Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 14 › Seite 210
Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. Juli 1904, Seite 210
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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Evangelium 9 · Evangelium · Predigt 7
210
SVer 1. E utheraner
Warum ist die Predigt des Evangeliums das wichtigste
Geschäft in der Welt?
Ich hebe aus unserm Text einen zweifachen Grund hervor:
1. weil zur Predigt des Evangeliums die Welt
noch steht;
2. weil ohne das Evangelium kein Mensch selig
werden kann.
ö 1—
Es kommt, theure Zuhörer, ein Ende für diese Welt.
Diese Welt, die wir vor Augen sehen, geht unter. Es gibt
zwar Leute, welche sagen: Diese Welt bleibt ewig. Aber das
sind Thoren. Gerade solche Thoren, wie jene Leute von Mar⸗
tinique, die am Fuße eines feuerspeienden Berges wohnten und
sich von einer wissenschaftlichen Untersuchungscommission be—
lehren ließen, es habe keine Gefahr. Am nächsten Tage waren
sie allesammt, die wissenschaftliche Untersuchungscommission ein⸗
geschlossen, unter dem feurigen Strom begraben. So kommt
auch ein Ende für diese Welt. Der HErr Christus spricht klar
und deutlich: „Himmel und Erde werden vergehen.“ Diese
Welt ist der Sünde der Menschen wegen dem Gericht verfallen.
Es ist ihr nur noch eine kurze Frist gegeben.
Aber warum ist das Gericht nicht schon längst hereinge⸗
brochen? Zu welchem Zweck steht denn die Welt noch? Das
sagt uns unser Text: „Es wird geprediget werden das Evange⸗
lium vom Reich in der ganzen Welt, zu einem Zeugniß über alle
Völker; und dann wird das Ende kommen.“ Also zur Pre⸗
digt des Evangeliums steht die Welt noch. Freilich,
die Menschen, welche Gottes Wort nicht hören und glauben, er⸗
kennen das nicht. Ihnen stehen andere Interessen im Vorder⸗
grunde. Sie reden auch noch wohl von einer „Mission“, aber
nicht von der christlichen. Als Zweck der Welt stellen sie die
sogenannte Culturmission der Völker hin. Die Menschheit soll
Gelegenheit haben, ihre großen Talente zu entfalten. Und jedes
Volk kommt sich so ziemlich am wichtigsten vor. Frankreich
glaubt eine besondere Culturmission zu haben. Ebenso England.
Ebenso Deutschland. Nicht minder Rußland. Und wir Ameri⸗
caner stehen in der Selbstschätzung hinter andern Völkern wahr⸗
lich nicht zurück. Wir glauben erst recht eine beglückende Cultur⸗
mission an die ganze Welt zu haben, wie uns unsere Zeitungen
tagtäglich zu belehren trachten. Aber das ist eitel Unverstand
und kindischer Hochmuth. Der Mensch, welcher von Gott und
Gottes Wort los ist, kommt sich ungemein wichtig vor. Er meint,
das Weltall drehe sich um seine herrlichen Thaten. Aber that⸗
sächlich steht es so: Gott hat vor den sogenannten Culturarbeiten
der Menschheit sehr wenig Respect. Die Menschheit, sich selbst
überlassen, cultivirt nur die Sünde und ihre ewige Verdammniß.
Um der französischen oder englischen oder deutschen oder ameri⸗
canischen Culturbestrebungen willen legt Gott der Welt nicht
einen Tag an Dauer zu. Nein, es ist etwas ganz anderes,
weshalb die Welt noch steht. IEsus Christus, der menschgewor⸗
dene Gottessohn, hat vor 1900 Jahren durch Leiden und Thun
allen Menschen Gottes Gnade und die Seligkeit erworben und
sich dann zur Rechten Gottes gesetzt, um durch die Predigt des
Evangeliums Gnade und Seligkeit an die Menschen auszutheilen.
