Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 60, Nummer 14 › Seite 218

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 5. Juli 1904, Seite 218

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8VDer 2„Dutheraned

sicherlich nicht. Aber dahin kommt es, wenn man das Eine, große
Mittel, die Christen zu willigem Geben zu bewegen, das Evangelium
von der Barmherzigkeit Gottes in Christo, Röm. 12, 1., außer Acht
läßt. Wo die Liebe Christi das Herz nicht willig macht, Gaben für
Gottes Reich zu opfern, da reizt man die Geldgier, 10 Cents daran
zu wenden, um 825.00 in Gold zu gewinnen. Es ist natürlich eine
große Selbsttäuschung, wenn man da noch meint, man hätte etwas für
des HErrn Werk gethan. Solche Weise wird ja vielfach bei den Secten
angewandt, um die Kirchenkassen zu füllen, aber es ist eine Schmach,
daß auch sogenannte lutherische Gemeinden zu solch verwerflichen Mit⸗
teln greifen. Wir sollen daher solch ein Werk weder unterstützen noch
solchen Geist bei uns aufkommen lassen. Christen geben willig und
reichlich für kirchliche Zwecke, auch zur Tilgung etwaiger Gemeinde⸗
schulden, aus Liebe zu Gott, der ihrer Mittel bedarf, nicht aber um
dadurch etwa selbst Geld zu gewinnen. E. K.
Order of the Holy Cross“ heißt ein Orden der Episkopal⸗
kirche, der im Jahre 1880 in New York gegründet worden ist und
einem römischen Mönchsorden so ähnlich sieht wie ein Ei dem andern.
Das Ordensgelübde verpflichtet die Mitglieder zur Armuth, zur Ehe⸗
losigkeit und zum Gehorsam, gerade wie ein katholischer Orden. In
West Park, in der Nͤähe von Poughkeepsie, N. Y., ist jetzt für sie ein
Kloster errichtet worden, zu dem 70 Acker Land gehören, die von den
Ordensmitgliedern bearbeitet werden sollen. Auch dies ist wieder ein
Beleg dafür, daß die Episkopalkirche sich immer mehr Rom nähert und
sich bald nur noch dadurch von Rom unterscheidet, daß sie den Pabst
noch nicht anerkennt als „Statthalter Christi“. Aber gerade diese
immer katholischer werdende Kirche hat es mancherorts ganz besonders
auf die Lutheraner abgesehen. Im Osten unsers Landes ist es bekannt
genug, daß die Nachkommen vieler lutherischen Familien heute Glie⸗
der der Episkopalkirche sind, und im Westen hat es kürzlich ihr Bischof
von St. Paul auf ihrer Kirchenversammlung offen ausgesprochen, daß
die Erfahrung der letzten beiden Jahre ihn gelehrt habe, daß die Epis⸗
kopalkirche auf eine reiche Ernte unter der zweiten Generation von
Deutschen und Skandinaviern hoffen könne; mehr als die Hälfte der
von ihm im verflossenen Jahre Confirmirten sei von deutscher und
skandinavischer Abkunft gewesen; das Missionswerk unter diesen bei⸗
den Volksstämmen müsse daher aufs freigebigste unterstützt werden.
Die meisten Deutschen und Skandinavier des Nordwestens sind aber
bekanntlich von Haus aus lutherisch. L. F.

Aus Welt und Zeit.

Das entsetzliche Unglück, das sich vor zwei Wochen in New Vork
bei dem Brand des Dampfers „General Slocum“ zugetragen hat, ist
noch in aller Gedächtniß und hat in den weitesten Kreisen die herz⸗
lichste Theilnahme hervorgerufen. Sind doch nach den letzten Nach⸗
richten gegen tausend Menschen, fast ausschließlich Frauen und Kinder,
Opfer des Feuers und Wassers geworden. Wir übergehen die schreck⸗
lichen Einzelheiten, die aus der Tagespresse hinlänglich bekannt sind.
Die lutherische, zum Generalconcil gehörige St. Marcus⸗Gemeinde,
deren Sonntagsschule den Ausflug veranstaltete, ist aufs tiefste ge⸗
troffen; ihr Vorstand, ihr Frauenverein, ihr Singchor, ihre Sonntags⸗
schule sind der meisten ihrer Glieder beraubt; ihr Pastor, Dr. G. C. F.
Haas, hat Frau und Tochter und andere Verwandte verloren, der Emi⸗
grantenmissionar des Generalconcils, P. G. Döring, zwei Kinder, und
seine Frau liegt auf den Tod darnieder. Um die Beerdigungen zu
vollziehen, waren 40 bis 50 Pastoren thätig, von denen jeder eine An⸗
zahl übernahm; die Todtengräber, besonders auf dem am meisten be⸗
nutzten lutherischen Kirchhof, mußten bis zur Erschöpfung arbeiten;

