Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 15 › Seite 234

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Juli 1908, Seite 234

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang · Geſang 1 · Geſang 2 · Geſang 3 · Geſangbuch 2 · Geſang 1 · Gemeindegeſang · Gemeindegeſang · Gemeindegeſang 3 · Gemeindegeſang 5

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8Der V.„Tutheranses

Wiederum auch sollst du wissen, was du für Schaden tust,
wo du hierin das Widerspiel tust. Denn so dir Gott ein Kind
gegeben hat, tüchtig und geschickt zu solchem Amte, und dur
erziehst's nicht dazu, siehest allein auf den Bauch und zeitliche
Nahrung, so nimm vor dich das Register, droben gestellt, und
durchlauf dasselbe in seinen angezeigten guten Werken und
Wundern, so wirst du sehen und finden, welch Frömmlein und
Kräutlein du bist. Denn soviel an dir ist, so entziehst du Gott
einen Engel, einen Diener, einen König und Fürsten in seinem
Reich, einen Heiland und Tröster der Menschen an Leib und
Seele, an Gut und Ehre, einen Hauptmann und Ritter wider
den Teufel, damit du einräumest dem Teufel und förderst ihm
sein Reich, also daß er die Seelen in Sünden, Tod, Hölle behält
und viel mehr hinein täglich bringt und allenthalben obliegt,
die Welt in Ketzerei, Irrtum, Unfriede, Krieg und Hader bleibt
und täglich ärger wird; dazu Gottes Reich, christlicher Glaube,
die Frucht des Leidens und Bluts Christi, das Werk des Hei⸗
ligen Geistes, das Evangelium und aller Gottesdienst unter⸗
geht und aller Teufelsdienst und Mißglauben überhand nimmt.
Welches alles hätte mögen unterbleiben und verhindert, dazu
auch gebessert werden, wo dein Kind dazu gezogen und gekom⸗
men wäre. Süther. (, 422 ff.)

Das enangelisch⸗lutherische Kirchenlied.v

I.

Daß unser Kirchenlied für uns Christen ein Gegenstand
von hoher Wichtigkeit ist und es daher vollauf verdient, in
einem unserer kirchlichen Blätter behandelt zu werden, das
leuchtet ohne weiteres ein. Ist doch das Kirchenlied
eins der vornehmsten Mittel unserer Erbauung!
Was ist nämlich das Kirchenlied? Es ist der dichterische Aus⸗
druck religiöser Gedanken und Empfindungen, wie sie durch
den Glauben an die großen Taten Gottes zu unserer Seligkeit
und durch die Liebe zu Christo hervorgerufen worden sind.
Es ist die ganze Theologie, in einfache, volkstümliche, allgemein
verständliche, singbare Form gebracht, und was die Bibel, der
Katechismus, Predigt⸗ und Andachtsbücher in ungebundener
Rede bringen, das bringt das Kirchenlied in dichterischer Form.
Fromme, von dem Heiligen Geist erleuchtete Sänger haben
darin das, was sie geglaubt, gelebt, erfahren haben, zum Aus⸗
druck gebracht, und was sie empfunden haben, das ist uns
aus dem Herzen gesprochen. Ihre Lieder sind nun unsere
Lieder. In ihnen bekennen wir unsern allerheiligsten Glauben,
loben und preisen wir Gott für alle seine leiblichen und geist⸗
lichen Wohltaten, beichten wir bußfertigen Herzens unsere
Sünde, klagen wir Gott unsere Not, schöpfen daraus Trost in
Leiden, Ermunterung und Stärkung in Schwachheit und fröh⸗
liche Hoffnung auf Erlösung von allem übel. Was der Christ
in allen Lebenslagen bedarf, das findet er hier in schöner, zu
Herzen gehender Weise ausgesprochen, und so sind ihm diese
Lieder ein unbezahlbarer Schatz. Allsonntäglich lassen wir sie
in unsern Kirchen gemeinschaftlich erschallen und dienen damit

1) Vor einiger Zeit hielt der Unterzeichnete auf die Bitte der Studen⸗
ten zu St. Louis in dem dortigen Seminar einen Vortrag über das
evangelisch⸗lutherische Kirchenlied. Auf wiederholte Aufforderung, diesen
Vortrag für den „Lutheraner“ zu bearbeiten, hat er sich dazu bereit finden
lassen, in der Hoffnung, daß damit unserm Christenvolk ein kleiner Dienst
geschieht.

unserm Gott, und auch im Hause singen wir sie zu unserer
Privatandacht oder sprechen sie wenigstens und lassen sie als
Gebet zu Gottes Thron emporsteigen. Wahrlich, wir möchten
diese Lieder nicht entbehren! Ode erschiene uns unser ganzes
Christenleben, wenn wir sie nicht hätten.

