Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 6 › Seite 84
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1901, Seite 84
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 4 · Welt · Miſſion 32
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Lut Leran
tägliche Erfahrung einen jeden wohl lehren kann, von Tag zu
Tag schlimmer. Sie wird immer abgefeimter in ihrer Bosheit,
immer ruchloser im Handel und Wandel, immer frevelhafter in
ihrem Denken und Dichten. Das Geschlecht der theoretischen,
wie insonderheit der praktischen Atheisten oder Gottesleugner, der
epikureischen Säue, wie der selige Dr. Sihler zu sagen pflegte, ist
im stetigen Wachsthum begriffen. Immer weniger wollen sich
die Menschen vom Geiste Gottes strafen lassen, immer weniger
selbst durch die furchtbarsten Strafgerichte, wie wir sie gerade
auch in den letzten Monaten wieder erlebt haben, zur Besinnung
bringen lassen. Immer mächtiger dringt die Welt auch in die
Kirche ein und verdirbt da, zu ihrem eigenen desto größeren Ver⸗
derben, was sie nur verderben kann.
Und wie es für den Kundigen ein höchst bedenkliches Zeichen
ist, wenn ein Schwindsüchtiger besonders viel vom Bessersein und
Besserwerden redet, so ist auch das Gerede vom Besserwerden
der Welt, welches jetzt von allen Seiten her, selbst von manchen
Kanzeln herab, an unsere Ohren gellt, ein sicheres Zeichen des
nahen Weltendes.
Aber diese ruchlose, dem ewigen Tod entgegeneilende Welt
hat Gott geliebt und liebt sie noch. Er hat ihr seinen Sohn
gegeben und gibt ihr denselben noch fort und fort im Wort der
Gnade. Und kann er auch der ganzen Welt nicht helfen, weil sie
sich nun einmal von ihm schlechterdings nicht helfen lassen will,
so reißt er doch durch sein seligmachendes Evangelium bald da,
bald dort einen aus der verdammten Welt heraus, bringt ihn
zur Erkenntniß seines Heilandes IEsu Christi, vergibt ihm seine
Sünden, heilt seine Gebrechen und wirkt so in ihm und an ihm
eine wahre Besserung. H. Spd.
Aus unserer ostindischen Mission.
Heidenpredigt in und um Krischnagiri.
Einer an ihn ergangenen Aufforderung gemäß berichtet Mis⸗
sionar Näther über die Heidenpredigt in und um Krischnagiri
in höchst interessanter Weise. Leider aber ist sein Bericht so aus⸗
führlich, daß wir wenigstens neun Nummern des „Lutheraner“ in
Anspruch nehmen müßten, um ihn vollständig zu bringen.
können daher nur etliche Auszüge aus demselben machen.
Zuerst zeigt der Missionar, wo er predigt: in seinem Hause,
in seiner Schule und auf den Straßen. In Haus und Schule
wird regelmäßig des Sonntags, auf den Straßen alle Tage ge⸗
predigt.
Dann zeigt der Missionar, wann er predigt: insonderheit
am frühen Morgen.
die Sonne aufgeht, ist der Missionar schon weit von Hause weg in
irgend einem Dorfe seines Districts und bringt den Heiden die
Botschaft von Christo.
Nachdem er auf 17 engbeschriebenen Seiten — wie schade,
daß wir sie nicht mittheilen können! — diese Fragen behandelt hat,
kommt er nun auf die Hauptfrage: wie und was er den Hei⸗
den predigt.
Hier wollen wir ihn selbst reden lassen. Er schreibt:
„In der Apostelgeschichte lesen wir, wie der Evangelist Phi⸗
lippus in die Nähe des heimreisenden Kämmerers aus Mohren⸗
einander zu vertheilen.
Wir
Da kann er am ersten die Leute finden. Ehe
land Gottes Befehle gemäß kam, wie dann der Heilige Geist zu
ihm sprach: „Gehe hinzu, und mache dich an diesen Wagen“,
und wie er hierauf den in der heiligen Schrift lesenden Fremden
freundlich anredete mit den Worten: „Verstehest du auch, was du
liesest?“ und nachher ihm predigte ꝛc. So gehen wir auch hin
zu den Leuten und machen uns an die, welche wir finden, heran.
