Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 57, Nummer 8 › Seite 124
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 16. April 1901, Seite 124
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Aergernis 4 · Erziehung 13
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her zum Wasser; und die ihr nicht Geld habt, kommt her, kaufet
und esset; kommt her und kaufet ohne Geld und umsonst beide Wein
und Milch“, Jes. 55, 1. Und wieder las siweiter: „Und der Geist
und die Braut sprechen: Komm. Und wen da dürstet, der komme;
und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst“, Offenb.
22, 17. „Aber, Hans“, sagte sie endlich, „hier ist das beste, Komm“
von allen: „Kom met her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das
Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt“, Matth. 25, 34.“
Nun ist die Marie schon lange im Himmel. Aber ihre letzten
Worte auf Erden waren: „Hans, ich gehe zum HErrn; komm du
auch, damit ich dich wiedersehe, und versprich mir, unser Kind zu lehren,
wie es ihn findet.“
So oft nun Hans das Wort „Komm“ in seiner Bibel liest,
ist's ihm, als hörte er Mariens liebe Stimme zu ihm reden; und zu
seinem Kinde sagt er nicht: „Geh“, sondern: „Komm zum HErrn!“
Ihr lieben Eltern aber, die ihr dies leset, schickt ihr eure Kinder
zum HErrn Christo mit einem „Geh!“ oder führt und leitet ihr sie
durch Gottes Wort, Gebet, christliche Schule und gewissenhaftes Vor⸗
bild zum HErrn mit einem einladenden „Komm“, also daß ihr selber
auch in der Nachfolge des HErrn stehet? Kommt nicht das Verderben
so mancher Seele daher, daß zu viel mit „Geh“ und zu wenig mit
„Komm“ erzogen worden ist?
Unser einziges Kind.
„Er ist unser einziges Kind“, entschuldigten sich die Eltern, „wir
müssen ihm schon seinen Willen lassen!“ — und er that, wozu er
Lust hatte.
„Er ist unser einziges Kind und erbt allen unsern Reichthum; er
braucht mit Lernen nicht angestrengt zu werden“, sagte sie — und er
wurde ein Müßiggänger.
„Er ist mein einziges Kind, ihn darf kein rauhes Lüftchen an⸗
wehen“, sagte die Mutter — und er wurde ein Muttersöhnchen.
„Er ist unser einziges Kind; er kann von allem haben, was wir
haben!“ bestimmten die Eltern — und er wurde genußsüchtig.
„Er ist unser einziges Kind; man braucht ihm die Zügel nicht so
straff zu ziehen!“ beruhigten sie sich bei seinen dummen Streichen —
und er wurde leichtsinnig.
„Er ist unser einziges Kind; wir können's ja“, trösteten sie sich,
als sie seine Schulden bezahlen mußten.
„Er ist unser einziges Kind!“ klagten sie, als er ihnen den Rücken
kehrte und sich in ein wüstes Leben stürzte.
„Er ist unser einziges Kind!“ jammerten sie gebrochenen Herzens,
als er Schande über Schande über sie gebracht und sich das Leben ge⸗
nommen hatte.
Er war ihr „einziges Kind“ gewesen, und sie hatten ihn nicht zu
huͤten gewußt; weil er ihr „einziges“ Kind war, hatten sie ihn ver⸗
loren gehen lassen.
Und dazu noch eine kleine bekannte Geschichte: Herr W. hatte
einen kleinen Garten mit seiner Frau umgegraben und bestellt. Ein
Beet ist noch leer; da säet er heimlich Salat darauf, um seiner Frau
eine Freude zu machen.
an das leere Beet und säet Bohnen darauf.
Mann und Frau heimlich zu dem Beete, um zu jäten, ohne von der
Aussaat des andern Kenntniß zu haben. Die Frau hält den Salat
für Unkraut, der Mann die Bohnen, und auf diese Weise erhält der
Mann keinen Salat und die Frau keine Bohnen. So ist der Erfolg
der Kindererziehung, wenn die Mutter erlaubt, was der Vater ver⸗
bietet, und der Vater ausreißt, was die Mutter gepflegt hat. Das ist
eine alte Geschichte, die aber täglich vorkommt.
Kleine lehrreiche Erzählungen aus Luthers Schriften.
10.