Aber ist unser Kirchenlied für uns als Christen so
wichtig, so noch viel mehr für uns als Lutheraner. Das
erkennen wir, wenn wir erwägen, in welch engem Zu⸗
sammenhang es mit unserer lieben lutheri⸗
schen Kirche steht. Sieh dir einmal, lieber Leser, in
deinem Gesangbuch die Jahreszahlen unter den dir so lieb
gewordenen Liedern an, so wirst du merken, daß sie mit ver⸗
schwindend wenigen Ausnahmen erst von der Zeit an entstan⸗

den sind, wo man 1523 schrieb. (Vgl. das Lied No. 243.)

Du wirst dich nun erinnern, daß das die Zeit war, wo eben
das herrliche Werk der Kirchenreformation seinen Anfang ge⸗
nommen hatte. Wenn du nun daraus den Schluß ziehst, daß
unser köstliches Kirchenlied uns mit der Reformation geschenkt
worden ist, so bist du im rechten. Denn es ist in der Tat eine
Gabe der Reformation. Mit unserer lieben lutherischen Kirche
ist auch unser Kirchenlied entstanden, und zwar als ein mit
derselben unzertrennbar verbundenes Gut. Das mußte soj
sein, wie du bald sehen wirst. Sind dir also die schönen Lieder
deines Gesangbuchs um ihrer selbst willen ein teurer Schatz,
so müssen sie dir als eine Gabe, die gerade deinen Kirche eigen
iit, erst recht ein solcher sein. Und obwohl auch andere Kirchen⸗
gemeinschaften nach und nach ihre Kirchenlieder erhalten haben,
so dürfen doch gerade wir Lutheraner uns vor ihnen allen
rühmen, daß wir die schönsten, gehaltvollsten, kernigsten Kir⸗
chenlieder besitzen, um die sie uns mit Recht beneiden. Dessen
sollen wir wohl gedenken, daß wir stets erkennen, wie reich
uns Gott auch in dieser Hinsicht gesegnet hat.

Solltest du, lieber Leser, nach allem diesem nicht gern
etwas über unser Kirchenlied erfahren wollen? Gewiß! Nun,
so laß dir zunächst erzählen, wie unser Kirchenlied entstanden
ist, und wie es gekommen ist, daß gerade unsere lutherische
Kirche sich dieses Gutes erfreut. Aber um dir das klar zu
machen, muß ich dich erst weit zurückführen in die Zeit vor der
Reformation und dir zeigen, wie es damals mit dem Ge⸗
meindegesang bestellt war. Denn das mußt du festhal⸗
ten: Kirchenlied und Gemeindegesang gehören zusammen.
Ohne Gemeindegesang läßt sich das Kirchenlied nicht denken.
Ein Kirchenlied trägt nur dann mit Recht diesen Namen, wenn
es Eigentum der Gemeinde geworden ist und von ihr im Gottes⸗
dienst gesungen wird. Und aus dem Gemeindegesang ist das
Kirchenlied hervorgegangen. Aus dem Folgenden wirst du
nun sehen, was für eine wichtige Sache es um den Gemeinde⸗
gesang ist.

Wenn eine Gemeinde in ihrem Gottesdienste ein Lied
anstimmt, so tut sie damit etwas, wozu sie ein völliges Recht
hat. Das geht klar aus Gottes Wort hervor. Wenn es z. B.
im 96. Psalm heißt: „Singet dem SErrn, alle Welt“, oder
im 147. Psalm: „Singet umeinander dem HErrn mit Dan⸗
ken“, oder wenn der Apostel Paulus seinen Kolossern zuruft,
Kap. 3, 16: „Lehret und vermahnet euch selbst mit Psalmen
und Lobgesängen und geistlichen, lieblichen Liedern und singet
dem HErrn in eurem Herzen“, so kann es nicht dem geringsten
Zweifel unterliegen, daß, wenn die Christen in ihren Gottes⸗
diensten gemeinschaftlich ein Lied zum Preise ihres Gottes an⸗

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