Collection › Der Lutheraner (St. Louis, Missouri) › Jahrgang 64, Nummer 15 › Seite 235

Der Lutheraner St. Louis, Missouri — 28. Juli 1908, Seite 235

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Cited in Eckhardt's Reallexikon (1907) under: Geſang 2 · Gemeindegeſang 2

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Der 2„Tutheranedss

235

stimmen, sie damit ein gottwohlgefälliges Werk tun. Das

Recht, zu singen, ist ihnen von Gott selbst gegeben.

Sollte man es nun für möglich halten, daß die Christen⸗
heit jahrhundertelang um dieses Recht geschmälert worden ist?
Und doch ist es so. Das geschah in der Zeit, wo der Papst die
ganze christliche Welt beherrschte. Da gab es keinen Gemeinde⸗
gesang, und so konnten auch keine echten Kirchenlieder ent⸗
stehen. Ehe das Papsttum aufkam, war es anders. In den
allerersten Zeiten der christlichen Kirche bildete der Gesang der
Gemeinde einen wesentlichen Teil des Gottesdienstes, und wenn

auch der Gesang damals anders war als jetzt, indem er nur in

einem sprechenden Singen oder singenden Sprechen bestand,
etwa wie bei uns die Antiphonen gesungen werden, so war es
doch Gemeindegesang, und in den Schriften der älte⸗
sten Kirchenväter findet sich nicht eine Spur davon, daß sich
die Christen des Rechts begeben hätten, bei ihren gottesdienst⸗
lichen Zusammenkünften gemeinschaftlich zu singen. So blieb
es auch, als unter Kaiser Konstantin dem Großen im Jahre
324 die christliche Religion im ganzen römischen Reich zur
Herrschaft gelangte. Allerorts blieb der Gemeindegesang be⸗
stehen, ja er erlebte damals einen besonderen Aufschwung.
Das brachten die Verhältnisse mit sich. Während nämlich vor⸗
her in den Zeiten der Verfolgung die Christen ihre Gottes⸗
dienste im geheimen, in unterirdischen Gewölben, im Dickicht
der Wälder, auf einsamen Bergeshöhen abgehalten hatten, so
wurden die Gottesdienste jetzt öffentlich ausgeübt, und während
vorher meistens nur kleine Scharen sich zum Gottesdienste zu⸗
sammenfanden, so waren es jetzt oft Tausende, die in den
großen Hallen und sogenannten Basiliken gemeinschaftlich ihrem
Gott dienten. Da mußte notgedrungen der Gemeindegesang
eine andere Gestalt annehmen. Was nämlich die Christen bis⸗
her gesungen hatten, waren fast ausnahmslos die alttestament⸗
lichen Psalmen und die Lobgesänge des Neuen Testaments,
3. B. der Lobgesang der Maria: „Meine Seele erhebet den
HErrn“, der des Zacharias: „Gelobet sei der HErr, der Gott
Israels“, oder der Gesang der Engel bei der Geburt unsers
Heilandes: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Es war also Poesie
in Prosaform. Prosa aber singt sich schlecht. Ein Massen⸗

gesang einer musikalisch ungeschulten Menge ist nur möglich,

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mit bestimmter Silbenzählung zur Verfügung stehen.

wenn ihr regelmäßig gebaute, in Strophen abgeteilte Lieder
Nur so
kann beim Singen ein Durcheinander vermieden werden.
Solcher Lieder bedurften jetzt die Christengemeinden. Und da

war es vornehmlich Bischof Ambrosius von Mailand, 374 bis

397, der solche Lieder einführte, die, verbunden mit ihren ein⸗
fachen lieblichen Melodien, faft überall in Brauch kamen. An⸗
dere große Dichter, die die Kirche mit solchen Liedern versahen,
waren z. B. Sedulius von Achaia und Prudentius von Spa⸗
nien. Was diese Männer dichteten, waren echte Kirchenlieder,
in denen die ganze Gemeinde ihren Glauben bekennen konnte,
und heute noch singen wir einige von ihnen in deutscher Über⸗
setzung, so z. B. das Weihnachtslied No. 36: „Nun komm, der
Heiden Heiland“, das von Ambrosius herrührt, dem auch die
lateinische Fassung des herrlichen Tedeums, No. 337, zuge⸗
schrieben wird, ferner das Weihnachtslied No. 15: „Christum
wir sollen loben schon“ und das Epiphaniaslied No. 60: „Was

fürcht'st du, Feind Herodes, sehr“, die beide von Sedulius stam⸗

men, endlich das Begräbnislied No. 417, das auf ein Lied von
Prudentius zurückgeht. O. Hattstädt.

diese Weise besser.

