denke an
den größten Sünder, den du kennst. Denke an Adam und David
und Petrus und Judas. Denke an dich. Allen zu Dienst ist
Gottes Sohn erschienen. Durch ihn sollten alle Geschlechter auf
Erden gesegnet werden.

Das ist zu Weihnachten unsere Freude: Gott selbst ist es,
der sich der Elenden annimmt. Weil Gott es ist, so wird das
Werk auch gelingen. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes
zur Erlösung der Welt verbürgt die Erlösung selbst. Und das
Werk ist gelungen! Gott sei Dank, es ist alles vollbracht!

Ein Wohlgefalln Gott an uns hat,
Nun ist groß Fried ohn Unterlaß,
All Fehd hat nun ein Ende.

Weil Gott ein Heiland aller Menschen sein wollte, so ver⸗
kündigte er schon vom Falle an die frohe Botschaft der Erlösung.
Schon die Gläubigen des alten Testamentes feierten Weihnachten,
aber nicht die Geburt des erschienenen, sondern des kommenden
Erlösers. Das war es, was die tiefe Nacht unserer ersten Eltern
nach dem Falle erhellte: die trostreiche Zusage vom Samen des
Weibes, der den Schlangenkopf zertreten sollte. Zweitausend
Jahre hindurch freuten sich die Altväter auf Grund dieser Einen
Verheißung des zukünftigen Heilandes und wurden nicht müde,
von Kind zu Kindeskind vor Freund und Feind davon zu singen
und zu sagen. Als dann die von Gott bestimmte Zeit herannahte,
häuften sich die göttlichen Worte vom Messias. Je mehr die
Welt sich in Sünden verderbte, desto lauter und bestimmter redete
Gott durch seine heiligen Menschen von dem Helfer aus Sünden⸗
noth. Von Abraham herab bis zu Maleachi reiht sich eine Weis⸗
sagung an die andere und verbreitet immer helleres Licht über
Person und Werk des Messias. Auch über das Volk des alten
Bundes ist die Herrlichkeit des HErrn aufgegangen. Es ist, als
ob Jesaias mit den Gläubigen an der Krippe des eben erschienenen

gegeben.“ Er sah Immanuel als schon erschienen. Die Kirche
alten Testamentes sah den Tag Christi und freute sich mit unaus⸗
sprechlicher und herrlicher Freude.

Wer vermag aber erst den Festjubel der gläubigen Zeitge⸗
nossen Christi zu schildern? Nun war die lange Zeit des Harrens
vorüber. Gott hatte den Himmel zerrissen und war herabgefahren.
Was viele Propheten und Könige mit leiblichen Augen sehen woll⸗
ten, das wurde jenen gewährt. Den zu schauen auch die Engel
gelüstet, der bot sich den Blicken aller dar. O selige Augen, die
ihn gläubig sahen! Dort frohlockt schon im Voraus der betagte
Zacharias: „Gelobet sei der HErr, der Gott Israel; denn er hat
besucht und erlöset sein Volk!“ Maria lobfingt in seliger Freude:
„Meine Seele erhebet den HErrn, und mein Geist freuet sich Got⸗
tes, meines Heilandes!“ Und als dann die himmlischen Heer⸗
schaaren das freudenvolle Wunder laut hin verkünden: „Euch
ist heute der Heiland geboren“, was Wunder, daß die
Hirten beflügelten Schrittes nach Bethlehem eilen, daß sie mit
strahlenden Augen das göttliche Kindlein betrachten, daß sie mit
brünstigen Herzen die Opfer der Lippen ihm bringen!

Aber Weihnachten setzt sich fort. Simeon, der alte, gott⸗
selige Mann, kann nicht sterben, er habe denn zuvor den Christ
des HErrn gesehen. Hanna, die Wittwe, kommt nimmer vom
Tempel Tag und Nacht. Sie wartet mit vielen andern zu Jeru⸗
salem auf den Trost Israels. Wird denn die Zeit gar nicht
kommen? Heute kommt sie! Dort stellt eben Maria das Kind⸗
lein dar. Und siehe, der Geist des HErrn treibt die beiden Alten
herbei: Der ist es, der ist's, aller Heiden Trost! Und Simeon
nimmt das Kind auf seine zitternden Arme. O selige Freude!
Was will er mehr? Er hat seinen Heiland gesehen! Nun kann
er im Frieden heimfahren! — In diesem Kinde erkennen die
Weisen ihren König, in ihm Johannes das Lamm Gottes, in
ihm die Jünger des lebendigen Gottes Sohn. Sie haben ihn
alle mit leiblichen Augen erblickt. Sie glauben an ihn. In ihm
sind sie selig.

Und nach zweitausend Jahren ist die Kunde auch zu uns ge⸗
drungen. Wir, die wir Heiden waren, wandeln in demselben
Licht. Zwar mit den Augen des Leibes haben wir den Heiland
nicht gesehen. Aber in seinem Worte ist er uns erschienen. Im
Glauben haben wir ihn erblickt. Ja, wir kennen ihn, diesen
IEsum Christum, unsern HErrn. Wir wissen, an wen wir
glauben. Und unser ist die Seligkeit derer, die zwar leiblich
nicht sehen und doch glauben.

Doch nicht alle, die das Evangelium vom Sünderheiland
hören, freuen sich dessen. Sie stoßen sich muthwillig an dem
auserwählten, köstlichen Eckstein, den Gott in Zion gelegt hat.
Die einen leugnen seine ewige und bleibende Gottheit, die andern
seine wahrhaftige und vollkommene Menschheit, wieder andere
seine stellvertretende Erlösung. Christus ist ein Zeichen, dem
widersprochen wird. Und das zu aller Zeit, und heute mehr
als je. Ja, leider, auch im Hause derer, die ihn lieben! Die
meisten Menschen wollen gar nicht, viele wollen nicht durch
diesen Christum selig werden. Die Aermsten! Sie gehen
durch Unglauben verloren. O, daß sie sich retten ließen!

Wir aber wollen uns nicht beirren lassen. An ihm wollen
wir uns aufrichten. Er ist unser Friede. An ihn wollen wir
uns halten. Er ist unser König. Heute ist er nicht mehr niedrig

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