Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 6 › Seite 82
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1901, Seite 82
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 2 · Aergernis 4 · Welt · Welt 4
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Aber man wird vielleicht einwenden: „Ist es nicht doch bei
alledem eine Thatsache, daß die Welt jetzt gesitteter, weniger
grausam und unduldsam, überhaupt humaner geworden ist, als
sie früher war?
früher geherrscht, wie schon aus alten Gesetzbüchern hervor⸗
geht, in welchen oft auf die allergeringsten Vergehen die Todes⸗
strafe gesetzt ist! Wie wurde doch einstmals das gewöhnliche
Volk von den höheren Ständen in Unwissenheit gehalten und ge⸗
knechtet! Welche Blüthen trieb doch der Aberglaube in den greu⸗
lichen Hexenprocessen! Welch namenlose Schändlichkeiten hatte
doch die weitverbreitete Sklaverei in ihrem Gefolge! Welche
Gesetzlosigkeit offenbarte sich nicht in dem Raubritterthum der
alten Zeit! Dies und vieles andere mehr ist doch jetzt zum Wohl
der Menschheit aufgehoben und abgethan; und zeigt sich darin
nicht doch eine sittliche Besserung der Welt?“
Wir antworten: Damit, daß die Welt dies und jenes Stück
früherer Roheit abgelegt hat, ist sie noch lange nicht wirklich
besser geworden, so wenig wie der rohe Faustkämpfer dadurch
besser geworden ist, daß er den Kampfplatz verlassen, sich mit
seinem Blutgeld ein Haus gebaut und vornehme Kleidung ge⸗
kauft hat und sich nun in der „besten“ Gesellschaft bewegt. Und
dann wäre doch auch zu untersuchen, ob nicht die Seitens der
Welt neuangenommenen Stücke der Lasterhaftigkeit die etwa von
ihr äußerlich abgelegten Stücke reichlich aufwiegen; ob ferner
nicht die Zunahme in der einen Art von alten Sünden die schein⸗
bare Besserung in Sünden anderer Art bei Weitem übertrifft.
Wenn ein Trunkenbold das Trinken läßt und nun sein früher
liederlich verschwendetes Geld spart, aber dafür ein unbarm⸗
herziger, blutsaugerischer Wucherer wird, so kann doch wohl von
einer Besserung nicht die Rede sein. Vielleicht steht's mit der
Welt ebenso. Vielleicht hat sie sich etwa in zehn Stücken der
Gottlosigkeit einen Zaum angelegt, während sie es dafür in hun⸗
dert anderen Stücken der Gottlosigkeit nur desto toller treibt.
Wäre dies der Fall, so könnte doch wohl von einer wirklichen
Besserung der Welt um etlicher — und das auch nur äußer—⸗
lich — abgelegter Stücke willen nicht die Rede sein.
Wie steht's nun damit?
Prüfen wir einmal die Welt auf Anzeichen der Besserung
hin. Welche Besserung ist etwa in der Stellung der Völker zu
einander zu verspüren? Hat sich nicht gerade in den letzten Jahr⸗
zehnten des 19. Jahrhunderts die Welt, man möchte schier
sagen, in ein einzig großes Arsenal verwandelt? Bieten nicht
gerade die „christlichen“ Völker alle ihre Kräfte auf, um sich an
Kanonen, Kriegsschiffen, Soldaten und vielen anderen Kriegs⸗
zurüstungen gegenseitig den Rang abzulaufen? Offenbar trauen
sich die Völker gegenseitig kein schnelles Besserwerden zu, sonst
würden sie nicht fortwährend bis an die Zähne bewaffnet einan⸗
der gegenüberstehen.
Und was für Greuelthaten werden bei der vielgepriesenen
humanen Kriegsführung der Jetztzeit verübt! Wie schlimm
hausten seiner Zeit die Spanier auf Cuba! Was für schreckliche
Gerüchte dringen über die Kriegsführung Englands in Südafrica
zu uns herüber! Welcher Barbarei machen sich die „christlichen“
Heere, oder doch ein Theil derselben, in China schuldig! Wenn
man liest, daß ein breiter Fluß jenes Landes so mit Leichen derer
angefüllt war, welche ohne Unterschied des Alters und des Ge⸗
schlechts von „christlichen“ Soldaten niedergemetzelt wurden, so
Welch barbarische Gerechtigkeitspflege hat doch
daß kleinere Boote sich kaum einen Weg bahnen konnten. — wo
bleibt da die Besserung der Welt?