Zu diesem Zweck, und nur zu diesem Zweck, steht die Welt noch,
wie unser Text bezeugt. Das Evangelium spielt nur
scheinbar eine unbedeutende Rolle in der Welt. In
Wirklichkeit ist das Evangelium der Mittelpunkt,
um den sich das Rad der Weltgeschichte dreht. Um
des Evangeliums willen läßt Gott noch Sonne, Mond und Sterne
scheinen. Um des Evangeliums willen läßt Gott noch Tag und
Nacht werden. Um des Evangeliums willen gibt Gott noch Samen
und Ernte. Um des Evangeliums willen läßt Gott noch Staa⸗
ten bestehen, Culturstaaten und andere Staaten. Um des Evan⸗
geliums willen gibt Gott noch Geld und Gut. Um des Evange⸗
liums willen verleiht er noch Verstand und Weisheit. Um des
Evangeliums willen läßt Gott noch Erfindungen machen. Eisen⸗
bahnen und Dampfschiffe sollen im Grunde dem Laufe des Evan⸗
geliums dienen. Freilich, auch die Gottlosigkeit gebraucht alle
diese Gaben Gottes. Aber Teufel und Welt fahren unter Gottes
Zulassung doch nur mit. Die Welt ist da und ihr ganzes Wesen
und Getreibe ist in Thätigkeit — um des Evangeliums willen,
so gewiß der HErr sagt: „Es wird geprediget werden das Evan⸗
gelium vom Reich unter allen Völkern, zu einem Zeugniß üͤber sie;
und dann wird das Ende kommen.“ Hat das Evangelium seinen
Lauf unter den Völkern vollendet, dann spricht Christus: Nun ist's
genug mit dieser Welt, und macht der Welt ein Ende. Darum ist
die Predigt des Evangeliums das wichtigste Geschäft in der Welt.
Warum erinnere ich hieran? Um zu verhüten, daß wir
Christen dieses wichtigste Geschäft, das uns befohlen ist, nicht
zu einem Geschäft zweiter, dritter oder vierter Klasse machen und
für alles andere, für Farmen, Geschäfte, Häuser, eigene Bequem⸗
lichkeiten ꝛc., eher sorgen als für die Predigt des Evangeliums.
Die Gefahr, diese Thorheit zu begehen, ist für uns noch vor⸗
handen. Das Fleisch, das auch noch uns Christen anhängt, ist
blind, unverständig, gottlos, selbstsüchtig und denkt an alles an⸗
dere eher als an die Predigt des Evangeliums. Darum müssen
wir uns täglich aus Gottes Wort belehren und erinnern,
damit wir nicht nach dem unverständigen Fleische, sondern nach
dem verständigen Geiste wandeln. Wir müssen uns täglich aus
Gottes Wort die rechte christliche Erkenntniß darreichen lassen,
daß die Welt und alles, was darinnen ist, nur noch um des Evan⸗
geliums willen vorhanden und darum die Predigt des Evan⸗
geliums das wichtigste Geschäft in der Welt und als solches von
uns Christen zu behandeln ist.
2.
Doch noch einen zweiten Grund gibt unser Text an, wes⸗
halb die Predigt des Evangeliums das wichtigste Geschäft in der
Welt ist. Ohne das Evangelium kann kein Mensch selig werden.
Das Evangelium, das auf Christi Befehl gepredigt wird, heißt
hier in unserm Text „das Evangelium vom Reich“. Was ist
das für ein Reich? Das ist nicht das Reich der Cultur oder der
menschlichen Selbstentwickelung. Das ist auch nicht Frankreich
oder England oder Deutschland oder America oder der andern
eins. Sondern das ist das Reich, in welchem die vom Gesetz
Gottes zum ewigen Tode verurtheilten Menschen Gottes Gnade
und die Seligkeit haben. Es ist das Reich Ehristi, das Reich
der Gnade, die Christus für alle Menschen erworben hat.
Dieses Reich kommt durch die Predigt des Evangeliums unter
die Völker. Wer das Evangelium glaubt, tritt in dieses Reich
ein, ist der ewigen Verdammniß entrissen und im Besitz der Gnade
Gottes und der Seligkeit.
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