Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 6 › Seite 83
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 19. März 1901, Seite 83
Scan: Internet Archive item DerLutheraner57.
⤓ Download page image (full resolution)
German transcription machine transcription, uncorrected
Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 4 · Welt · Welt 4
8WDer V„Tutheranets ö
83
Fallen der Weltmoral an? Was wird denn heut zu Tage ge⸗
spielt? Welcher Art sind die Stücke, von welchen die heutige
Bühne beherrscht wird? Die Theaterdichtungen der deutschen
und englischen Classiker sind mit verschwindend wenig Ausnah⸗
men reichlich mit Unfläthereien gespickt, aber trotzdem sind sie
dem heutigen Geschlecht noch viel zu „zahm“. Die Schauspiele,
welche jetzt über die Bühnen gehen, sind zumeist wahre Abgründe
von Schmutz von Anfang bis zu Ende; und dabei gewöhnlich so
läppisch, daß man nicht meinen sollte, daß zumal die „bessere“
Gesellschaft dadurch angezogen werden könnte. Aber sie „ziehen“.
Im langen Zuge strömt Tag für Tag Jung und Alt aus allen
Ständen — auch „geistliche“ Herren fehlen nicht — in die Hallen
und in die Parks, um die Augen an den schamlos unzüchtigen
Bewegungen der Balletttänzerinnen zu weiden, um die Ohren
an den unzüchtigen Liedern einer gefeierten Schauspielerin zu
ergötzen.
Wollten wir noch mehr Anzeichen der „Besserung“ anführen,
so könnten wir auch auf die massenhaften Diebstähle vieler höherer
und niederer Beamten hinweisen; ferner auf die himmelschreien⸗
den Vergewaltigungen, welcher sich das Capital schuldig macht;
auf die Erwählung überführter Spitzbuben in die gesetzgebenden
Körperschaften des Landes; auf die Umtriebe der Anarchisten und
Socialisten und auf vieles andere mehr. Das Angeführte wird
jedoch sicherlich zum Beweise dafür genügen, daß die Welt sich
keineswegs auf dem Wege eines moralischen Besserwerdens be⸗
findet.
Um aber noch recht deutlich zu veranschaulichen, wie es
eigentlich um die vielgepriesene Besserung der Welt steht, sei es
gestattet, einen Vergleich zu ziehen. Zum Zweck dieses Ver⸗
gleichs wollen wir die Welt, welche, eigentlich zu reden, todt ist
in Uebertretung und Sünde, einmal nur als krank betrachten.
Stellen wir uns einen jener bedauerungswürdigen Menschen
vor, welche die Lungenschwindsucht mit auf die Welt gebracht
haben, bestehe nun das Mitgebrachte in wirklichen Keimen die⸗
ser Krankheit, oder nur in einer körperlichen Veranlagung dazu.
So etwa im zwanzigsten Lebensjahr stellen sich die ersten ernst⸗
licheren Anzeichen jener schrecklichen Seuche ein. Es werden nun
allerlei Hausmittel angewandt. Wie es scheint, bleiben sie auch
nicht ohne die gewünschte Wirkung. Man sagt, und einer sagt
es dem anderen: „Der Kranke ist besser geworden!“ Allein bald
stellen sich die alten Krankheitserscheinungen, und zwar nun in
einem verstärkten Maße, wieder ein. Jetzt werden Aerzte zu
Rathe gezogen. Sie versuchen ihre Kunst; und bald heißt es
wieder: „Der Kranke ist besser geworden!“ Es dauert jedoch
nicht lange, da wiederholt sich der vorige Vorgang. Nun nimmt
man zu Bädern, zum Klimawechsel und, wo kein Verstand und
kein Gewissen ist, wohl gar zu allerlei Wunderdoctoren seine Zu⸗
flucht. Wieder heißt es: „Der Kranke ist besser geworden!“ So
geht es eine Weile fort. Da kommt ein Tag, an welchem der
Patient, nachdem er wieder einmal, vielleicht Wochen lang, das
Bett gehütet hat, mit besonderem Nachdruck behauptet, er sei
nun wirklich besser. Der Husten habe ja ganz nachgelassen; kein
Schmerz wühle in seinen Gliedern; insonderheit fühle er sich so
leicht auf der Brust, wie schon seit Jahren nicht mehr. O, wie
freuen sich da seine ahnungslosen Hausgenossen! Seit langer
Zeit ißt der Kranke heute einmal wieder eine ordentliche Mahlzeit
mit wirklichem Appetit. Er spricht auch mit so klarer Stimme,
ergeht sich in so weitsichtigen Plänen, daß jetzt doch am aller⸗
wenigsten ein tödtlicher Ausgang der Krankheit zu befürchten steht.