Hohe, treffliche Gaben von Gott bekommen und doch fein demüthig
bleiben, ist nicht leicht. Ein bös Ding ist's, wenn ein Christ es merkt
und sich merken läßt, daß er etwas vor anderen ist und doch dabei
glaubt, daß er fromm sei. Lies nun, lieber Christ, die folgende Er⸗
zählung Luthers:
„Man liest von einem alten Vater in der Wüste, der eine sonder⸗
liche Gnade hatte, Teufel auszutreiben, und viel Leuten half, daß alle
Welt ihm nachlief und schier für einen Gott hielt. Da begann ihn
auch die Eitelehre anzufechten, und als er das fühlte, bat er Gott, daß
er ihn behütete und nicht ließe in Hoffart fallen. Da ließ ihn Gott
vier Wochen vom Teufel besessen werden und plagen, daß er alle sein
gut Geschrei verlor und jedermann sagte: Siehe, der hat andern Leuten
geholfen, nun liegt er da und kann ihm selbst nicht helfen! Also ward
er der Anfechtung los und blieb in der Demuth. Das sage ich zum
Exempel, anzuzeigen, wie ein gefährlich Ding es ist um große, hohe
Gaben, und der Hochmuth allzeit sich dran hängen will. Wie man
auch sieht in groben, äußerlichen Dingen, ja, in dem Bettelstab zeit⸗
liches Guts und Herrschaft. Summa, Gottes Gaben sind so trefflich
edel, wir aber so beschmeißt, daß wir's nicht können lassen, wir müssen
stolz werden und darauf trotzen, wenn wir sie fühlen, und wiederum
verzweifeln, wenn wir sie nicht haben.“ (St. L. Ausg., VII, 615.)
11.
Gott kann ohne sein geoffenbartes Wort weder erkannt noch er⸗
griffen werden. Diese Lehre erhärtet Luther mit folgender Erzählung:
„So schreiben sie von einem gelehrten Poeten, Simo-⸗
nides, daß er auf eine Zeit gefragt ward, und sollte sagen, was doch
Gott wäre, oder was er von Gott hielte und glaubte? Da nahm er
einen Aufschub und Frist drei Tage, sich darauf zu bedenken. Da
diese um waren, und sollte antworten, begehrte er andere drei Tage,
daß er ihm möchte besser nachdenken; und nach diesen abermal also,
so lange, bis er zuletzt nicht weiter konnte noch wollte und sprach:
Was soll ich sagen? Je länger ich darnach denke, je weniger ich davon
weiß. Damit ist angezeigt, daß menschliche Vernunft, je höher sie fährt,
Des andern Tages geht seine Frau heimlich
Jeden Tag nun gehen
Gottes Wesen, Werk, Willen und Rath zu erforschen und ergründen,
je weiter sie davon kommt und zuletzt dahin fällt, daß sie Gott für
nichts hält und nichts überall glaubt, wie denn auch jetzt solcher Leute
viel werden unter den großen Klüglingen. Also muß es gehen allen,
so ohne das bloße Wort fahren, und vorhin die Vernunft zu Rathe
nehmen in des Glaubens Artikeln und sehen, wie sich's mit ihr reime;
wie unsern irrigen Geistern über dem Sacrament, Taufe und andern
Stücken geschehen ist.“ (St. L. Ausg., VIII, 761.)
Neue Drucksachen.
Krautgarten für die kranken Seelen. Von M. Michael Bock. Heraus⸗
gegeben von Dr. Th. Kliefoth, Oberkirchenrath. Zweite
Auflage. Zwickau i. S. Verlag des Schriftenvereins der
sep. ev.⸗luth. Gemeinden in Sachsen. 90 Seiten 544, in
Leinwand geb. Preis: 15 Cts. Bestellungen werden entgegen⸗
genommen vom Concordia Publ. House, St. Louis, Mo.
Ein treffliches, wahrhaft evangelisches Trostbüchlein. Der Verfasser ist
ein lutherischer Prediger im Elsaß gewesen und hat vor mehr als 300 Jahren
gelebt. Sein Büchlein war früher weit verbreitet, namentlich in einer platt⸗
deutschen Uebersetzung. Vor 40 Jahren hat es der bekannte mecklenburgische
Oberkirchenrathspräsident Dr. Kliefoth wieder in das Hochdeutsche zurücküber⸗
setzt und herausgegeben, und nachdem es längere Zeit vergriffen war, hat es
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