Scheiterhaufen? — gibt's solche jetzt nicht mehr? Was sind
denn das für Feuer, um welche gerade auch wieder zum Anfang
des neuen Jahrhunderts eine vielköpfige Menge der „besten“
Bürger der betreffenden Ortschaften versammelt stand? Die
Feder sträubt sich, die Einzelheiten zu berichten; auch sind ja die⸗
selben aus den täglichen Zeitungen mehr als genugsam bekannt.
Und hier kann nicht der Einwand gemacht werden, es seien dies
eben einzelne rohe Pöbelhaufen, deren Schandthaten man nicht
der ganzen Gesellschaft zur Last legen dürfe. Denn erstlich ist
die Häufigkeit solcher Pöbelhaufen, zu welchen sich, laut Bericht,
die „besten“ Bürger der Ortschaften gesellen, und gar oft die An⸗
führer abgeben, schon an sich ein ganz unleugbarer Beweis, daß
die Besserung, weder was die Breite, noch was die Tiefe anlangt,
besonders große Fortschritte gemacht haben kann. Zum andern
werden solche Volksgerichte von einer großen Zahl der Landes⸗
bewohner, wie aus den Zeitungen zu ersehen ist, theils gut⸗
geheißen, theils wenigstens entschuldigt; und wo auch die Sache
verdammt wird, da wird doch meistens nur das beklagt, daß
man der geordneten Rechtspflege der Obrigkeit hindernd in den
Weg getreten sei — von einer Entrüstung über die gottlose
Scheußlichkeit des Verbrechens, dem man den Namen Volks⸗
justiz beilegt, ist nur selten etwas zu spüren. Wie leichtfertig
sich das Volk über solche Greuelthaten hinwegsetzt, zeigt auch
das Verhalten der Gerichte. Um den Schein zu wahren, wird
zwar nach einem solchen Vorfall ein Schwurgericht einberufen;
allein der Wahrspruch dieses Gerichts lautet in der Regel dahin,
daß der von einem Pöbelhaufen Hingemordete durch unbekannte
Hand ums Leben gekommen sei, während doch oft die Thäter
selbst kein Hehl aus ihrer That machen und ihre Namen, wenn
sie ja unbekannt sind, leicht ermittelt werden könnten. Nimmt
man hierzu die sich jährlich steigernden Zahlen der Morde und
Selbstmorde, sowie die Verluste an Menschenleben, welche un⸗
mittelbar auf verbrecherische Fahrlässigkeit zurückzuführen sind,
so behauptet man nicht zu viel, wenn man sagt, die Erde sei
bald nicht mehr im Stande, das auf gottvergessene Weise ver⸗
gossene Blut zu trinken.
Und welches wären etwa die Anzeichen der „Besserung“ in
Bezug auf das sechste Gebot? Wenn je die Entheiligung der
Ehe, wenn je allerlei Unzucht und Unreinigkeit im Schwange
ging, so ist dies wahrlich jetzt der Fall. Es ist in diesem Blatt
kürzlich schon darauf hingewiesen worden, auf welch sodomitische
Zustände die allerwärts angepriesenen Mittel gegen die gesund⸗
heitlichen Folgen der Unzucht schließen lassen. Ist ferner auch
nur der vierte Theil wahr von dem, was in Zeitschriften und.
Büchern über die moralischen Zustände sonderlich der größeren
Städte berichtet wird, so gibt es wahrlich jetzt mehr als ein
Sodom. Indem wir ferner der stets sich mehrenden leichtferti⸗
gen Ehescheidungen, sowie solcher Ehen, welche nicht zu ihrem
gottgewollten Zweck geschlossen und geführt werden, nur Erwäh⸗
nung thun; und indem wir außerdem manches andere, das in
dieses Capitel gehört, ganz übergehen, wollen wir hier nur noch
auf das heutige Theater hinweisen.
Mit Recht kann man das Theater als ein Wetterglas an⸗
sehen, welches über den moralischen Zustand der Weltkinder Aus⸗
kunft gibt. Zeigt nun dieses Wetterglas ein Steigen oder ein
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