Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 61, Nummer 18 › Seite 276

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 29. August 1905, Seite 276

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liegt“, schreibt ein innerhalb der Landeskirche erscheinendes posi⸗
tives Blatt, daß „menschlicher Unverstand und blinder Partei⸗
eifer“ in demselben „den Ausschlag geben“; und im Hinblick
auf die Landeskirche als Ganzes sagt dasselbe Blatt: „Eine
Kirche, welche nicht mehr zu Ehristus hinführen kann, weil sie
keinen Christus mehr hat, die muß zerfallen. Bei uns (in der
Landeskirche Augsburgischer Confession im Elsaß) ist es schon
hart daran!“ „Der Geist der Wissenschaft und der Parteigeist
sind gewaltig am Werk zu zerstören; Gottes Wort und die hei⸗
ligen Sacramente werden entwerthet, das Bekenntniß und die
Selbständigkeit der Kirche unterwühlt, bald wird sie nur ein
Trümmerhaufe, ein Leichenfeld sein!“ꝰ)

Diesen überaus traurigen Zustand der elsassischen luthe⸗
rischen Landeskirche haben viele Christen innerhalb derselben
schon längst erkannt und beklagt, auch dagegen geredet und ge⸗
schrieben. Doch ist es trotz alledem nicht besser mit ihr geworden;
vielmehr gilt von ihr die Klage des Propheten: „Wir heilen
Babel; aber sie will nicht heil werden“, Jer. 51, 9. Bis vor
Kurzem hatte auch noch niemand, weder aus dem Lehr⸗ noch aus
dem Hörerstand, den Muth gefunden, mit dem Propheten weiter
zu sprechen: „So laßt sie fahren und laßt uns ein jeglicher in
sein Land ziehen!“ Wohl hatten sich innerhalb der Landeskirche
etliche sogenannte Protestgemeinden gebildet, das heißt, es hatte
sich an drei oder vier Orten ein Theil der Gemeinde geweigert,
einen liberalen Pfarrer, der bei eingetretener Vacanz an den
betreffenden Ort berufen worden war, als ihren Seelsorger an⸗
zuerkennen, woraufhin ihnen von der Kirchenbehörde gestattet
wurde, sich einen eigenen gläubigen Pastor zu berufen. Ihre
Verbindung mit der Landeskirche haben aber auch diese Protest⸗
gemeinden nicht gelöst; sie werden noch als Glieder der Landes⸗
kirche angesehen und wollen es auch sein. Würde an Stelle des
liberalen Ortspfarrers ein positiver treten, so würden sie sich der
Landeskirche wieder voll und ganz anschließen. Gerade sie sind
es, die eine Separation von der Landeskirche, wie sie nun hier in
Mülhausen entstanden ist, für unrecht erklären und bekämpfen
zu müssen meinen. Und doch ist reinliche Scheidung, völlige
Trennung von der verderbten Staatskirche, der einzige, von
Gott selbst gewiesene Weg, auf dem die Christen das ihnen an⸗
vertraute Kleinod der lutherischen Wahrheit sich und ihren Kin⸗
dern erhalten können. Das erkannte durch Gottes Gnade nach
langen Kämpfen auch der seit zwölf Jahren an der hiesigen lan⸗
deskirchlich⸗lutherischen Gemeinde arbeitende damalige Pfarr⸗
vicar P. Löffler (jetzt Pastor unserer freikirchlichen Gemeinde in
Hamburg) und erklärte darum, von seinem in Gottes Wort ge⸗
bundenen Gewissen gedrungen, im vorigen Sommer seinen Aus⸗
tritt aus der Landeskirche und wandte sich an unsere Synode um
Aufnahme. Leicht ist ihm dieser Schritt sicherlich nicht geworden.
War doch die Gemeinde unter seiner Pflege herangewachsen von
100 auf rund 1000 Seelen und hatte nun eben eine schöne
Kirche gebaut, die kurz nachher eingeweiht wurde, sowie ein
Pfarrhaus. Diesem Umstande ist es wohl auch zum Theil mit
zuzuschreiben, daß nur sehr wenige seiner früheren Gemeinde⸗
glieder ihm folgten. Die schöne neue Kirche im Stich lassen und
statt dessen in einem gemietheten Saal sich versammeln — dazu
gehört schon eine große Freudigkeit. Die fehlte den meisten,

*) „Ev. auch. Zriedensbote aus Elsaß⸗Lothringen“ 1905, S. 233 f.

und so blieben sie in der Landeskirche, und man verschaffte ihnen
möglichst bald einen gläubigen, landeskirchlichen Pfarrer, so daß

nun auch die Gewissen derer, die durch P. Löfflers Zeugniß auf⸗

gerüttelt waren, sich wieder beruhigten. Dazu feierte der Teufel
auch nicht und suchte die Sache der Freikirche auf alle Weise zu
hindern und zu unterdrücken. Aber das ist ihm nicht gelungen.