Wir sprechen sie freundlich an, und zwar reden wir nicht von
Dingen, welche ihnen fremd sind und fern liegen, sondern knüpfen
an an ihr Thun und Treiben, an die Umstände und Gelegenheiten,
wie sie sich eben darbieten. Ehe die Angeredeten es sich versehen,
haben wir dann das Gespräch auf das geistliche Gebiet hinüber⸗
geleitet und — „predigen“. So hat's ja nicht nur Philippus ge⸗
macht. Vor allem der HErr JEsus selber ist darin unser Vorbild.
Mit der Wasser schöpfenden Samariterin z. B. fängt er damit
an, daß er sie um Wasser für seinen Durst bittet und ihr darauf
Wasser des Lebens anbietet. Ja, damit tränkt er sie dann in
reichem Maße.
Das, was die große Menge meist beschäftigt, was ihre Ge⸗
danken erfüllt, ist ihre Arbeit. Vielfach treffen wir sie bei ihrer
Arbeit, oder wenn sie zu ihrer Arbeit gehen wollen, oder wenn
sie davon zurückkehren. Oder sie sitzen früh Morgens beisammen,
um die bevorstehende Arbeit mit einander zu besprechen oder unter
Wir kommen hinzu und mischen uns in
ihr Gespräch und fragen etwa: Wozu arbeitet ihr denn? Die
Antwort lautet in der Regel: „Um zu essen!“ Wir fragen weiter:
Wozu eßt ihr denn? Es bedarf diese Frage zur Beantwortung
schon mehr Ueberlegung. Es wird etwa erwidert: „Um arbeiten
zu können!“ „Woher hätten wir sonst Kraft zur Arbeit, wenn
wir nicht äßen?“ wird vielleicht noch hinzugefügt. So besteht
für sie der Kreislauf aller Dinge in Arbeiten, Essen, Arbeiten,
Essen ꝛc. Wir geben zu, was zuzugeben ist, und sagen: Ja, wir
arbeiten, um zu essen, und essen, um zu arbeiten. Wer nicht ar⸗
beiten will, soll auch nicht essen, sagt Gott. Und die Kraft zur
Arbeit gibt er durch das Essen. Aber sagt doch einmal, was ge⸗
schehen würde, wenn wir nicht äßen (ob wir nun arbeiten oder
nicht)? „Wie würde da der Hunger auszuhalten sein! Wir
stürben ja!“ Also — wir essen, um zu leben. Besonders kluge
Leute geben uns diese Antwort in andern Fällen sofort. Wir er⸗
widern sie nun etwa mit der neuen Frage: Wozu lebt ihr denn?
Sie lächeln über die wieder ans Vorangegangene anknüpfende,
gleichartige und doch nie bedachte Dinge berührende Frage. Die
Antwort lautet gewöhnlich: „Wir leben wie alle andern Menschen
auch.“ Oder: „Wir leben so lange, als es geht.“ Wir ent⸗
gegnen, wir hätten nicht gefragt, wie sie lebten oder wie lange,
sondern wozu? Manche gestehen nun, sie wüßten das nicht, und
wir hingegen sprechen unser Verwundern aus, daß sie Jahrzehnte
lang auf Erden sind, ohne zu wissen, wozu? Andere meinen etwa,
sie lebten, um zu heirathen, Kinder zu erzeugen und recht viel Geld
zu erwerben. Etliche wiederum sagen einfach: „Wir leben, um zu
sterben.“ Wir gehen auch auf diese Antworten ein, um daraus
zu zeigen, wie eitel ihr Lebenszweck ist — falls uns überhaupt Zeit
dazu gelassen wird. Denn meist erhebt sich nun einer und fragt
uns: „Wozu leben denn Sie?“ Und unsere Antwort hierauf
läßt nicht auf sich warten: Wir Christen leben, um zu Gott in
den Himmel zu kommen. Da ist es, als ob den Leuten ein Licht
aufgehe, und sie antworten in manchen Fällen darauf, das sei
auch ihr Lebenszweck, was wir, dem vorangegangenen Gespräch
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