Doch, was ist das? Was ist das für ein sonderbarer Ausdruck,
den auf einmal das Gesicht des Patienten annimmt? Wohl nur
eine vorübergehende Schwäche! Aber nein! sieh doch, wie seine
Brust sich hebt und senkt! Da — ein Blutstrom entquillt seinem
Munde; röchelnd legt sich der Kranke zurück in die Kissen und ist
— todt.
Ist nun dieser Kranke in all den Jahren seines Leidens
jemals in Wahrheit besser geworden? Nein! Im Gegentheil,
mochte sein äußerlicher Zustand sein, wie er wollte, innerlich
nahm seine Krankheit stetig zu; und trotz aller Aerzte und Medi⸗
cinen eilte sein Ende unaufhaltsam mit Riesenschritten herbei.
Genau so steht es um das Besserwerden der Welt. Die
Welt hat einen schlimmen Erbfehler, die Sünde. Dies aller⸗
tiefste Verderben der ganzen menschlichen Natur nimmt bei der
Welt stetig zu. Das heilt keine Salbe und kein Pflaster. Da
ist alleqKunst weltberühmter Wunderärzte verloren. Und wie
viele solcher Wunderdoctoren gibt es doch, die der armen Welt
helfen wollen! Da ist Dr. Bildung. Er besieht sich die kranke
Welt und spricht: „Das Herz ist gesund. Es handelt sich bei
dem Kranken nur um ein Kopfleiden — dem kann abgeholfen wer⸗
den!“ Der Kranke macht nun den von diesem Arzt verordneten
zehn⸗ bis fünfzehnjährigen Schulcursus durch. Allein bald wird
es doch gar zu offenbar, daß mit dem bloßen Wissen zur Besserung
der Welt wenig beigetragen ist. Nun meldet sich Dr. Moral.
Da der Zustand des großen Patienten schon recht bedenklich ist,
so macht dieser Arzt seine moralischen Einspritzungen in ziemlich
verdünnten Dosen. Aber auch das Tränklein aus der Tugend⸗
flasche will nicht recht anschlagen. Da erbarmt sich denn Dr. Staat
des Kranken. Er verschreibt strenge Diät. Sein Das⸗sollst⸗du
und Das:⸗sollst⸗du⸗nicht mit beigefügter Strafe füllt manchen Band
aus. Auch Dr. Loge kommt geschäftig herbeigeeilt. Er meint,
Gemüthsruhe und geeignete Kleidung würden dem Kranken wie⸗
der aufhelfen. Zu dem Ende drückt er ihm eine Lebensversiche⸗
rungspolice in die Hand, näht ihm blanke Knöpfe an den Rock
und setzt ihm einen Helmbusch auf das Haupt. Der Gesund⸗
heitsrath der mancherlei Reverends'' hört auch von dem bedenk⸗
lichen Zustand des Patienten und ist nun seinerseits fest über⸗
zeugt, daß durch Ruhe und Klimawechsel Hülfe geschafft werden
könne. Darum sorgt er für einen „stillen Sonntag“, bringt eifrig
die Polizei auf die Beine, danrit sie die Luft von dem Dunst starker
Getränke möglichst reinige. Und so versucht noch manches Doc⸗
torlein seine Kunst.
Wird nun der Welt durch alle diese Curen geholfen? Wird
sie besser? Man sagt es allerorten. Und es ist nicht zu leug⸗
nen, der Patient, die Welt, sieht gelegentlich etwas gesünder aus.
Manche Krankheitserscheinungen nehmen ab, andere freilich neh⸗
men in desto stärkerem Maße zu. Da aber diese zunehmenden
Symptome weniger beachtet werden, theils weil sie weniger in
die Augen fallen, theils auch nur deswegen, weil man sich an
chronische Krankheitserscheinungen bald gewöhnt und sich nicht
sehr darüber ängstigt, so geschieht es, daß oftmals selbst solche
Leute, die es billig besser wissen sollten, zu der Ansicht kommen,
die Welt sei besser geworden. Allein es ist nichts als eine Täu⸗
schung. Mögen die Symptome sein, wie sie wollen, die Welt
wird nicht besser, sondern wird, wie die Schrift sagt und die
English translation
Not yet translated.