Aus unserer ostindischen Mission.

4.

Nimm noch einmal, lieber Leser, die vorige Nummer des
„Lutheraner“ zur Hand, damit du gleich weißt, wovon ich rede.

Doch will ich jetzt nicht so der Reihe nach erzählen, wie
sich in Vadasery alles von Monat zu Monat entwickelt hat und
wie Missionar Hübener es in seinen Berichten genau darlegt.
Ich sage, so will ich nicht erzählen, denn das würde zu lang
werden, obwohl es freilich sehr interessant wäre. Sondern jetzt
will ich mitten in das Ganze hineingreifen und meine lieben
Leser einen Blick in die Zustände da tun lassen, einen Blick, der
sie mit Freude erfüllen wird.

Der Pastor Nathaniel hat ganz freiwillig und in Frieden
sein Amt niedergelegt und ist nun Gemeindeglied, ein fleißig
hörendes und lernendes Gemeindeglied. Wir wollen ihm das
zu großer Ehre anrechnen. Missionar Hübener ist jetzt Pastor
der Gemeinde. Zugleich natürlich ist er Missionar.

Die Hauptarbeit des Pastors und Missionars Hübener ist,
daß er die Getauften und die Ungetauften der „Gemeinde“ zu
Vadasery in Gottes Wort fleißig unterrichtet, damit Mann und
Weib, alt und jung eine klare und feste Erkenntnis der Haupt⸗
stücke der christlichen Lehre und der biblischen Geschichte erhält.
Diesen Unterricht erteilt er morgens und abends, wie er die
Leute gerade haben kann. Zuerst gab er diesen Unterricht
ziemlich allen zusammen. Aber jetzt macht er es anders. Seit
April teilt er die Leute in kleinere Gruppen, meist nach Fami⸗
lien, und unterrichtet sie so zu verschiedener Zeit und Gelegen⸗
heit. Dies macht ihm zwar viel mehr Arbeit, ist aber auch
viel besser. Denn auf diese Weise kann er die Leute besser
kennen lernen und sehen, wie reif oder unreif die einzelnen in
der Erkenntnis sind. Den Schwachen kann er so viel besser
nachhelfen. Besonders wegen der Frauen und Mädchen ist
Wie es zuerst, bei dem allgemeinen Unter⸗
richt, mit den Frauen und Mädchen war, das schildert er recht
interessant so: „Sie saßen in den Abendstunden am liebsten da,
wo es am allerdunkelsten war, hüllten sich tief in ihre Gewän⸗
der und taten den Mund nicht auf. Das Antworten über⸗
ließen sie einigen löblichen Ausnahmen und den Männern und
Kindern. Ob ich tobte, ob ich süß tat, ganz gleich, es war
nichts aus ihnen herauszubringen.“ Aber seit er sie jetzt in
kleinen Gruppen und nach Familien hat, ist es ganz anders.
Jetzt reden sie. Und er läßt immer gerade die Allereinfältig⸗
sten reden und ermuntert sie. — Der Missionar schreibt, daß er
bei diesem Unterricht im allgemeinen Lust und Liebe zu Gottes
Wort und Verlangen nach der heiligen Taufe findet. Freilich
sagt er, daß auch Gleichgültige da seien. Aber wo sind die
nicht? Haben wir in unsern Gemeinden hier nicht auch Gleich⸗
gültige? O HeErr, hilf!

Vor mir liegt ein schönes Bild, eine Photographie von
37 Männern und Frauen, Jünglingen und Jungfrauen, samt
einigen Kindern. Die machen die Erstlingsernte in Vadasery
aus. Die sind am Sonntage nach Ostern, am 26. April dieses
Jahres, getauft worden. Was für ein Freudentag muß das
für unsern lieben Missionar gewesen sein! Bald wollte er
noch eine zweite Schar taufen. Er schreibt: „Auch andere
hätten gleich mitkommen können (nämlich mit den erwähnten
37 Besten, was die christliche Erkenntnis anlangt). Da ich
aber die Familien nicht auseinanderreißen wollte, habe ich um

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