Schon im September vorigen Jahres constituirte sich hier
ein kleines freikirchliches Gemeindlein, das einen Vertreter zu
unserer Ende September in Chemnitz tagenden Synodalver⸗
sammlung entsandte. Da P. Löffler leider nicht in Mülhausen
bleiben konnte, wandte sich die neugebildete Gemeinde, deren
Glieder in großer Opferwilligkeit sich bereit erklärten, jährlich
rund 1500 Mark aufzubringen, mit der Bitte um geistliche Ver⸗
sorgung an unsere Synode. Diese Bitte wurde insofern ge⸗
währt, als die Synode der Berliner Gemeinde die Bitte vor⸗
legte, ihren Seelsorger, P. Amling, auf etliche Monate nach
Mülhausen gehen zu lassen, damit man zunächst einmal sehen
könne, wie sich die Sache weiter entwickeln werde, und ob es sich
lohne, in Mülhausen ein eigenes Pfarramt aufzurichten oder
nicht. Die Berliner Gemeinde willigte ein, und so hat P. Am⸗
ling von October bis December vorigen Jahres hier treulich
Pionierdienste gethan. Da es sich dabei herausstellte, daß die
Sache der Freikirche hier im Elsaß — menschlich geredet —
keineswegs aussichtslos sei, an eine Mitversorgung der neuen
Gemeinde durch den Pastor einer unserer alten Gemeinden aber
nicht zu denken war, trat man dem Gedanken an Errichtung
eines Pfarramts in Mülhausen näher.

Wie aber sollte dieser Gedanke ausgeführt, woher sollten
die Mittel zur Erhaltung des Pfarramtes genommen werden?
Die rheinische Conferenz unserer Synode, die sich in Gemein⸗
schaft mit P. Amling zunächst mit der Sache zu befassen hatte,
machte nach reiflicher Erwägung aller Umstände folgenden Vor⸗
schlag: unsere alte Synodalgemeinde in Wiesbaden und Frank⸗
furt, die bisher von Pfarrer Hempfing in Allendorf an der Ulm
mitbedient worden war, solle sich mit der neuen Gemeinde im
Elsaß zu einer Parochie vereinigen und gemeinsam mit dieser
einen Pfarrer berufen, der seinen Wohnsitz in Mülhausen haben
und von dort aus Wiesbaden und Frankfurt mitbedienen solle.
Auf diese Weise hoffte man, den neuen Posten im Elsaß, den
uns Gott zugewiesen hatte, halten zu können und zugleich der
Gemeinde in Wiesbaden⸗Frankfurt, die auch schon lange ein
eigenes Pfarramt wünscht und nöthig hätte, eine regelmäßigere
Versorgung, als sie bisher möglich gewesen war, zu verschaffen,
ohne dabei an die Opferwilligkeit unserer americanischen Glau⸗
bensbrüder allzuhohe Anforderungen stellen zu müssen. Ganz
ohne eure Hülfe, ihr lieben Glaubensgenossen, wird es freilich
trotzdem nicht gehen (zählen doch die beiden Gemeinden zusammen
nur wenig über 100 Seelen), und wir haben darum P. Amling
ein Bittgesuch an die Ehrw. Delegatensynode mitgegeben, über
dessen Schicksal, wenn diese Zeilen im „Lutheraner“ erscheinen,
bereits entschieden sein wird. Es wird uns ja schwer, immer

wieder mit Bitten vor die lieben Glaubensgenossen drüben zu

treten, zumal da wir wissen, daß es dort auch gar manche Noth
zu lindern und gar manches Loch zu stopfen gibt. Und doch,
wenn man sieht, wie der HErr immer wieder Herzen und Hände
willig macht, so bekommt man auch wieder Muth zum Bitten.
Wir bitten ja nicht für uns, sondern für den, der „arm ward

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