die 29 nicht identificirten Leichname wurden dort in ein Massengr.
gelegt. Das ganze Unglück bringt wieder den vor einem halben Jah
geschehenen Theaterbrand in Chicago in Erinnerung. Und doch ist ei
Unterschied zwischen beiden Unglücksfällen. Dort war es ein wel
liches Vergnügen, an dem hauptsächlich Weltkinder Theil nahmen
freilich auch manche, die den Christennamen trugen und sich darum vo
der Stätte der Weltlust hätten fernhalten sollen; hier war es ein Au
flug an einem Wochentage, an dem auch ein Christ zur Erholung m
gutem Gewissen Theil nehmen konnte, und die große Menge der Ve⸗
unglückten waren getaufte Christenkinder. Wie bei dem Unglück i;
Chicago, so wird auch jetzt wieder in der Presse die Frage aufgewo
fen, wie sich solch ein schrecklicher, durch mehr oder weniger Schuld
Menschen hervorgerufener Unglücksfall mit der Liebe und Güte Gotte
vertrage. Wir Christen lassen uns dadurch nicht irre machen; w
wissen, daß kein blinder Zufall, kein dunkles Verhängniß über un
waltet, daß nichts ohne Gottes, unsers himmlischen Vaters, Wille
und Zulassung geschieht, wenn auch menschlicher Leichtsinn, frev
Nachlässigkeit und Pflichtversäumniß die nächstliegenden Ursachen sint
Wir trösten uns in allen Heimsuchungen der Worte des Propheten
„Solches geschieht auch vom HErrn Zebaoth; denn sein Rath i
wunderbarlich, und führet es herrlich hinaus“, Jes. 28, 29. W.
legen mit Jesaias den Finger auf den Mund und sagen: „Fürwah
du bist ein verborgener Gott“, aber fügen sogleich mit ihm hinzu
„Du Gott Israel, der Heiland“, Jes. 45, 15., und demüth
gen uns unter seine gewaltige Hand, die uns dereinst auch solche Hein
suchungen wird verstehen lassen, 1 Petr. 5, 6. Joh. 13, 7. Der gan)
entsetzliche Unglücksfall erinnert uns jedoch auch daran, daß nur ei
Schritt zwischen uns und dem Tode ist, 1 Sam. 20, 3., und mahr
uns, seiner stets gewärtig zu sein und auch bei erlaubten Ausflüge
und Erholungen so zu wandeln, daß wir jeden Augenblick vor Gotte
Angesicht erscheinen können. L. F.

ö
Eine wunderbare Führung Gottes. ö

Einer unserer Taubstummenmissionare berichtet: Als ich 11
letzten Weihnachtstage meinen Gottesdienst für Lincoln, Nebr., an
zeigen wollte, hörte ich von einem Taubstummen, der etwa zehn Meile
von Lincoln auf dem Lande wohnte. Ich schickte ihm eine Postkart
und lud ihn ein, zum Gottesdienst zu kommen. Er kam auch, un
selten habe ich einen aufmerksameren Zuhörer gehabt, als diesen Harr
Wilcox. Mit der größten Aufmerksamkeit folgte er der Weihnachts
botschaft, bis ich fertig war. Nach der Predigt bedankte er sich un
versprach, wiederzukommen. Doch es sollte anders kommen; den
kurze Zeit nachher wurde er, während er auf dem Bahngeleise ging
von einem Zuge überfahren und am Rückgrat so schwer verletzt, da
der untere Theil seines Körpers vollständig gelähmt war. Nachdem
in ein Hospital gebracht worden war, wurde er von einem Taubstum
men besucht, und dieser schickte eine Correspondenz über den Unfall a⸗
eine Taubstummenzeitung in Omaha, Nebr. Am Schluß des B
richtes hieß es: Harry is anxious to know about Christ.“ Ic
las diesen Bericht und beschloß, den jungen Mann im Hospital z
Nebraska City (50 Meilen von Omaha) zu besuchen. Ich ging, un
groß war seine Freude, als ich in sein Zimmer trat. Ich sah sofort, d
er nicht lange mehr leben konnte, und theilte ihm dies mit. Er m
es auch selber. Wir hatten eine lange Unterredung, ich sprach ei
gehend mit ihm über Sünde und Tod und Gottes Gnade in Chri
JIEsu und benutzte dabei insonderheit die Sprüche: „Also hat Gott di
Welt geliebet“ ꝛc., „Das ist je gewißlich wahr“ ꝛc. und „Das Bl
IEsu Christi“ ꝛc. Mit großer Heilsbegierde vernahm er alles,
ich ihm sagte. Er erkannte, daß er ein Sünder sei, bekannte aber a

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